Pharmakonzern bleibt in der Nische – Vorstandschef Erlen sieht wenig Bedrohung durch Patentausläufe
Schering setzt auf Hormone für den Mann

Nach der Pille für die Frau steigt Schering stärker ins Geschäft mit Hormonen für den Mann ein. Vorstandschef Erlen bleibt der Devise treu: Schering will vor allem in Nischenmärkten seine Position festigen.

BERLIN. Die Schering AG stärkt ihr Geschäft mit Hormonmitteln für den Mann: Für einen nicht genannten Preis hat der Berliner Pharmakonzern die Vermarktungsrechte an der Hormonersatztherapie Testogel von der französischen Firma Besins International gekauft. Das Produkt will Schering Anfang 2003 einführen, die Lizenz gilt für die meisten Ländern Europas.

Testogel ist zur Behandlung von Testosteron-Mangel zugelassen. Testosteron ist das wichtigste Geschlechtshormon des Mannes, das etwa den Bartwuchs sowie die Samenbildung regelt. Eine mangelhafte Eigenproduktion dieses Hormons führt bei Männern oft zu nachlassender Liebeskraft oder depressiven Verstimmungen.

Im Gespräch mit dem Handelsblatt kündigte Vorstandschef Hubertus Erlen an, dass Schering weitere Hormonpräparate für den Mann plane. Eine Pille für den Mann will der Konzern, der den Erfolg der letzten Jahrzehnte besonders der Pille für die Frau zu verdanken hat, frühestens im Jahr 2007 auf den Markt bringen. "Wir erwarten, dass sich der Markt für die männliche Fertilitätskontrolle erst allmählich entwickeln wird", sagte Erlen. "Anders verhält es sich beim Markt für männliche Hormontherapie, wo wir bei der Einführung von Testogel sofort sichtbare Umsätze erzielen werden." Er rechnet ab dem Jahr 2006 mit einem Umsatz von mindestens 50 Mill. Euro.

Mit dem Kauf der Testogel-Rechte folgt Schering seiner Strategie, in Nischenmärkten Produktfamilien mit neuen Präparaten zu gründen. "So sind wir resistenter gegen auslaufende Patente", sagte Erlen. Schering ist für die nächsten drei Jahre ohnehin geschützt: In dieser Zeit sind weniger als 3% des Schering-Umsatzes von auslaufenden Patenten bedroht. "Wir bleiben der Fels in der Brandung", sagte er.

Seit Jahren glänzt das Unternehmen mit steigenden Umsätzen und Erträgen. Ein Sorgenkind war in den letzten Monaten der stärkste Umsatzträger, Betaferon, - ein Medikament gegen Multiple Sklerose, das in immer stärkerem Wettbewerb steht. "Wir haben in der Zwischenzeit unsere Position gefestigt", sagte Erlen. Das aggressive Marketing zeige Wirkung.

In den USA macht Konkurrent Biogen mit dem Produkt Avonex Schering zu schaffen. Mit wissenschaftlichen Studien ist es Schering aber offenbar gelungen, Ärzte von den Betaferon-Vorteilen zu überzeugen. Die letzte Studie in dieser Reihe läuft noch: Zum ersten Mal tritt der Wirkstoff Beta-Interferon gegen das Medikament Copaxone vom israelischen Pharmaunternehmen Teva an und damit gegen ein Mittel aus einer anderen Wirkstoffklasse.

Wie lange Betaferon noch das umsatzstärkste Produkt von Schering bleibt, wollt Erlen nicht schätzen. Im vorigen Jahr erwirtschaftete der Konzern von 4,8 Mrd. Euro Umsatz rund 668 Mill. Euro mit dem Medikament. An Lizenzgebühren muss Schering 27,5% des Erlöses an die US-Firma Chiron abführen. Laut Erlen sinkt der Beitrag ab Anfang 2004 auf 23%.

Auf der Suche nach weiteren Zukäufen ist Schering noch nicht wieder fündig geworden. Der Konzern hat rund 1,5 Mrd. Euro aus dem Verkauf der Anteile an Aventis Cropscience an die Bayer AG eingenommen und seither bereits die US-Biotechfirma Collateral sowie das Produkt Leukine von Immunex erworben. Erlen: "Wir führen aber auch noch Gespräche über verschiedene Optionen in der Dermatologie-Sparte." Hauterkrankungen und Krebstherapie stünden im Zentrum der Suche. Bisher macht die Schering-Sparte Dermatologie weniger als 5% des Gesamtumsatzes aus. Die drei gleich großen tragenden Umsatzsäulen sind Hormonprodukte, Diagnostika und Spezialtherapeutika.

Eine Enttäuschung mit neuen Produkten habe Schering mit Zevalin erlebt, sagte Erlen. Schering musste die Einführung für das Krebsmedikament in Europa um ein Jahr in das zweite Halbjahr 2003 verschieben. Grund sei die europäische Zulassungsbehörde gewesen, die Nachbeserungen beim Herstellungsprozess gefordert habe. Dem Schlachtruf von Giuseppe Vita, seinem Vorgänger, "USA, USA, USA" bleibt Erlen treu: Das US-Geschäft habe Priorität. Längerfristig sei auch ein zweiter Schering-Vorstandssitz in den USA denkbar.

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