Pharmakonzerne reagieren auf politischen Druck und räumen armen US-Senioren Sonderrabatt ein
Novartis rüttelt am Preissystem

Große Pharmakonzerne reagieren auf den wachsenden Druck der US-Politik. Ältere Menschen sollen Sonderrabatte für teure Medikamente bekommen. Damit wollen die Konzerne gesetzlichen Eingriffen vorbeugen.

FRANKFURT/M. Die großen Pharmakonzerne geraten wegen ihrer Preisgestaltung auf dem amerikanischen Markt zunehmend in die Defensive. Sie bemühen sich daher, neue Modelle zu entwickeln, um gesetzlichen Einschränkungen zuvorzukommen. So hat der Schweizer Pharmariese Novartis jetzt angekündigt, ab Januar 2002 älteren amerikanischen Bürgern mit geringem Einkommen Medikamente zu deutlich ermäßigten Preisen zur Verfügung zu stellen.

Das Novartis CareCard-Programm soll etwa 10 Millionen Menschen zu Gute kommen. Der Baseler Konzern sieht darin ein mögliches Vorbild für andere Pharmahersteller: "Wenn alle Unternehmen ähnliche Programme auflegten, könnten ältere bedürftige Amerikaner in der nächsten Dekade 100 Mrd. $ Arzneimittelkosten einsparen", wirbt Novartis-Chef Daniel Vasella für die Initiative. Für sein neues Krebsmedikament Gleevec hatte Novartis vor einigen Monaten bereits ein Modell etabliert, das einkommensschwachen Patienten deutlich verbilligte Medikamente und teilweise sogar eine kostenlose Behandlung bietet.

Anfang Oktober hatte der britische Pharmakonzern GlaxoSmithkline Preisrabatte von 30 bis 40 % für ältere Bürger mit geringem Einkommen und ohne Krankenversicherung angekündigt. US-Gesundheitsminister Tommy Thompson begrüßte sowohl das Orange-Card-Programm von GlaxoSmithkline als auch die Novartis-Initiative. Dies seien innovative Lösungen: "Damit erhalten auch bedürftige Senioren Zugang zu verschreibungspflichtigen Medikamenten."

Die Arzneimittelversorgung älterer Menschen gilt seit Jahren als Achillesferse des amerikanischen Gesundheitssystems. Denn etwa 15 der knapp 40 Millionen Senioren in den USA sind nicht krankenversichert. Seit Jahren gibt es daher Überlegungen, das staatliche Medicare-Programm (das bisher nur Arztkosten abdeckt) auch auf Medikamente auszudehnen. Dies wiederum wäre für die Industrie mit der Gefahr eines stärkeren staatlichen Einflusses auf dem bisher ertragsstärksten Pharmamarkt der Welt verbunden.

Die Aids-Problematik in Afrika und zuletzt auch der wachsende Bedarf an Antibiotika gegen die Milzbrandgefahr haben die Preisdebatte zusätzlich intensiviert. Auch drängen mehrere US-Staaten intensiv auf eine kostengünstigere Medikamentenversorgung für ihre Angestellten.

Um dem staatlichen Preisdruck den Wind aus den Segeln zu nehmen, offerierte der US-Konzern Pfizer dem Staat Florida Unterstützung im Gesundheits-Management. Dabei geht es um eine bessere Betreuung chronisch Kranker, um damit teure Klinikaufenthalte zu vermeiden. Im Gegenzug kamen die Pfizer-Medikamente auf die Empfehlungsliste des staatlichen Medicaid-Programms, ohne dass Pfizer Rabatte gewähren musste.

Ob die neuen Preis-Modelle von Novartis oder Glaxo Schule machen, ist offen. Der französisch-deutsche Konzern Aventis zum Beispiel, der in den USA ebenfalls stark vertreten ist, hat nach eigenen Angaben bisher keine Pläne, dem Beispiel zu folgen. Industrieexperten verweisen zudem darauf, dass fast alle Unternehmen im Rahmen von "Indigent Programs" über Ärzte bereits kostenlose Medikamente für Bedürftige in ärmeren Ländern stellen.

Andererseits könnten die neuen Rabatt-Modelle den betreffenden Unternehmen Wettbewerbsvorteile bringen oder sogar neue Kunden erschließen, die sich bisher mangels Kaufkraft gar keine Medikamente leisten konnten. Auf Grund der ungenügenden Versicherung ist der Medikamentenverbrauch bei alten US-Bürgern bisher deutlich geringer als bei vergleichbaren Altersgruppen in Europa. Die Analysten von Lehman Brothers sehen daher in der Strategie von Glaxo einen Weg, mit geringeren Preisen ein höheres Volumen zu erkaufen.

Das Pharmageschäft ist wegen seiner Kostenstruktur für eine differenzierte Preisgestaltung relativ gut geeignet. Denn es ist geprägt durch sehr hohe Fixkosten für die Entwicklung und Markteinführung eines Medikaments, während die laufenden Herstellkosten meist weniger als ein Fünftel des Umsatzes ausmachen.

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