Philosoph fordert nach Terroranschlägen Dialog der Kulturen
Deutscher Buchhandel: Friedenspreis für Habermas

Der deutsche Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas ist am Sonntag mit dem renommierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden.

afp FRANKFURT/MAIN. Habermas rief in seiner Dankesrede in der Frankfurter Paulskirche zu einem Dialog der Kulturen nach den Terroranschlägen in den USA auf und warnte vor einem Sicherheitsstaat. Im Terrorismus äußere sich "der verhängnisvoll-sprachlose Zusammenstoß von Welten", die jenseits "der stummen Gewalt der Terroristen" eine gemeinsame Sprache entwickeln müssten, betonte 72-Jährige. An der Verleihung des Friedenspreis nahmen unter anderem Bundespräsident Johannes Rau, Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und Außenminister Joschka Fischer (Grüne) teil. Vor der Paulskirche demonstrierten nach Polizeiangaben rund 100 Menschen gegen die US-Angriffe auf Afghanistan.

"Die zum Selbstmord entschlossenen Mörder, die zivile Verkehrsmaschinen zu lebenden Geschossen umfunktioniert und gegen die kapitalistischen Zitadellen der westlichen Welt gelenkt haben", seien durch "religiöse Überzeugungen motiviert" gewesen, sagte Habermas zu den Selbstmord-Attentätern, die am 11. September Flugzeuge in das World Trade Center in New York und ins Pentagon in New York gelenkt hatten. Für sie verkörperten die Wahrzeichen der globalisierten Moderne "den Großen Satan". Als Grund für den religiösen Fundamentalismus nannte er auch den "Zerfall traditioneller Lebensformen" in ihren Heimatländern. Die Aussicht auf Besserung der Lebensverhältnisse sei dabei nur ein Teil. Entscheidend sei der "durch Gefühle der Erniedrigung blockierte Geisteswandel, der sich politisch in der Trennung von Religion und Staat ausdrückt".

Habermas betonte, wer einen Krieg der Kulturen vermeiden wolle, müsse sich die unabgeschlossene Dialektik des eigenen, abendländischen Säkularisierungsprozesses in Erinnerung rufen. Säkularisierung bezeichnet die Trennung von Staat und Religion. Der Friedenspreis-Träger mahnte, angesichts einer Globalisierung, die sich über entgrenzte Märkte durchsetze, erhofften sich viele nicht einen "globalisierten Sicherheitsstaat", sondern eine "weltweit zivilisierende Gestaltungsmacht".

Reemtsma hielt Laudatio

Die Laudatio auf den Preisträger hielt der Hamburger Sozialforscher Jan Philipp Reemtsma. Habermas hatte sich den Begründer und Leiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung persönlich als Redner gewünscht. Reemtsma sagte, Habermas sei "der Philosoph der Bundesrepublik Deutschland". Er nannte ihnen einen "der großen Theoretiker" des ausgehenden 20. Jahrhunderts und des beginnenden 21. Jahrhunderts. In der Begründung des Stiftungsrates des Friedenspreises heißt es: Habermas habe den Weg der Bundesrepublik Deutschland "ebenso kritisch wie engagiert" begleitet und werde von einer weltweiten Leserschaft als "der prägende deutsche Philosoph der Epoche" wahrgenommen.

Der 1929 in Düsseldorf geborene Habermas ist international hoch geachtet und für die Entwicklung einer kritischen Gesellschaftstheorie vielfach ausgezeichnet worden. Habermas geht in dieser Theorie davon aus, dass die Sprache der "Ort der Vernunft" ist und damit auch zugleich die Bedingung für die Mündigkeit der Bürger. Habermas begann seine wissenschaftliche Laufbahn 1961 mit einer Professur für Sozialphilosophie in Heidelberg. Er wurde international mit zwölf Doktorhüten geehrt. Habermas ist unter anderem Träger des Adornopreises der Stadt Frankfurt und des Geschwister-Scholl-Preises der Stadt München.

Der mit 25 000 DM dotierte Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wird seit 1950 jährlich an Persönlichkeiten aus Literatur, Wissenschaft und Kunst vergeben, die "zur Verwirklichung des Friedensgedankens" beigetragen haben. Im vergangenen Jahr war die algerische Autorin Assia Djebar ausgezeichnet worden.

Auszüge aus Reemtsmas Laudatio auf Habermas
Jürgen Habermas: Ein auch in China gefeierter Denker
Übersicht: Alle bisherigen Preisträger

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