Pioniergeist wichtiger als Buchhaltung
Neuer Markt: "Heißer Stuhl" Finanzvorstand

Die Wirklichkeit kann grausam sein. Zahlreiche Finanzvorstände von Unternehmen am Neuen Markt in Frankfurt mussten in den vergangenen Wochen ihren Schreibtisch räumen, nachdem die Träume von spektakulären Gewinn- und Umsatzzahlen wie Seifenblasen platzten.

dpa-afx HAMBURG/MÜNCHEN. Viele enthusiastisch gestartete Unternehmen der "New Economy", die rund um Software und Internet Millionen verdienen wollten, haben sich schlicht verrechnet. Ausgewiesene Finanzexperten wurden in den Gründertagen oft gar nicht erst gesucht. Pioniergeist war wichtiger als Buchhaltung.

Wie schnell das Vertrauen der Anleger in professionelles Wirtschaften schwindet, musste das Vorzeigeunternehmen am Neuen Markt, der Medienkonzern EM.TV, bitter erfahren. Nach Bilanzierungsfehlern stürzte die Aktie des Münchner Unternehmens ins Bodenlose. Finanzvorstand Florian Haffa verließ den "heißen Stuhl". Auch bei Lobster Technology, Ixos, varetis , Internet Media House und Mosaic Software suchten die Verantwortlichen neue Finanzchefs.Offiziell führen die Firmen meist persönliche Gründe für den Wechsel an, doch die Besetzung mit hochkarätigen Nachfolgern lässt in einigen Fällen auch eine andere Lesart zu. Die Börse kannte oft nur die Höchststrafe: drastische Kurseinbrüche.

Mangelhafte Rechnungslegung ein Hauptproblem

Eine Anfang 2001 erscheinende Studie belegt, dass Unternehmen am Neuen Markt fehlende Controllinginstrumente selbst als "deutliches Defizit" empfinden. An der Untersuchung der European Business School (EBS) in Oestrich-Winkel und der Münchner Unternehmensberatung L.E.K. Consulting beteiligten sich 68 von 151 befragten Unternehmen, die zwischen Mai 1999 und Juli 2000 an den Neuen Markt gegangen sind. Resultat: Das Problem beginnt häufig schon vor dem Gang aufs Parkett. Nur gut drei Viertel der Unternehmen stellen vor dem Börsengang eine Ist- und Plankostenrechnung auf; 61 % haben Etatsysteme und 57 % Kennzahlensysteme. Auch die Zahlungsunfähigkeit des Telekom - Dienstleisters Gigabell und des Softwareunternehmens Teamwork Information ist nach Ansicht von Branchenkennern die Folge mangelhafter Rechnungslegung.

Eine L.E.K.-Analyse aus dem vergangenen Jahr hatte bei 37 % der Unternehmen zum Zeitpunkt des Börsengangs Schwächen beim Planungssystem und bei 35 % Probleme mit dem Rechnungswesen festgestellt. "Viele haben den Börsengang als einmaligen Prozess unterschätzt", sagt die Professorin für Bank- und Finanzmanagement an der EBS, Ann-Kristin Achleitner. Dabei müssten börsennotierte Unternehmen ihre Anleger dauerhaft professionell betreuen.

Jetzt greifen die Wachstumsunternehmen zunehmend auf erfahrene Finanzexperten aus der "Old Economy" zurück. Bei der Softwarefirma varetis in München soll der alte Hase Herbert Bäsch die geforderte Professionalität garantieren. Als Finanzexperte mit Erfahrungen in klassischen Industrieunternehmen löste er Ende Oktober nach einer verfehlten Gewinnprognose bei varetis seinen Vorgänger Konstantin Becker ab. Der Aktienkurs des Unternehmens war schwer unter die Räder gekommen.

Das Unternehmen muss durchschaubar bleiben

"Man muss die Zahlen zum Sprechen bringen und richtig interpretieren", erläutert der 40-jährige Bäsch, der als Bankier und promovierter Diplomkaufmann Erfahrung bei einem französischen Mobilfunkanbieter sammelte und jahrelang in leitender Position im Veba-Konzern für Finanzen und Controlling zuständig war. Ein Finanzchef müsse sofort erkennen, wenn das Planziel bei Umsatz und Kosten verfehlt werde und umgehend gegensteuern. Darüber hinaus müsse die Kommunikation nach außen gepflegt werden, damit die Unternehmensentwicklung für Anleger und Investoren durchschaubar bleibe. Nur so könne ein Unternehmen glaubwürdig nach außen auftreten, betont Bäsch.

Fähige Köpfe hätten so manche Pleite am Neuen Markt verhindern können, schätzt der Frankfurter Personalberater Heiner Thorborg, der für Unternehmen Führungskräfte sucht. Börsenneulinge, die auch künftig ihrer Finanzplanung nicht den erforderlichen Stellenwert einräumen, dürften sich nicht wundern, wenn ihr Kurs, so ein Analyst, "wie ein Höhenmesser beim Absturz eines Flugzeugs in die Tiefe stürzt".

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