Pirelli kauft sich die Kontrolle über Telecom Italia
Analyse: Eine Übernahme auf italienisch

Die Logik der großen Schlagzeilen, die in diesen Wochen aus Italien kommen, erschließt sich dem Beobachter nicht unmittelbar. Da übernimmt der Reifen- und Kabelhersteller Pirelli mit Hilfe des Modekonzerns Benetton die Telecom Italia; nicht lange vorher kauft der Autoproduzent Fiat gemeinsam mit der Electricité de France den Stromversorger Montedison. Welchen Sinn haben diese Schachzüge? Und was steckt dahinter?

Auffällig ist, dass es sich bei den Akteuren jeweils um alteingesessene Unternehmen handelt, deren Wurzeln im traditionellen Industriegeschäft liegen. Wie Konkurrenten auf der ganzen Welt haben auch Fiat und Pirelli in den vergangenen Jahren massive Rationalisierungs- und Effizienzprogramme hinter sich; nicht nur die Kostenstrukturen wurden stark verbessert, sondern auch das Innovationstempo wurde gewaltig gesteigert. Jetzt steht die Suche nach Aktivitäten an, die höhere Wachstumsraten und größere Renditen versprechen als jene der traditionellen Kerngeschäftsfelder; sei es Strom, sei es Telekommunikation, beide erfüllen - zumindest in Italien - diese Bedingungen. Der übergeordnete Sinn der Übernahmen liegt somit auf der Hand, unabhängig davon, wie viele Schwierigkeiten deren konkrete Umsetzung verursachen wird.

So lautet die zweite und vielleicht wichtigere Frage, welche Bedingungen es in Italien gibt, die eine solch massive Expansion und Diversifikation zweier Traditionsunternehmen möglich machen. Erstens sind sowohl die Fiat-Gründerfamilie Agnelli als auch Marco Tronchetti Provera, der (eingeheiratete) Herr über Pirelli, Teil eines mächtigen Establishments. Diese Zugehörigkeit zu der wirtschaftlichen Elite verschafft ihnen nicht nur Prestige, sondern auch ein Mehr an Informationen, an Finanzierungsalternativen und auch an politischem Einfluss.

Beide Übernahmen, sei es Pirelli-Telecom, sei es Fiat-Montedison, sind auf Zustimmung, ja sogar Applaus der Regierung in Rom gestoßen, noch bevor überhaupt Details der Operationen bekannt waren. Es ist dabei unerheblich, dass es beide Male Vertreter der neuen Mitte-rechts-Regierung unter Silvio Berlusconi waren, die Beifall klatschten. Auch die Vorgängerregierungen haben sich stets in wirtschaftliche Belange eingemischt und nicht selten zu Gunsten des Establishments oder so genannter nationaler Interessen gehandelt. So wurden die Fusionspläne von Deutscher Telekom und Telecom Italia vor gut zwei Jahren mit diesem Hinweis von Rom auf Eis gelegt.

Neben der politischen Komponente spielt bei großen Übernahmen in Italien auch die oft instabile und komplexe Eigentümerstruktur eine wichtige Rolle. Viele Konzerne werden, wie im Falle Telecom Italia, über lange Ketten von Zwischenholdings kontrolliert.

Deshalb kann man mit relativ geringen Mitteln sehr große Unternehmen steuern. Pirelli gibt gerade einmal 2,5 Mrd. Euro in bar aus, um sich eines Konzerns zu bemächtigen, dessen Börsenwert bei 55 Mrd. Euro liegt. Auch ist die Offenheit gegenüber den Märkten bei weitem nicht so ausgeprägt, wie es sein sollte. So dementierte Tronchetti Provera noch vor wenigen Tagen öffentlich, dass Pirelli Telecom übernehmen werde.

Für den Finanzplatz Italien sind dies keine guten Signale. Denn sie senden Zeichen der Intransparenz und der Privilegierung Einzelner aus. Nach wie vor werden zu viele gewichtige Entscheidungen nach eher politischen Kriterien hinter verschlossenen Türen, in den sprichwörtlichen "guten Stuben", denn nach den klaren Regeln des Marktes entschieden. Gemessen an Standards der führenden Volkswirtschaften kann man diese Strukturen beim besten Willen nicht modern nennen.

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