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Pisa und kein Ende: Wie müssen sich die Schulen ändern, Frau Mohn?

Mit unserem jetzigen Schulsystem verschenken wir wichtige Entwicklungsstufen unserer Kinder. Mich erschreckt es, wenn ich höre, dass fast ein Viertel der 15-jährigen Schüler laut Pisa-Studie nicht in der Lage ist, alltägliche Situationen praktisch zu meistern.

Das kann sich unsere Gesellschaft nicht leisten. Lesekompetenz, mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenz werden meiner Erfahrung nach in der Schule zu wenig individuell gefördert. Mit Druck und Anweisungen kommt man meiner Erfahrung nach nicht weiter. Am wichtigsten ist, dass jedes Kind - ob normal begabt, hoch begabt oder mit schwierigem Bildungshintergrund - entsprechend seiner Begabung gefördert wird.

In diesem Zusammenhang müssen wir meines Erachtens vor allem den beruflichen Realitäten ins Auge blicken. Viele Frauen sind berufstätig, zu wenige bekommen Kinder. Die Einführung weiterer Ganztagsschulen könnte das Problem lösen, da die Kinder dann einen ganzen Tag versorgt wären. Die Mütter müssten nicht auf ihren Beruf verzichten. Außerdem brauchen die individuelle Förderung der Kinder und die Flexibilisierung des Unterrichts jenseits der sechs mal 45 Minuten genügend Zeit. Die Ganztagsschule wäre also ein Schritt in die richtige Richtung.

Derzeit haben unsere Kinder Wettbewerbsnachteile für den Start ins Leben - nicht zuletzt auch deshalb, weil viele Lehrer den Anforderungen nicht gewachsen sind. Nur noch 12 % der Lehrer halten bis zum Pensionsalter durch, Regelfall ist der vorzeitige Ruhestand. Im Durchschnitt quittieren Lehrer ihren Dienst mit 58 Jahren. Jeder dieser Fälle kostet den Steuerzahler 250 000 Euro extra. Fast jeder zweite für dienstunfähig erklärte Lehrer leidet an Nervenerkrankungen.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Wir tun zu wenig für eine gute Ausbildung der Lehrer - sie sind heute in erster Linie Experten für ihr Fach und keine Pädagogen, die den Schülern Werte vermitteln und Orientierungshilfe im Alltag geben können. In unserer Wissensgesellschaft geht das Gemeinschaftsgefühl verloren, diesem Trend müssen die Pädagogen entgegenwirken. Schule muss wieder auf das Erwachsenwerden, Beruf, Partnerschaft und Elterndasein vorbereiten. Dann könnten auch gewaltbereite Jugendliche in vernünftige Bahnen gelenkt werden.

Natürlich gibt es auch viele gute Pädagogen - sie müssen wir gezielt mit praxisnaher Ausbildung und Fortbildung unterstützen. Die Lehrerausbildung sollte um eine didaktisch-methodische Ausbildung ergänzt werden, das wäre eine Investition für die Zukunft. Ich sehe den Schwerpunkt so: Lehrer müssen geschult werden, damit sie die Stärken und Schwächen ihrer Schüler diagnostizieren können. Das ist schließlich die Voraussetzung für eine individuelle Förderung. Vielleicht werden unsere Lehrer auch zu schlecht bezahlt: Ich würde daher auf den Anreiz einer leistungsgerechten Entlohnung setzen. Diesen Anreiz gibt es bislang nicht.

Darüber hinaus ist die Schulzeit mit 13 Jahren bis zum Abitur im europäischen Vergleich zu lang. Der Schulabschluss sollte, je nach Begabung und Lernstand, früher oder später abgelegt werden können. Jeder Schüler sollte also entlang eines individuellen Bildungsplans arbeiten, der vom Lehrer ausgearbeitet wird. Dies heißt zum Beispiel, dass ein Schüler in Deutsch das Niveau der 6. Klasse, in Mathematik aber bereits das Niveau der 8. Klasse erreicht haben kann. Ein begabter Schüler sollte nach zehn oder elf Jahren das Abitur ablegen können, ein weniger begabter erst nach 13 Jahren. Es kommt darauf an, dass möglichst viele Schüler einen guten Schulabschluss machen.

Einen zentralen Schulabschluss wie in Bayern unterstütze ich nur mit Einschränkung. In jedem Fall aber sollten die Lehrpläne entschlackt und bundesweit geltende Mindeststandards geschaffen werden. Wie die jeweilige Schule diese Standards erreicht, müsste sie selbst bestimmen können. Die Schule muss sich am Erreichen dieser Ziele messen lassen, Ziel ist aber kein Schulranking.

Um ein besseres Bildungsniveau zu erreichen, ist die Vermittlung von lebendigem und vernetzbarem Wissen notwendig. Frontalunterricht und 45-minütige Unterrichtsstunden sollten einer Mischung aus wenig frontalen und vielen offenen Unterrichtssituationen weichen. Dazu gehört auch Einzel- und Teamarbeit. Außerdem sollten die Schulen sich weiter öffnen und eng mit lokalen und regionalen Partnern wie Unternehmen, Bibliotheken, Museen und sozialen Einrichtungen zusammenarbeiten. In der Schule muss es mehr Praxisbezug geben.

Aufgezeichnet von Petra Schäfer.

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