Pischetsrieder geht zu Piëch auf Distanz
Künftiger VW-Chef stimmt neue Töne an

Der künftige VW-Chef Bernd Pischetsrieder hat sich deutlich vom amtierenden Vorstandsvorsitzenden Ferdinand Piëch abgesetzt. So will er die Konzerntöchter enger an die Leine nehmen - mit möglicherweise weit reichenden Konsequenzen für die Modellpolitik. Auch die Strategie im Lkw-Geschäft stellt er in Frage.

FRANKFURT. Bernd Pischetsrieder will die Zügel bei VW anziehen. "Interner Wettbewerb ist wichtig, aber nicht alles", sagte der künftige Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG in einem Gespräch mit dem Handelsblatt. Er werde daher "die Freiheit der Konzerntöchter auch mal etwas einschränken müssen" - sofern es dem Wohl des Gesamtkonzerns diene. Damit verschiebt Pischetsrieder den Schwerpunkt gegenüber seinem Vorgänger Ferdinand Piëch, der die Töchter vor allem an ihrem Gewinn gemessen hat.

Diese neue Ausrichtung hat weit reichende Folgen für die Modellpolitik. Denn in der Modellpolitik scheint Pischetsrieder Schwerpunkte setzen zu wollen. Der 53jährige ist seit Sommer 2000 nicht nur Konzernvorstand für Qualitätssicherung, sondern auch Chef der spanischen VW-Tochter Seat, der er ein neues Markenimage zu verschaffen sucht. Am vergangenen Freitag wurde er vom Aufsichtsrat zum künftigen VW-Chef ernannt.

Nach seiner Ansicht muss der Konzern künftig die Produktpolitik besser abstimmen und mehr Marktsegmente abdecken, anstatt jede Fahrzeugklasse mit mehreren Marken zu bedienen. Als Beispiel nannte er die Stufenheckvarianten von VW Polo, Seat Cordoba und Skoda Fabia, von denen mindestens eine entbehrlich sei. So soll auch der neue Skoda Superb seine Käufer vor allem in Osteuropa finden, um dem ähnlichen VW-Passat möglichst wenig Konkurrenz zu machen. Die Marken müssten sich stärker differenzieren. Entscheidend sei nicht die Sicht der Techniker, sondern die der Kunden: "Was der Kunde nicht wahrnimmt, bringt nichts."

Doch auch das Zuliefergeschäft will Pischetsrieder stärker in eigene Hände zu nehmen. Durch die gemeinsamen Zulieferteile werde der Wettbewerb der Hersteller immer schwieriger, sie hätten immer weniger Möglichkeiten, sich von einander abzugrenzen. Der designierte VW-Chef kann daher dem japanischen Keiretsu-System einiges abgewinnen. Hierbei schließen Autohersteller mit Zulieferern enge und zum Teil auch exklusive Bündnisse.

Der ehemalige BMW-Chef, der 1999 die Konsequenzen aus dem gescheiterten Engagement der Münchener bei Rover ziehen musste, spricht offen über Schwachstellen im Volkswagen-Konzern. VW habe eine Schwäche im Bereich Elektronik und Elektromechanik. Diesen Mangel könne man aber auch durch Akquisitionen beheben. "Das würde ich nicht als erste Priorität sehen, aber wenn sich die Gelegenheit ergibt - warum nicht?" Allerdings hätten viele in der Branche zurzeit das gleiche Problem. Passende Unternehmen seien deshalb nicht auf dem Markt.

Schon in seiner Zeit als BMW-Chef stand Pischetsrieder der radikalen Ausgliederung von Produktionsteilen skeptisch gegenüber. Letztlich müsse man zwischen exklusiven Produkten mit Alleinstellungscharakter oder billigen aber verwechselbaren Lösungen wählen. Diese Abwägung müsse jeder Konzern für sich treffen. Als Schlüsselbereich betrachtet er etwa die Sitze, die das Fahrgefühl prägten. Es sei problematisch, wenn deren Technologie weltweit nur noch von zwei großen Zulieferern beherrscht wird.

Von einer Kapital-Verflechtung mit Zulieferern, wie sie Piëch vor einigen Tagen ins Gespräch gebracht hatte, hält Pischetsrieder jedoch wenig. Piëch hatte es als "gute Idee" bezeichnet, eigene Aktien an Thyssen-Krupp abzugeben, um sich so auch gegen feindliche Übernahmen zu wappnen. "Als reine Defensivmaßnahme ist so etwas völlig sinnlos. Jammerlappengetue haben wir nicht nötig." Über ein solches Bündnis könne man nur nachdenken, wenn sich VW dadurch exklusiven Zugang zu einer Technologie oder einen anderen strategischen Vorteil verschaffe.

Neue Töne schlägt Pischetsrieder auch beim Geschäft mit schweren Lastwagen an. Während Piëch große Ambitionen im Nutzfahrzeuggeschäft hegt, hält sich sein Nachfolger alle Optionen offen: Wenn VW weltweit nicht die Nummer zwei werden könne, müsse man auch über einen Rückzug aus diesem Geschäft nachdenken. Denn das Standbein in Lateinamerika und die Beteiligung an der schwedischen Scania reichten nicht aus, um den zweiten Platz hinter Daimler-Chrysler zu erreichen. Der Konzern müsste sich durch einen Zukauf eine stärkere Präsenz in Westeuropa sichern. Sollte das nicht klappen, "machen die beiden anderen Teile langfristig auch keinen Sinn". Pischetsrieder will sich dabei nicht unter Druck setzen lassen. "Diese Frage muss sicher nicht in den nächsten sechsunddreißig Monaten entschieden sein."

Der künftige VW-Chef will seine Ziele offenbar ohne große organisatorische Veränderungen durchsetzen. "Organisation ist nicht das Thema", sagte er. Allerdings müsse "das Konzert der Töchter letztlich dem Wohl des ganzen Unternehmens dienen". Wie das Wohl des Konzerns zu definieren ist, behält Pischetsrieder vorerst für sich. Plakative Ziele wie die 6,5 % Umsatzrendite, die Piëch vorgegeben hatte, brächten das Unternehmen nicht weiter. In schlechten Zeiten erreiche sie niemand in der Branche, das sage nichts über die Qualitäten. "Man kann Ziele nur relativ zum Wettbewerb setzen", sagt Pischetsrieder. Dann gibt er sein eigenes vor: VW müsse zu den zwei oder drei rentabelsten Autokonzernen gehören.

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