Pischetsrieder muss Weichen stellen
Bernd Pischetsrieder: Ein feiner Mann fürs Grobe

Auch wenn Bernd Pischetsrieder erst in einem halben Jahr VW-Chef wird, richtet er den Konzern schon jetzt neu aus. Mit der geplanten Organisationsänderung könnten zahlreiche Top-Manager Macht verlieren. Pischetsrieder muss sich durchsetzen - nächste Woche im Aufsichtsrat.

Nun, sagt der Mann aus der obersten VW-Etage, könne der Neue ja seine Pläne auf den Tisch legen. Der Manager lehnt sich zurück. Die Ideen könne man sich dann anschauen. Danach werde man wohl auch darüber reden und dann, der Gesprächspartner legt eine kleine Pause ein, dann werde man sehen. Sätze wie Gummi empfangen Bernd Pischetsrieder, formvollendet, federnd und doch gefährlich. Wer dagegen rennt, prallt ab.

Ende nächster Woche wird sich zeigen, ob Pischetsrieder doch zum Ziel kommt. Am Freitag tagt der VW-Aufsichtsrat, und er wird nicht nur die Investitionsplanung für die nächsten fünf Jahre beschließen, sondern auch eine neue Konzernorganisation. Obwohl Pischetsrieder, 53, erst in einem halben Jahr offiziell die Nachfolge von Ferdinand Piëch antritt, muss das Organigramm seinen Stempel tragen. Für den Neuen wird es ernst.

Das erste Opfer der Rochaden an der Spitze scheint festzustehen. Die Audi-Manager richten sich bereits auf den Abgang ihres Chefs Franz-Josef Paefgen ein. Seit Piëch den 55-Jährigen im Juni im Kreis von Journalisten bloßstellte und Audi "Stillstand" vorwarf, gilt Paefgen als Auslaufmodell. Selten zuvor wurde in Deutschland ein erfolgreicher Automanager so demontiert. Warum das geschah, können weder Audi-Manager noch VW-Aufsichtsräte schlüssig erklären.

Paefgen versucht sich bei seinen öffentlichen Auftritten nichts anmerken zu lassen. Er konzentriert sich auf die Weitergabe seiner Rekordzahlen - frei nach dem Motto "Zahlen lügen nicht". Allein im Oktober hat Audi trotz Konjunkturkrise in Deutschland fast ein Viertel mehr Autos verkauft als ein Jahr zuvor.

Die Freude eines Automanagers sieht anders aus

Die Haare mit Gel zurückgekämmt, die Wangen nur leicht gerötet, weist er alle Fragen nach dem VW-Konzern und dessen Lenker zurück. Auch die Anfeindungen der Audi-Aktionäre auf der Hauptversammlung gegen Konzernherrscher Piëch parierte er ohne sichtliche Emotion. Im Beisein von Piëch verteidigte er brav die Konzernmutter. Dennoch: Die Freude eines Automanagers, der einen Rekord nach dem anderen einfährt, sieht anders aus. Kein Wunder, wenn auf den Fluren der Audi-Zentrale in Ingolstadt Wetten auf den Abgang des Chefs geschlossen werden. Immerhin setzten manche noch dagegen, sagt ein Audi-Manager.

Die Situation ist in Ingolstadt nicht neu. Der Audi-Chefsessel ist seit Piëch - bis 1993 selbst Audi-Chef - ein Schleudersitz. Paefgens Vorgänger Franz-Josef Kortüm und Herbert Demel mussten vorzeitig gehen. Die Begründungen sind bis heute vage. Kortüm sei zu schwach gewesen, heißt es, Demel dagegen zu stark. Paefgen könne man eigentlich nur die schlagzeilenträchtigen Unfälle des Sportwagens TT und die Absatzschwäche des Alu-Kompaktwagens A 2 vorwerfen, heißt es im Unternehmen. Doch beides brachte Piëch nicht wirklich um den Schlaf.

Die öffentliche Demontage Paefgens berührt den Kern der künftigen Strategie. Das Gegeneinander von VW und Audi in der Luxusklasse hat sein Verhältnis zu Piëch strapaziert, bei der Lösung des Problems ist für den Audi-Chef offenbar kein Platz mehr. In der nächsten Woche soll die Aufteilung der Konzernmarken in zwei Sparten beschlossen werden: Skoda, Volkswagen und Bentley gehören in die eher konservative oder, wie Pischetsrieder sagt, "nördliche" Gruppe. "Südlich", also mit etwas mehr Temperament und Extravaganz ausgestattet, rangieren Seat, Audi und Lamborghini. Pischetsrieder wird kaum anders können, als die VW-Gruppe selbst zu führen. Für den anderen Part ist Martin Winterkorn im Gespräch, bisher VW-Entwicklungschef und Intimus von Ferdinand Piëch. Einiges spricht dafür, dass Piëch seinem Nachfolger noch einmal den unschönen Teil des Jobs abgenommen und den Abschied des perspektivlos gewordenen Paefgen vorbereitet hat.

Organisation ist nicht sein erstes Thema

Pischetsrieder selbst befriedet öffentlich, wo er kann. Piëch mag ihm einige grobe Arbeiten hinterlassen haben, Pischetsrieder geht sie jedenfalls öffentlich auf die feine Art an. Der Aufsichtsrat hatte ihn rechtzeitig vor der IAA zum designierten Vorstandsvorsitzenden erklärt, und er nutzte die Autoschau zu einer kleinen Demonstration bayerischer Gelassenheit.

Ein Medienaufgebot wie bei Bundestagswahlen konnte ihn nicht schrecken, am Rande seiner Auftritte beantwortete er die immer gleichen Fragen ungebrochen heiter. Ein bisschen bullig, die Hände in den Taschen oder an der Zigarre, erklärte er, dass alles gar nicht so aufregend sei. Vertriebsvorstand Robert Büchelhofer, seit Jahren für jedes Ablösungsgerücht gut, adelte er zum Leistungsträger. "Zusammen mit meinem Kollegen Büchelhofer" werde er die Marken positionieren, sagte er und lobte "den wichtigen Beitrag von Herrn Büchelhofer auch an dieser Stelle". Überhaupt sei "Organisation nicht das erste Thema". Das, was ihm vorschwebe, "kann man nicht organisieren". Der Kunde müsse spüren, wofür eine Marke stehe, "was der Kunde nicht natürlicherweise wahrnimmt, bringt nichts".

So ähnlich hat er jüngst auch beim jährlichen Treffen der Führungskräfte geredet. Das sei "ein bisschen wenig" gewesen, befand hinterher ein Teilnehmer, zumal der kompetente Kreis andere Fragen gehabt hätte. Schließlich hängt an jedem Vorstand die Seilschaft derer, die er Karriere machen ließ. Außerdem fehlt es nicht an offenen Fragen. Wie weit reicht die Trennung der Sparten, in welchen Bereichen hat der künftige Chef wie viel zu sagen? Glaubt man Pischetsrieder, geht es mehr um das Denken und das Selbstverständnis als um Posten und neue Geschäftseinheiten.

Eigenständige Rechtsformen werden die beiden Markenfamilien jedenfalls nicht bekommen, und einen gemeinsamen Vertrieb wird es wohl auch nicht geben. "Es wird sicher nie ein Seat im Audi-Laden stehen, dafür hat man viel zu viel Geld in die Markentrennung gesteckt", heißt es in der Händlerorganisation.

Spartentrennung führt zwangsläufig zu Machtverschiebungen

Die VW-Manager entspannt das alles nicht. Immerhin ist Pischetsrieder schon kurz nach seiner Berufung in mehreren Sachfragen deutlich auf Distanz zu Piëch gegangen - penibel formuliert, wie es seine Art ist, aber in der Sache entschlossen. Und die VW-Leute wissen: Wer von neuem Denken redet, sucht nach neuen Köpfen.

Piëch und sein Nachfolger versuchten, das heikle Thema Personalien mit einer lapidaren Pressemitteilung zu beenden: Für den Konzernvorstand seien keine Veränderungen geplant. Das ist nur die halbe Wahrheit, denn die geplante Spartentrennung führt auch dort zwangsläufig zu Machtverschiebungen.

Wer zum engsten Zirkel der Macht im Konzern gehören wolle, müsse mehrere Funktionen vereinen, erzählt ein VW-Manager, im Idealfall drei: ein Fachgebiet im Konzernvorstand, die Zuständigkeit für Produktionsbetriebe und die für eine Region. Dabei tut ein Konzernvorstand gut daran, auch in der Führung der Kernmarke VW vertreten zu sein.

Sitzungen enden derzeit oft ergebnisarm

Unterhalb dieser Ebene entfaltet sich das Geflecht der so genannten Markenvorstände. Diese Führungsstruktur sei schon lange nicht mehr angemessen, sagt ein Aufsichtsrat. Aber sie sei nicht leicht zu ändern, sagt ein anderer, denn zu viele hätten etwas zu verlieren.

Den Aufsichtsrat hat all das offiziell noch nicht beschäftigt. Bis zuletzt werden verschiedene Modelle geprüft, und bis zuletzt bleiben die Bataillone der potenziellen Verlierer wachsam. Sitzungen enden zurzeit oft ergebnisarm, erzählt ein VW-Partner: "Alle gucken auf den 23. November."

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