Pläne für Anschläge in Westeuropa
Spuren des Terrors in den USA führen auch nach Bochum

Bei der Fahndung nach Tatverdächtigen der Terroranschläge in den USA haben Fahnder am Freitagabend zwei Wohnungen in Bochum durchsucht. Dort soll sich zeitweilig Ziad Samir Jarrah, einer der drei bekannten Hamburger Verdächtigen, aufgehalten haben. Das teilte Generalbundesanwalt Kay Nehm am Samstag in Karlsruhe mit. Derweil nahm die Polizei in New York einen ersten Verdächtigen fest.

dpa/ap/rtr BOCHUM/KARLSRUHE/ NEW YORK/ROTTERDAM. Die beiden Wohnungsdurchsuchungen haben sich nach Aussage von Generalbundesanwalt Kay Nehm beide gegen den mutmaßlichen Attentäter aus der bereits bekannten islamistischen Hamburger Studentengruppe gerichtet. Nehm wies Spekulationen zurück, wonach es neben Hamburg im westdeutschen Raum eine weitere terroristische Vereinigung islamistischer Fundamantalisten gibt oder gegeben hat. Der Generalbundesanwalt sagte am Samstag in Karlsruhe weiter, der aus dem Libanon stammende Mann habe sich zeitweise aus privaten Gründen in Bochum aufgehalten und dort einen Koffer mit "Flugzeug bezogenen Unterlagen" zurückgelassen. Dieser sei sicher gestellt worden. Bislang habe er noch keine Hinweise darauf, dass die Gruppe Verbindungen zu dem aus Saudi-Arabien stammenden Islamistenführer Osama Bin Laden unterhalten habe, sagte Nehm.

Der aus dem Libanon stammende Ziad Samir Jarrah sei von seiner in Bochum lebenden Freundin als vermisst gemeldet worden, sagte Nehm. Seit den Terroranschlägen habe die Frau keinen Kontakt mehr zu ihm aufnehmen können. Beamte des Bundeskriminalamtes und der Polizei hätten daraufhin am Freitagabend zwei Wohnungen im Raum Bochum durchsucht, darunter die Wohnung der Frau. Jarrah sei am 11. Mai 1975 geboren und habe in Hamburg zweitweise Flugzeugbau und Bauingenieurwesen studiert. Er sei im Juni 2000 in die USA ausgereist und habe in Venice und in Miami im Bundesstaat Florida Flugunterricht genommen. Jarrah sei an Bord der Boeing gewesen, die am Dienstag in Pennsylvania abgestürzt war.

Hamburger Gruppe arbeitete mit hoher Geheimhaltung

Ein weiterer namentlich bekannter Verdächtiger, gegen den das Bundeskriminalamt (BKA) ermittle, habe sich vor den Anschlägen aus Deutschland abgesetzt, sagte Nehm. Einen Namen wollte er nicht nennen. Zugleich korrigierte Nehm frühere Angaben, wonach zwei der Hamburger Studenten an Bord des ersten Flugzeuges waren, das ins World Trade Center raste. Wahrscheinlich sei lediglich der am 1. September 1968 vermutlich in Ägypten geborene Mohammed Atta in der ersten Boeing gewesen. Sein Kommilitone Marwan Al Shehhai dagegen sei vermutlich in dem zweiten Flugzeug gewesen, das in die Hochhaustürme stürzte. Er sei am 9. Mai 1978 in den Vereinigten Arabischen Emiraten zur Welt gekommen.

Insgesamt habe das Bundeskriminalamt im Zusammenhang mit den Anschlägen in den USA mittlerweile 13 Objekte durchsucht, sagte Nehm. Das BKA arbeite eng mit der amerikanischen Bundespolizei FBI zusammen, die in Deutschland durch einen Verbindungsoffizier vertreten werde. Die weiteren Ermittlungen dürften sich allerdings sehr schwierig gestalten, weil die Hamburger Gruppe mit hoher Geheimhaltung gearbeitet habe, sagte er.

Erste Festnahme in New York

Drei Tage nach den verheerenden Anschlägen hat derweil die US-Polizei einen ersten Verdächtigen festgenommen. Er verfüge über Informationen, die für die Ermittlungen höchst relevant seien, verlautete am Freitag aus Regierungskreisen.

US-Präsident George W. hat inzwischen den nationalen Notstand ausgerufen und das Verteidigungsministerium ermächtigt, für die Stärkung der inneren Sicherheit 50 000 Reservisten einzuberufen. Bei dem Festgenommenen habe hohe Fluchtgefahr bestanden, hieß es in Washington. Das Justizministerium bezeichnete den Verdächtigen als "unentbehrlichen Zeugen". Nähere Einzelheiten wurden zunächst nicht mitgeteilt. Die Bundespolizei FBI geht mehr als 36 000 Hinweisen nach und hat mehrere hundert Vorladungen ausgestellt. Etwa 100 weitere Personen werden polizeilich gesucht.

Auch Atlanta im US-Staat Georgia und Richmond in Virginia waren nach Erkenntnissen der Bundespolizei FBI bei der jüngsten Anschlagserie möglicherweise Ziel von Terroristen. Dies hätten Ermittlungen im Umfeld der Attentäter ergeben, verlautete aus Regierungskreisen in Washington. Später hieß es dann aber, die Quelle für diese Erkenntnisse sei nicht unbedingt glaubwürdig.

Bush dankt Rettern am World Trade Center

Bush machte sich am Freitagabend in der Trümmerwüste am World Trade Center in New York selbst ein Bild der Lage. Zunächst besichtigte er die Schäden der Anschläge von einem Hubschrauber aus. Dabei wurde der Luftraum von Kampfflugzeugen abgesichert. Bush wurde vom New Yorker Gouverneur George Pataki, Bürgermeister Rudolph Giuliani und mehreren Kongressabgeordneten begleitet. Er besuchte die Einsatzhelfer, die seit Dienstag unter den Trümmern des World Trade Centers nach Überlebenden suchten, und dankte ihnen mit Hilfe eines Megafons für ihre Bemühungen. "Danke für eure harte Arbeit, danke, dass ihr die Nation stolz macht", rief der Präsident.

Am Freitag wurden die Suchtrupps mit Richtantennen und anderem Gerät ausgerüstet, mit deren Hilfe Signale von verschütteten Mobiltelefonen empfangen werden können. Bisher wurden 184 Tote in New York geborgen. Unter den Trümmern der beiden Hochhäuser werden jedoch mehrere tausend Todesopfer vermutet. Verletzt wurden nach Angaben von Bürgermeister Rudolph Giuliani 4 300 Menschen, darunter viele Einsatzkräfte. Die Rettungsbemühungen werden seit Freitag von Regen und Wind erschwert. Bislang wurden mehr als 10 000 Tonnen Geröll beiseite geschafft. Erstmals seit der Katastrophe gelang es einigen Plünderern, in den abgesperrten Teil Manhattans vorzudringen. Mehrere Personen wurden festgenommen.

Berichte über Helfer Bin Ladens in Sachsen

Der im Zusammenhang mit den Terrorakten in den USA hauptverdächtige Osama Bin Laden hat nach einem Bericht der "Dresdner Morgenpost" (Samstag) auch Helfer in Sachsen. "Der Verfassungsschutz hat mehrere Personen unter Beobachtung, die Unterstützer von Herrn bin Laden sind", zitiert das Blatt das Innenministerium. Über die Art der Unterstützung wolle die Behörde aus Geheimhaltungsgründen nichts sagen. Das sächsische Inneministerium sieht indes keine Anhaltspunkte für eine Beteiligung von in Sachsen lebenden Personen an den Terroranschlägen in den USA. Wie es in einer am frühen Samstagmorgen verbreiteten Mitteilung des sächsischen Innenministeriums weiter heißt, gebe es keine "konkrete Gefährdungslage" für das Land aus der "gegenwärtigen Situation".

In Hamburg laufen die Ermittlungen im Zusammenhang mit den Anschlägen in den USA weiter auf Hochtouren. Am Freitag war ein FBI - Beamter eingetroffen, um sich ein Bild vor Ort zu machen. Eine hundertköpfige Sonderkommission - je zur Hälfte mit Experten des Landeskriminalamtes und des Bundeskriminalamtes besetzt - arbeitet fieberhaft an der Aufhellung des Umfeldes der drei mutmaßlichen Terroristen, die zeitweilig in Hamburg lebten. Nach Informationen des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" hat das FBI den deutschen Behörden "erdrückendes Beweismaterial" gegen das Trio übergeben.

Extremistische Moslems planten offenbar Anschlag in Westeuropa

In Rotterdam sind derweil nach Angaben der niederländischen Zeitung "Algemeen Dagblad" vier "extremistische Moslems" festgenommen worden, die einen schweren Terroranschlag in Westeuropa geplant haben sollen. Das Blatt beruft sich dabei auf Angaben aus Kreisen des niederländischen Sicherheitsdienstes (BVD) und der Justizbehörden. Ein Sprecher der belgischen Justiz, die an monatelangen Ermittlungen vor der Festnahme beteiligt gewesen sei, habe von amerikanischen Zielen in Europa gesprochen, berichtet das Blatt weiter.

Behördenvertreter in beiden Ländern hätten nach den Festnahmen betont, dass es keinen Hinweis auf eine Verbindung mit den Terroranschlägen in den USA gebe. Wegen der Ereignisse in New York und Washington seien die Festnahmen aber vorgezogen worden, schildert die Zeitung. "Man wollte kein Risiko eingehen", zitiert das Blatt einen ungenannten Informanten.

Einer der Festgenommenen habe die niederländische Nationalität, einer sei Algerier und zwei seien Franzosen, bestätigte Justizminister Benk Korthals in Den Haag. Bei der Durchsuchung eines von ihnen bewohnten Hauses in der niederländischen Hafenstadt seien mehrere möglicherweise gefälschte Pässe sowie ein Gerät zum Fälschen von Kreditkarten sichergestellt worden. Die vier seien unter dem Verdacht festgenommen worden, zu einem internationalen Netzwerk extremistischer Moslems zu gehören, teilte die Justiz mit.

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