Pläne für Reform des US-Bilanzwesens haben kaum konkrete Ergebnisse
Nach Enron überwiegt der Aktionismus

Beispiel: Die neue Behörde, die die Wirtschaftsprüfer kontrollieren soll, ist nach wie vor kopflos.

kk NEW YORK. Der 2. Dezember 2001 hat das Ende einer schier unglaublichen Erfolgsgeschichte markiert: Der Energie-Konzern Enron, der sich innerhalb weniger Jahre vom Pipeline-Produzenten zum weltgrößten Energiehändler gemausert hatte, beantragte Gläubigerschutz nach Artikel 11 des US-Konkursrechts. Der Konzern hatte die Bilanzen frisiert, hatte Umsätze gebucht, die es gar nicht gab.

Doch das texanische Unternehmen fiel nur als erstes auf: Es folgte eine Serie von Skandalen, die für scheinbar erfolgreiche Konzerne wie Worldcom und Global Crossing das Aus bedeutete und das Vertrauen der US-Amerikaner in Aktienmärkte und Unternehmen ihres Landes erschütterte

.

Die Bilanzfälschungen trafen die Märkte schlimmer als die Terroranschläge des 11. September 2001. Die Existenz vieler Menschen, die ihre Ersparnisse für die Rente in die betroffenen Unternehmen investiert haben, ist noch immer gefährdet. Und die Anleger bleiben skeptisch. Politik und Wirtschaft schworen Besserung, doch die durchgreifenden Reformen sind auch ein Jahr später wenig mehr als schöne Pläne. Sowohl Behörden als auch Politiker zeigen vor allem eines: Aktivismus.

Man werde hart durchgreifen, damit so etwas nie wieder passieren kann, versprachen sowohl die Vertreter des Volkes im Parlament als auch die der Unternehmen. Die Manager von Enron und deren Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Andersen LLP erhoben ihre Hand zum Schwur vor einem Untersuchungsausschuss des Abgeordnetenhauses - live übertragen im Fernsehen. Politiker, deren Parteien die Wahlkampfspenden der Beschuldigten angenommen hatten, überboten sich in Kritik.

Doch die Investoren trauen den Volksvertretern nicht zu, hart durchzugreifen. Deutlich wurde das bei der Rede von US-Präsident George W. Bush vor Vertretern der Wall Street im Juli: Noch während er mehr Ethik von den Unternehmen verlangte, stürzten die Kurse in die Tiefe. Den Wall-Street-Profis war die Rede zu weich, den Reformwillen nahmen sie ihrer Regierung nicht ab.

Die Augen richteten sich daher auf die SEC. Doch auch deren mittlerweile zurückgetretenem Chef Harvey Pitt - einst Anwalt der Wirtschaftsprüfungsgesellschaften - nahmen viele nicht ab, dass er hart gegen seine ehemaligen Mandanten vorgehen wird.

Der ambitionierteste Versuch, künftig Fälle wie Enron zu verhindern, ist ein im Sommer verabschiedetes Gesetz, der so genannte Sarbanes-Oxley-Act, der nach seinen Verfassern, dem demokratischen Senator Paul Sarbanes und dem republikanischen Abgeordneten Michael Oxley, benannt ist. Das Gesetz sieht unter anderem vor, dass Manager die Bilanzen beeiden - eine öffentlichkeitswirksame Vorschrift. Erstmals mussten Vorstands- und Finanzchefs von rund 700 US-Konzernen bei der Vorlage der Zahlen für das zweite Quartal des Jahres 2002 beeiden, dass die Ergebnisse ihres Wissens nach korrekt sind. Sie riskieren Gefängnis riskieren, wenn das nicht stimmt. Doch nicht nur die Unternehmen, auch die Wirtschaftsprüfer sollen besser überwacht werden. Der Sarbanes-Oxley-Act sieht die Gründung des so genannten Accounting Oversight Board vor, dem Aufsichtsamt für die Bilanzkontrolleure. Das neue Gremium soll das Vertrauen in die Prüfer und damit in die Unternehmen wiederherstellen.

Doch schon die Suche nach einem Vorsitzenden erwies sich als Problem. Statt wie erwartet den als radikalen Reformer bekannten Pensionsfonds-Manager John Biggs zu ernennen, setzte SEC-Chef Pitt den 78-jährigen ehemaligen FBI - und CIA-Chef William Webster durch - gegen erheblichen Widerstand aus allen Parteien und der Wirtschaft. Die falsche Wahl, wie sich herausstellte: Webster saß im Bilanzausschuss des Aufsichtsrates einer Internet-Firma, die selbst Bilanzprobleme hatte. Er trat noch im November als Chef des Accounting Oversight Board zurück.

So sind die beiden wichtigsten Behörden, die das Vertrauen der US-Investoren sichern sollen, kopflos. Für die neuen Wirtschaftsprüfer-Aufseher ist die Führungslosigkeit fatal: Während die alt eingesessene Börsenaufsicht eine Weile auch ohne Chef funktionieren kann, ist das neue Gremium nun nicht handlungsfähig - schließlich müssen die Aufgaben überhaupt erst verteilt intern werden.

Die Unsicherheit der SEC hat immerhin dem New Yorker Staatsanwalt Eliot Spitzer Raum gelassen, öffentlichkeitswirksam gegen Investmentbanken und Analysten vorzugehen, die Aktien wider besseres Wissen hochgejubelt haben. Auch die New Yorker Börse ist aktiv geworden: Ab 2003 muss die Mehrheit der Mitglieder des Verwaltungsrates eines börsennotierten Konzerns von dem Unternehmen unabhängig sein.

Doch dem renommierten Wirtschaftsprofessor Samuel Hayes von der Harvard Business School gehen die Reformen nicht weit genug: "Die Schuldigen müssen erst ins Gefängnis wandern, damit die Anleger wieder Vertrauen fassen."

Quelle: Handelsblatt

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