Pläne werden wahrscheinlich geändert
Der Fiskus ist so unberechenbar wie der Kapitalmarkt

Guter Rat in Steuerfragen ist teuer. Mancher Kapitalanleger würde etwas drum geben, wenn ihm jemand sagen könnte, wie seine Kapitalerträge im nächsten Jahr besteuert werden. Doch die Steuerpläne der Bundesregierung sind verwirrend und änderten sich jüngst täglich. Das macht Anlagestrategen ratlos.

DÜSSELDORF. Finanzminister Hans Eichel ist der Buhmann der Nation. Vor allem die, die davon leben, dass andere ihnen Geld anvertrauen, bringt er in Rage. Die Banken schimpfen, weil sie glauben, dass er mit den geplanten Kontrollmitteilungen über Kapitalerträge und Veräußerungsgewinne ihnen die Kundschaft ins Ausland vergrault. Ihre Fondstöchter laufen Sturm gegen Pläne, die Investmentfondssparer gegenüber Direktanlegern benachteiligen. Und die Immobilienwirtschaft ist empört über eine "Investitionsblockade", die der Finanzminister durch niedrigere Abschreibungen und gekappte Eigenheimzulagen auslöst.

Nur die Anleger reagieren offenbar gelassen. "Die Steuerpläne haben die Kunden nicht in Aufruhr versetzt, weil morgen wieder alles ganz anders sein kann", beobachtet Christian Harreiner, Vermögensberater beim Bankhaus Bethmann, die eigenen Klienten. Ohnehin halten seriöse Vermögensberater nichts davon, Anlageentscheidungen von Steuereffekten abhängig zu machen. Im Vordergrund sollten das Rendite-Risiko-Profil und die Anlagedauer stehen, sagen die Anlagestrategen.

Wobei die Anlagedauer künftig bei der Besteuerung von Veräußerungsgewinnen keine Rolle mehr spielt. Sie werden auf jeden Fall mit 15 Prozent belegt. "Die Pauschale von 15 Prozent ist im Vergleich mit der Besteuerung der Wertzuwächse in anderen Ländern gar nicht so negativ zu bewerten. Es hätte schlimmer kommen können", sagt Harreiner. In den USA werden Gewinne aus Aktienverkäufen nach einem Jahr oder mehr Jahren mit maximal 20 Prozent Steuern belegt. In Großbritannien sind nach Freibeträgen bis zu 40 Prozent, in Frankreich 26 Prozent fällig und in Schweden kassiert der Fiskus 30 Prozent, ohne Freibeträge zu gewähren.

Wer der künftigen pauschalen Besteuerung entgehen will, sollte sein Bankdepot jetzt nach Titeln durchforsten, die er länger als ein Jahr hält. Verkauft er sie vor dem 21.02.2003, soll ein Veräußerungsgewinn steuerfrei bleiben. Für die meisten Aktionäre kommt dagegen angesichts der Aktienkursentwicklung in den vergangenen knapp drei Jahren eher eine andere Strategie in Frage: Verluste konservieren, sofern die noch gültige Spekulationsfrist von einem Jahr verstrichen ist. Nach neuen Recht können diese Verluste später mitVeräußerungsgewinnen verrechnet werden. Die Rechnung geht nur dann auf, wenn weitere Kursverluste bis zum Inkrafttreten des Gesetzes den positiven Steuereffekt nicht überkompensieren. Ob das Gesetz in dieser Form und zum geplanten Zeitpunkt in Kraft tritt, hängt von den Mehrheitsverhältnissen im Bundesrat nach den Landtagswahlen in Niedersachsen und Hessen ab.

"Mit Neuinvestitionen in Fonds wäre ich vorsichtig", rät Joachim Zimmermann, Steuerexperte der Bank HSBC Trinkaus & Burkhardt. Die Vorsicht ist geboten, so lange die nachteilige Doppelbesteuerung der Fondsanleger nicht vom Tisch ist. Anleger sollen nicht allein einen Wertzuwachs ihrer Anteile, sondern auch noch realisierte Spekulationsgewinne der Fondsmanager versteuern. Dabei könnte es schon dann zu grotesken Ergebnissen kommen, wenn der Fondssparer seine Anteile noch gar nicht verkauft hat. Ein Beispiel: Der Sparer erwirbt für 1 000 Euro Anteile an einem offenen Immobilienfonds. Wenige Tage später verkauft der Fonds einen Bürokomplex nach mehrjähriger Haltedauer mit einem Veräußerungsgewinn von 50 Prozent. Dann müsste der Neuanleger diesen Gewinn entsprechend seiner Fondsanteile an dieser Immobilie versteuern, obwohl er von der Wertsteigerung gar nicht profitiert hat. Denn dem von ihm bezahlten Anteilspreis lag bereits in etwa der Verkaufspreis zu Grunde. Obendrein soll er diesen Veräußerungsgewinn statt mit der 15-Prozent-Pauschale mit seinem persönlichen Steuersatz versteuern. Verkauft er seine Fondsanteile sollen dann die früheren Steuerzahlungen mit den Steuern auf die Gewinne aus der Anteilsveräußerung verrechnet werden. Das kann Jahre dauern.

Immobilienfonds-Sparer können der Besteuerung von Gewinnen im Fonds zum Teil entgehen, in dem sie ein Fonds wählen, der überwiegend oder vollständig im Ausland anlegt. Auf Grund von Doppelbesteuerungsabkommen steht nämlich in der Regel dem Staat die Besteuerung der Erträge aus der Fondsimmobilie zu, in dem die Immobilie steht.

Diese Möglichkeit haben Aktienfondssparer nicht. Sie werden vor allem Mühe haben, die steuerlichen Folgen bei der Vielzahl von Käufen und Verkäufen nachzuvollziehen.

Deshalb fordert Andreas Fink, Sprecher des Branchenverbandes BVI, unmissverständlich: "Die Besteuerung auf Fondsebene muss vollkommen abgeschafft werden."

Die Kritik des BVI scheint bei Politikern Wirkung zu zeigen. Christine Scheel, Vorsitzenden des Finanzausschusses im Deutschen Bundestag, sagte kürzlich der Nachrichtenagentur vwd: "Es darf nicht passieren, dass im Fonds selbst besteuert wird und dann noch einmal der Anleger versteuern muss." Am 15. Januar werde zu diesem Thema im Finanzausschuss die Anhörung stattfinden.

Weil auch die Verwirklichung der ursprünglichen Fassung des Steuervergünstigungsabbaugesetzes die Haushaltslöcher bei Bund und Ländern nicht schließen würde, wurde die Vermögensteuer aus der Versenkung geholt. Dort will sie Kanzler Gerhard Schröder auch wieder hin verbannen. Die fehlenden Milliarden soll eine Abgeltungsteuer auf Zinsen einfahren, die die Banken direkt abführen. Bethmann-Banker Harreiner gefällt der Gedanke: "Für den, der ein hohes Einkommen hat, ist die Abgeltungssteuer von 25 Prozent fast ein Geschenk." Doch so lange sie nicht beschlossen ist, mag Trinkaus-Experte Zimmermann "keinerlei Strategie darauf aufbauen". Doch soll es Überlegungen geben, auch Dividenden und Veräußerungsgewinne mit einer pauschalen Abgeltungssteuer zu belegen. Kontrollmitteilungen über Kapitalerträge und Veräußerungsgewinne würden dann überflüssig - und wenigsten die Banken würden nur noch leise schimpfen.

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