Planspiele des Pentagons zur Irak-Invasion
Warten auf den Showdown

Sind es nur seine Umfragewerte, die George W. Bush wieder nach oben treiben will, oder ist es tatsächlich der Kampf gegen den Terror? Klar ist: Der amerikanische Präsident forciert die Pläne zum Angriff auf den Irak.

HB WASHINGTON. Saddam durch Opposition von außen stürzen? Da kann der Sicherheitsexperte Gebhard Schweigler nur müde lächeln: "Es gibt kein Beispiel für eine von externen Regimegegnern erfolgreich beendete Militär-Operation", meint der Dozent am National War College in Washington, einer Elite-Universität für zukünftige Generäle. "Denken Sie an die Schweinebucht-Invasion 1961 in Kuba - ein einziges Fiasko."

Schweiglers Einschätzung wird von der US-Regierung geteilt. Egal, ob Weißes Haus, Pentagon oder Außenministerium: Die irakische Exil-Opposition ist als versprengter Haufen abgestempelt, der dem Staatschef in Bagdad weder Furcht noch Schrecken einjagen kann. Auch die Sad-dam-Gegner im Land gelten als unsichere Kantonisten. "Wir kennen keine einheimischen Truppen, auf die wir uns verlassen könnten", erklärt ein hochrangiger Mitarbeiter des US-Verteidigungsministeriums gegenüber dem Handelsblatt. "Es ist sehr schwer auszumachen, wer im Irak über Autorität verfügt und zudem vertrauenswürdig ist." Rund 100 Millionen Dollar habe die Administration bereits für die Rekrutierung einer schlagkräftigen Opposition lockergemacht. Aber: "Bis da was passiert, dauert es lange und kostet noch mehr Geld", heißt es in Washington.

Keine Nordallianz im Irak

Das Modell Afghanistan ist daher aus den Schubladen der US-Militärplaner verschwunden. Im Irak gibt es weit und breit keine Nordallianz - jene Verbündeten am Hindukusch, die die Taliban-Milizen nach massiven Luftangriffen der Amerikaner in die Flucht geschlagen hatten. Das Pentagon schätzt weder die Kurden im Norden noch die Schiiten im Süden als vertrauenswürdige Koalitionspartner ein, die nach Saddam eine neue irakische Zentralregierung bilden könnten.

Also müsste Amerika, wenn es das Saddam-Regime wie angekündigt stürzen will, direkt eingreifen. US-Präsident George W. Bush betont zwar immer wieder, er habe noch keine Entscheidung über einen Militärangriff gegen den Irak getroffen. Doch die Anzeichen verdichten sich, dass die Amerikaner Anfang nächsten Jahres den Showdown am Golf suchen. "Die Planungen werden fast täglich fortgeschrieben", betont ein Insider, der mit den Pentagon-Szenarien vertraut ist. Darüber hinaus üben US-Einheiten in Kalifornien und Nevada bereits den Krieg in der Wüste. Und die ideologische Unterfütterung für einen Angriff hat Bush selbst geliefert: "Wir werden nicht warten, bis das chemische und biologische Waffenarsenal in die Hände von Terroristen gerät", wiederholt er in regelmäßigen Abständen.

Zwei Entwürfe

Im Pentagon zirkulieren derzeit zwei Entwürfe: eine große und eine mittlere Variante. Plan eins geht von einer Entsendung von bis zu 250 000 US-Soldaten aus. Der Vorteil: Saddams Regime könnte dieser Truppenstärke kaum standhalten, unterstreichen Militärplaner. Der Nachteil: Ein derartiger logistischer Kraftakt erfordere mindestens drei Monate Vorbereitungszeit. Das gebe Saddam die Gelegenheit zum unkalkulierbaren Präventivschlag auf Nachbarstaaten, einschließlich Israels. Außerdem sei die Gefahr eigener Verluste höher, geben Pentagon-Beamte zu bedenken.

Plan zwei sieht zwischen 50 000 und 75 000 US-Soldaten vor. Die Angriffsfläche der Amerikaner ist somit zwar geringer, allerdings auch ihre Überlegenheit. Sowohl die große wie die abgespeckte Version wird durch umfangreiche Luftangriffe eingeleitet, um irakische Kommandozentralen, Luftabwehr und Nachschublinien zu zerstören. Dabei vertrauen die USA auf ihre Militär-technologie: Unbemannte Flugzeuge vom Typ "Global Hawk" oder "Predator" können ihre Koordinationszentrale in Sekundenschnelle mit gestochen scharfen Bildern vom Schlachtfeld versorgen. Minuten später sind Bomber mit präzisen Zieldaten einsatzbereit.

Wintermonate sind optimal

Als optimalen Zeitraum für einen Militärschlag sehen die Pentagon-Strategen die Wintermonate Januar und Februar 2003. Die Vorbereitung eines Angriffs fiele dann auf die Zeit zwischen November und Januar - jene Periode, in denen der Kongress zwischen den Wahlen und dem Arbeitsbeginn des neuen Parlamentes praktisch nicht tagt. Die Wahrscheinlichkeit großer innenpolitischer Debatten über Ziel und Ausmaß eines Irak-Einsatzes wäre also relativ gering.

Generell geht das Verteidigungsministerium davon aus: Je mehr US-Truppen an der Aktion beteiligt sind, desto schwieriger die Zustimmung der Verbündeten. Vor allem die Saudis dürften sich aus innenpolitischen Gründen gegen eine intensive Benutzung ihrer Luftwaffenbasen sperren. Die Bedenken der Türkei und Russlands sehen die Pentagon-Planer in erster Linie als finanziell lösbare Probleme an. Ankara beziffert seinen wirtschaftlichen Schaden durch die Uno-Sanktionen gegen den Irak auf 50 Mrd. Dollar, Moskau auf 10 Mrd.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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