Plattenindustrie und Verwertungsgesellschaften durchforsten das Netz
Konzertierte Aktion gegen Musikpiraten

In den nächsten Wochen verschickt die Gema blaue Briefe an die Internetprovider. Zugangsdienste wie AOL oder T-Online sollen Webseiten sperren, auf denen illegal Musik zum Herunterladen angeboten wird. Um die Angebote aufzuspüren, nutzt die Gema ein neues Programm, das jetzt getestet wurde.

jös/jgo DÜSSELDORF. In den vergangenen zehn Wochen haben Verwertungsgesellschaften und die Plattenindustrie das Netz in Deutschland, Frankreich und Großbritannien nach 50 Musiktiteln durchforstet - mit dabei Stücke von den Beatles, Edith Piaf und dem Big-Brother-Interpreten Alex. Das Ergebnis, das jetzt vorliegt: Mehr als 300 000 illegale Einspeisungen im Internet. An dem Projekt beteiligt sind der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft in Hamburg, die International Federation of the Phonograpic Industry mit Sitz in London, die deutsche Verwertungsgesellschaft Gema in München und deren französische Schwestergesellschaft Sacem.

Nun stapeln sich im Münchener Gema-Büro die Listen mit Internetadressen von Webseiten, auf denen die 50 ausgesuchten Musiktitel angeboten werden. "Durch die Musikpiratierie entstehen Millionenverluste", sagt Abteilungsdirektor Alexander Wolf, auch wenn auf diesem Weg einige Musiktitel erst bekannt würden. Nach Schätzungen des Bundesverbandes der Phonographischen Industrie verursachte allein Internetpiraterie 1999 in Deutschland Lizenzverluste in Höhe von 140 Mill. DM. Wie hoch der Umsatzverlust durch illegal ins Netz eingespeiste Musik ist, kann die Plattenindustrie nicht beziffern. Schwer ist nachzuweisen, ob illegal kopierte Musik andernfalls auch gekauft worden wäre.

Bekannteste Anlaufstelle für Musik im Netz ist die Tauschbörse Napster . Sie soll im September 1,3 Billionen Zugriffe verzeichnet haben. "Neben Napster gibt es noch tausende unbekannte Seiten, die kostenlos Musik anbieten und von Werbeeinnahmen leben", sagt Hartmut Spiesecke vom Bundesverband der Phonographischen Industrie.

Rechtlich verantwortlich sind nach dem deutschen Teledienstegesetz neben den Betreibern der Seiten auch die Provider, die das Einstellen von illegalen Angeboten ermöglichen. Sie erhalten nun von der Gema und dem Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft Abmahnungen. "Notfalls erzwingen wir die Schließung von Seiten gerichtlich", sagt Spiesecke.

AOL zum Beispiel sieht sich außerstande, die Inhalte auf den Seiten seiner Mitglieder zu überprüfen, sagt Sprecher Jens Nordlohn, "aber wenn AOL-Mitglieder illegalen Inhalt auf unseren Seiten verbreiten, verstoßen sie ganz klar gegen die Nutzungsbedingungen und müssen damit rechnen, ausgeschlossen zu werden." Zum Durchforsten des Netzes fehle AOL allerdings die nötige Software.

Diese Aufgabe übernehmen deshalb die Vewertungsgesellschaften und die Plattenindustrie. Auch in der Vergangenheit hatte der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft die Internetprovider bereits abgemahnt. 1999 wurden auf diesem Wege 800 Seiten geschlossen, in diesem Jahr bis zum Oktober 666.

Conscope überprüft den Datenfluss

Mit Hilfe des neuen Programms soll die Detektivarbeit nun in Deutschland, Frankreich und Großbritannien professioneller angepackt werden. Die Software, die im Netz die vier wichtigsten Standards für die Datenübertragung nach illegalen Downloads durchforstet, stammt von der Firma Conscope, einer Tochter-GmbH der Münchener Internetagentur Freshnet. So ganz geheuer ist den Conscope-Programmierern ihre Arbeit nicht. Sie haben Angst vor Hackern. "Mit Musik im MP3-Format, meist gekoppelt mit Sex-Werbung, werden große Umsätze gemacht", sagt Freshnet-Geschäftsführer Oliver Bischoff, "und wir wissen, dass wir uns mit Conscope keine Freunde machen."

Zurzeit verhandelt der Bundesverband mit Conscope darüber, das Projekt fortzuführen. Gleichzeitig denkt die Plattenindustrie einen Schritt weiter. "Es ist beinahe unmöglich, von hier aus Firmen zu verklagen, die im Ausland illegal Musik ins Netz einstellen", sagt Clemens Rasch, Justitiar des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft. Deshalb sollen in Zukunft die Internetprovider, die technisch den Zugang zum Netz ermöglichen,von der Plattenindustrie und den Verwertungsgesellschaften mit einem neuen so genannten Rights Protection System ausgestattet werden. Das System soll illegale Seiten vor einem Zugriff sperren. "Das ist technisch bereits möglich", sagt Justitiar Rasch.

Schriftliche Abmahnungen wollen der Bundesverband und die Gema in Zukunft nicht mehr verschicken. Die über Conscope ermittelten Internetadressen sollen online in eine Datenbank bei den Internetprovidern einfließen, damit diese die Seiten sperren können. Conscope-Geschäftsführer Bischoff rechnet damit, dass das System in den nächsten sechs Monaten eingesetzt wird.

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