Pleiten, Pech und Pannen
Telekom im Tal der Tränen

Es war ein Abschied ohne Emotionen. Nüchtern und schnörkellos verlas Ron Sommer seine Rücktrittserklärung: "Ich habe mich nach den heutigen Ereignissen und denen der vergangenen Tage der Realität zu stellen, dass der Aufsichtsrat des Konzerns nicht mehr uneingeschränkt zu mir steht". Sprach's und trat ab, an diesem 16. Juli 2002.

HB/dpa BONN. Der Aufsichtsrat und allen voran der Bund als Großaktionär gaben dem einstigen Vorzeigemanager endgültig den Laufpass. Von Versprechungen und Schönfärberei hatten sie angesichts des Verfalls der T-Aktie die Nase gestrichen voll. Mehr und mehr setzte sich die Einsicht durch: Ein neuer Telekom-Chef muss her, denn der Absturz der T-Aktie wurde immer dramatischer.

Lag das Papier zum Jahresanfang noch bei rund 20 Euro, halbierte sich dieser Wert noch einmal bis Juni. Am 2. Mai hatte die T-Aktie erstmals den Ausgabekurs (14,57 Euro) des Börsengangs von 1996 unterschritten. Nur ein Monat später fiel auch die 10 Euro-Marke. Und es ging noch tiefer, bis auf das Allzeittief von 8,14 Euro - und das bei einem Spitzenkurs von mehr als 100 Euro im Frühjahr 2000. Angesichts dieser Ausgangslage war Sommer nicht mehr zu halten.

Zugleich zeigten das personelle Gerangel und politische Tauziehen um den Top-Posten sowie die qualvolle Suche nach einem Nachfolger, wie verfahren die Lage bei dem rosa Riesen war. Zudem ließ die rot- grüne Bundesregierung wenige Wochen vor der Bundestagswahl die Muskeln spielen. Die Einmischung der Politik - der Bund ist mit rund 43 Prozent Großaktionär der Telekom - mag es auch gewesen sein, warum zahlreiche potenzielle Kandidaten für die Sommer-Nachfolge abwinkten.

Erst Mitte November präsentierten Interimschef Helmut Sihler, der nach Sommers Rücktritt für sechs Monate das Amt übernommen hatte, und der Aufsichtsratsvorsitzende, Hans-Dietrich Winkhaus, die Lösung: Kai-Uwe Ricke soll es richten. Zuvor wurde mehr als ein gutes Dutzend prominenter Wirtschaftsführer als Kandidaten für den Spitzenjob bei der Telekom gehandelt. Dass der Aufsichtsrat so viel Zeit benötigte, um sich auf den 41-Jährigen Ricke festzulegen, können Beobachter bis heute nicht nachvollzuziehen.

Zudem galt der Mobilfunk- und Online-Chef seit langem als ein heißer Anwärter auf den Vorstandsvorsitz. So musste sich Aufsichtsratschef Winkhaus selbst wegen seiner "unprofessionellen" und "stümperhaften" Suche Kritik gefallen lassen. Stimmen wurden laut, der oberste Aufseher über die Deutsche Telekom solle den Hut nehmen.

Die Pannenserie bei der Telekom begann aber schon zu Jahresbeginn. In Sachen Kabelnetzverkauf machte das Bundeskartellamt dem Unternehmen einen Strich durch die Rechnung. Für 5,5 Milliarden Euro wollten die Bonner ihre restlichen sechs regionalen Kabelfirmen an das US-Medienunternehmen Liberty Media verkaufen. Doch die Wettbewerbshüter ließen das bereits so sicher geglaubte Geschäft platzen.

Grund: Ein neuer Gigant im Kabelgeschäft könne den Markt beherrschen. Inzwischen verhandelt die Telekom wieder über den Verkauf. Doch der ursprüngliche Preis lässt sich heute nicht mehr erzielen. Die Telekom selbst erwartet höchstens eine Summe zwischen zwei und drei Milliarden Euro.

Das Geld braucht die Telekom dringend zum Abbau der Schulden. Gegenwärtig steht der Konzern bei seinen Geldgebern mit 64 Milliarden Euro in der Kreide. Bis Ende 2003 sollen die Verbindlichkeiten auf 50 Milliarden Euro gesenkt werden.

Neben den Erlösen aus dem Verkauf des Kabelnetzes und anderer nicht-strategischer Geschäftsfelder wie Immobilien soll dieses Ziel auch mit einem Sparprogramm erreicht werden, und das heißt Stellenabbau: So soll jeder fünfte Arbeitsplatz dem Rotstift zum Opfer fallen, betroffen ist vor allem die schwächelnde Festnetzsparte.

Ein weiteres düsteres Licht fiel auf den Bonner Riesen, als der Vorstand im Frühjahr die Bilanzzahlen für 2001 vorgelegte. Erstmals schrieb die Telekom mit 3,5 Milliarden Euro rote Zahlen. Das ist allerdings nichts im Vergleich zu dem, was im Jahr 2002 bevorsteht.

Die T-Aktionäre sind gewarnt: Die Dividende soll komplett ausfallen und die Verluste sich um ein Vielfaches erhöhen, nämlich durch Sonderabschreibungen auf Firmenzukäufe wie T-Mobile US (VoiceStream) und auf UMTS-Lizenzen. Das wird dem Unternehmen zwar keine Liquidität entziehen, aber das Eigenkapital reduzieren. Bis zum Ende des 3. Quartals bezifferte die Telekom den Konzernverlust auf 24,5 Milliarden Euro - das bisher höchste Minus eines Dax-Unternehmens.

Sparen, sparen, sparen - lautet deshalb die Devise des neuen Konzern-Chefs Ricke. Und der blickt nach vorne: "Entschuldung und Wachstum" seien die Zukunft des Unternehmens, sagt er. Ricke muss seine Qualitäten als Sanierer noch beweisen. Die Telekom werde sich verändern müssen, um die Ertragslage zu verbessern, meint er. Und darin weiß sich Ricke mit vielen gebeutelten T-Aktionären einig.

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