Pleitenrekord beschert Boom
Hochkonjunktur für Insolvenzverwalter

Alle reden von Krise, aber zumindest ein Beruf hat Hochkonjunktur: Die Insolvenzverwalter waren in diesem Jahr in Deutschland so beschäftigt wie noch nie.

HB/dpa BERLIN. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform erwartet, dass sich die Zahl der Firmen-Zusammenbrüche wegen Überschuldung oder Zahlungsunfähigkeit bis zum Jahresende auf 37 700 summieren wird. Darunter auch bekannte Unternehmen wie der Medienkonzern Kirch, der Bauriese Holzmann, der Flugzeugbauer Fairchild Dornier oder der Luftschiff-Entwickler Cargolifter. Der Gesamtschaden wird auf mehr als 38 Milliarden Euro geschätzt.

Arbeit genug also für einen Berufsstand, der noch im Kommen ist. Vor zwei Jahren zählte die Bundesanwaltskammer erst 30 Fachanwälte für Insolvenzrecht, heute sind es fast 300. Die Riege der Insolvenzverwalter gilt als "geschlossene Gesellschaft". Bei großen Fällen fällt die Wahl der zuständigen Amtsgerichte nach einem Insolvenzantrag fast immer auf die selben Experten - Anwälte mit viel Erfahrung, die Hunderte Verfahren gleichzeitig betreuen. Alles in allem sind bundesweit etwa 1200 Insolvenzverwalter im Geschäft, auch Wirtschaftsprüfer und Steuerberater.

Einer der bekanntesten Experten ist der Berliner Rechtsanwalt Peter Leonhardt. Ihm gelang es 2002, den traditionsreichen Papier- und Schreibwarenhersteller Herlitz wieder aus der Insolvenz herauszuführen - was auch daran lag, dass der Vorstand mit dem Gang zum Amtsgericht nicht zu lange zögerte. "In der Regel kommt der Patient zu spät", sagt Leonhardt. "Allzu häufig gibt es ein Kartell aus Gewerkschaften, Betriebsräten, Banken und Lieferanten, die das unter allen Umständen verhindern wollen."

Das liegt natürlich daran, dass mit der Insolvenz Existenzängste verbunden sind. Wenn plötzlich ein Außenstehender die Geschäfte übernimmt und die Konten sperrt, fürchtet die Belegschaft immer auch um die Arbeitsplätze. Meist zu Recht: In diesem Jahr ging mehr als eine halbe Million Stellen nach einer Insolvenz verloren. "Man kann einen schwer kranken Patienten nicht mit Akupunktur behandeln", sagt Leonhardt. "Da muss man mit Messer und Schere ran." Ziel müsse jedoch stets sein, das Unternehmen zu retten.

"Schließlich hat man zur Aufgabe, möglichst viel für die Gläubiger herauszuholen. Dem wird man am ehesten gerecht, wenn eine Firma im Kern erhalten wird." Auch die seit 1999 geltende Insolvenzordnung steht unter dem Motto "Sanieren statt Liquidieren". In Abstimmung mit den Gläubigern kümmert sich der Verwalter um ein Sanierungskonzept, sucht nach Käufern und sorgt dafür, dass die Beschäftigten drei Monate lang Insolvenzgeld vom Arbeitsamt bekommen. "Wir verstehen uns mehr als Geburtshelfer denn als Bestatter", sagt Rainer Bähr vom Arbeitskreis Insolvenzrecht des Deutschen Anwaltvereins.

Die Vergütung richtet sich nach der so genannten Teilungsmasse - also dem, was im Unternehmen an Geld, Maschinen und Immobilien noch vorhanden ist. Zusätzlich können Anwälte die normalen Anwaltsgebühren in Rechnung stellen. "Als Insolvenzverwalter kann man Millionen verdienen", gibt einer der Jüngeren zu. "Nach einem Verfahren wie Holzmann würde ich mich zur Ruhe setzen."

Allerdings müssen sich Anfänger zunächst einmal um Insolvenzen von Privatschuldnern kümmern, mit denen nicht viel zu verdienen ist. Etwa 23 000 Fälle davon gab es in diesem Jahr, mit einer durchschnittlichen Vergütung von 250 Euro. Meist bekommt ein Verwalter erst dann eine größere Pleite zugewiesen, wenn er bei Kleinverfahren gezeigt hat, was er kann. Auch Leonhardt begann einst mit einer Würstchenbude.

Trotzdem ist Insolvenzverwalter ein Beruf mit Zukunft. Schließlich rechnet Creditreform im nächsten Jahr wieder mit einem Rekord. 42 000 Firmenpleiten erwartet die Wirtschaftsauskunftei 2003 - und die Zahl der Verbraucherinsolvenzen soll sich sogar auf 48 000 verdoppeln.

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