Pleitewelle erreicht neue Höchstmarke
Schlangestehen beim Insolvenzrichter

Die Zahl der Insolvenzen wird in diesem Jahr eine neue Rekordmarke erreichen. Gründe dafür sind nach Angaben der Wirtschaftsauskunftei Creditreform die konjunkturbedingt schlechte Ertragslage und die üble Zahlungsmoral der Kunden. Vielen vor allem kleinen Firmen fehlt aber das Eigenkapital, um die Durststrecke durchzustehen.

lü DÜSSELDORF. Die größte Pleitewelle der Nachkriegszeit rollt weiter. So müssen nach Einschätzung der Wirtschaftsauskunftei Creditreform bis zum Jahresende insgesamt rund 40 000 Unternehmen den Gang zum Insolvenzrichter antreten - 23 % mehr als im Jahr zuvor. Die Zahl der privaten Verbraucherinsolvenzen soll auf 30 000 klettern (+122 %).

Hauptursache für die Unternehmensschieflagen sei nach wie vor eine unzureichende Finanzierung der mittelständischen Unternehmen, sagte Geschäftsführer Helmut Rödl am Mittwoch in Düsseldorf. So weise die Eigenkapitalquote von mittelständischen Betrieben (0,5 bis 25 Mill. Euro Umsatz) einen bedenklich niedrigen Wert auf. Sie betrage einer Studie des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes zu Folge im Schnitt 7 % und rangiere damit deutlich unter dem Durchschnittswert der Unternehmen aller Größenordnungen, der nach Angaben der Bundesbank bei rund 17 % liegt. Bei Kleinstbetrieben (unter 500 000 Euro Umsatz) mache der Anteil der Eigenmittel sogar weniger als 3 % aus.

Zur prekären Situation der Mittelständler habe vor allem die schlechte Ertragssituation beigetragen. Auch Forderungsausfälle seien nicht selten die Ursache für Schwierigkeiten. Das Zahlungsverhalten mancher Kunden erweise sich als "Sargnagel".

Nach Berechnungen des Bundesverbandes Deutscher Inkasso e.V. -Unternehmen (BDIU) wird die Pleitewelle einen volkswirtschaftlichen Gesamtschaden von bis zu 40 Mrd. Euro anrichten. Creditreform rechnet sogar mit 45 Mrd.Euro und beziffert die dadurch verlorenen Arbeitsplätze auf 600 000. Ein relativ geringer Teil der Arbeitsplatzverluste entfalle dabei, so BDIU-Präsident Ulf Giebel, auf spektakuläre Unternehmenszusammenbrüche wie Herlitz oder Kirch. Der Pleitegeier kreise vor allem über kleinen und mittelgroßen Betriebe. Die Ursache für den neuen Negativrekord ist neben der lahmenden Konjunktur eine weiterhin dramatisch schlechte Zahlungsmoral und die rapide sinkende Liquidität der Unternehmen, bestätigt Giebel.

Nach Ansicht der Creditreform kann sich die Lage vor dem Hintergrund der geplanten internationalen Neuregelungen der Grundsätze für die Kreditvergabe (Basel II) weiter verschärfen. Vor allem Volksbanken und Sparkassen würden in das "kalte Wasser des globalen Wettbewerbs" geworfen. Gerade der Mittelstand, der mit "seiner" Bank fest verbunden sei, sehe sich mit neuen Anforderungen an seine Transparenz und an seine finanzielle Konstitution konfrontiert, die er nicht gewohnt sei, gab Rödl zu bedenken. Die Kreditaufnahme sowie das Erhalten von Kreditlinien könnte schwieriger werden. Rödl: "Schlimmstenfalls droht Unternehmen die Verweigerung des Kredits oder die Kündigung der bestehenden Kreditlinie."

Die von Jahr zu Jahr steigende Zahl der Insolvenzen ist nach Einschätzung von Creditreform zu einer Flut angeschwollen. "Die Mega-Pleiten sind in den Schlagzeilen. Der Mittelstand stirbt still und heimlich", klagte Rödl. In den ersten sechs Monaten 2002 habe es mit 18 800 Unternehmens-Insolvenzen so viele Zusammenbrüche gegeben wie im gesamten Jahr 1994.

Neben jungen Firmen gerieten nun zunehmend Traditionsunternehmen ins Wanken, wie die Insolvenzen von Holzmann, Herlitz, KirchMedia und auch Maxhütte zeigten. Mit den Firmenzusammenbrüchen in Deutschland während des ersten Halbjahres 2002 stünden 310 000 Beschäftigte vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes. Besonders hart betroffen von den Insolvenzen seien mittelständisch geprägte Wirtschaftsbereiche wie der Bausektor und Einzelhandel.

Eine wachsende Zahl von Schieflagen ist derzeit auch bei Autozulieferern zu beobachten. So befürchten Branchenexperten nach den Insolvenzen von Sachsenring und Peguform weitere Pleiten. Nach Angaben des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) steckt die Branche zwar nicht in einer Existenzkrise, doch stehe sie "unter enormen Druck". Nach einer Studie des VDA wird die Zahl der Unternehmen bis zum Jahre 2010 von derzeit 5 500 auf 3 500 schrumpfen.

Bei den Unternehmensgründungen ist laut Creditreform in diesem Jahr konjunkturbedingt Zurückhaltung zu spüren. Die Zahl der Gewerbeanmeldungen sank im ersten Halbjahr 2002 um 5,6 % auf 392 300. Aber auch die Löschungen gingen um 4,2 % auf 361 400 zurück. Derzeit gebe es rund 55 000 neue, aktive Unternehmen. Das bedeute einen Zuwachs von fast 15 %. Die Zahl der neuen Arbeitsplätze nahm gegenüber dem ersten Halbjahr 2001 bundesweit um 12,2 % auf 133 450 zu.

Quelle: Handelsblatt

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