Plötzlicher Boom der Fernsehansprachen: Analyse: Hallo, Nation!

Plötzlicher Boom der Fernsehansprachen
Analyse: Hallo, Nation!

Bush, Saddam, Chirac, Schröder, jetzt noch Blair. Es gibt kaum einen Staats- und Regierungschef, der sich zur Zeit nicht per Fernsehansprache an sein Volk wendet.

Bush, Saddam, Chirac, Schröder, jetzt noch Blair. Es gibt kaum einen Staats- und Regierungschef, der sich zur Zeit nicht per Fernsehansprache an sein Volk wendet. Auf den ersten Blick wirkt dies erstaunlich angesichts der Tatsache, dass politische Kommunikationsexperten ihre Chefs doch zunehmend eher in Talkshows oder lockere Diskussionsrunden schicken. Denn dies soll schließlich Offenheit, aber auch Spontanität und Witz der Politiker zeigen. Der Dialog - oder zumindest der Eindruck eines Dialoges - ist deshalb immer mehr zur Norm geworden. Die frontale Ansprache gilt dagegen in modernen Demokratien mit dem wachsenden Anspruch der Bürger auf Mitsprache eher als verpönt.

Es gibt vor allem zwei Gründe dafür, dass die Fernsehansprachen zu Beginn des Irak-Krieges Konjunktur haben. Gerade weil sie so selten geworden sind, können sie in unseren Mediengesellschaften mit ihrem riesigen Angebot an Informationen und Unterhaltung überhaupt noch Aufmerksamkeit erzielen. Sie sind ein Ereignis. Pressekonferenzen können diese Wirkungen längst nicht mehr erzielen. Im Falle Saddams sollte der Auftritt zudem belegen, dass der Diktator noch lebt.

Zudem geht es um die Symbolik. Wenn die Staats- und Regierungschefs mit ernsten Gesichtern und vor Bücherwänden, Flaggen oder hässlichen Vorhängen sorgfältig und steif die vorbereiteten Reden ablesen, wollen sie vor allem eines demonstrieren - die Lage ist ernst. Liebe Nation, so lautet die Botschaft, hier geschieht etwas, was über das Maß der täglichen Aufregungen und Auseinandersetzungen hinausgeht. Die Steife des Auftritts (Schröder bewegte die übereinandergelegten Hände kein einziges Mal) soll demonstrieren: Hier spricht nicht eine Person, hier spricht der Staat. Hier geht es nicht um Befindlichkeiten, hier es geht um Staatsräson. Übrigens sitzen die Politiker deshalb auch fast immer, weil es zu den menschlichen Konventionen gehört, schlechte oder besonders wichtige Nachrichten im Sitzen zu verbreiten und entgegenzunehmen.

Genau deshalb ist die Flut der Ansprachen allerdings auch ein Anlass, um misstrauisch zu sein. Denn zum einen dient die demonstrierte staatliche Autorität oft dazu, Zumutungen wie den Verlust von Menschenleben oder finanzielle Einschnitte ohne Murren durchzusetzen. Zum anderen ist mindestens ebenso wichtig wie das, was zu sehen ist, das, was nicht zu sehen ist - lästige, unangenehme und manchmal entlarvende Nachfragen von Journalisten zum Beispiel.

Ein perfektes Beispiel dafür, wie Auftritte aus Sicht der staatlichen Meinungsmacher - egal welcher politischer Couleur - nicht verlaufen sollen, hat gerade erst George Bush geliefert. Vor zwei Wochen hatte der US-Präsident in einer seiner seltenen Pressekonferenzen den harten Kurs der USA und eigentlich auch bereits den Krieg verkündet. Doch obwohl auch dieser Auftritt vom Weißen Haus etwa mit einer festgelegten Frager-Reihenfolge sorgfältig inszeniert war, schadete er Bush mehr als er nutzte. Denn viele Fragen etwa nach der Isolation der USA waren kritisch, so dass der Präsident bei seinen Antworten entweder defensiv oder aber ausweichend wirkte. Damit sich dieser negative Eindruck nicht wiederholte, trat Bush fortan nur noch in Fernsehansprachen auf. Hier kontrollieren die Berater nicht nur den Text des Gesagten, sondern auch die Mimik. Weil die Auftritte fast nie live sind, kann zudem solange geprobt werden, bis die Inszenierung und der gewünschte Eindruck stimmt - weshalb wir wohl von den verschiedenstens Seiten noch etliche Ansprachen in diesem Krieg sehen werden.

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