Plünderertourismus nach Fall der Stadt
Auch in Mosul gilt jetzt das Gesetz des Dschungels

"Was wir hier sehen, das kann kein Mensch glauben", schluchzt der Medizinprofessor ins Mikrofon des Reporters vom Fernsehsender El Dschasira, während er hilflos zusieht, wie seine Landsleute Computer, Teppiche und Laborgeräte aus der Universität von Mosul in ihren Autos abtransportieren. Weit und breit ist kein Polizist zu sehen.

HB/dpa MOSUL/KAIRO. Die irakischen Soldaten sind in der Nacht kampflos abgezogen. Genau wie zuvor in Basra, Kirkuk und Bagdad gilt auch in Mosul, der drittgrößten Stadt des Iraks, am Freitag das Gesetz des Dschungels.

"Es gibt keine Autorität mehr, das Sagen hat jetzt derjenige, der ein Gewehr besitzt", klagt ein islamischer Religionslehrer. Viele Einwohner der Stadt haben Angst, im allgemeinen Chaos ausgeplündert oder gar getötet zu werden. Seit dem Abmarsch der Soldaten sind erst einige kurdische Kämpfer ("Peschmerga") in einige Viertel der Stadt einmarschiert. "Ich möchte über El Dschasira eine Botschaft veröffentlichen", bittet ein älterer Universitätsangestellter aus Mosul. "Ich bitte Herrn Bush und Herrn Blair, und (die Kurdenführer) Massud Barsani und Dschalal Talabani, uns zu helfen, hier in Mosul die Ordnung wieder herzustellen", ruft er. "Sie räumen alles aus, Krankenhäuser, Kulturinstitute, sogar Geschäfte und Privathäuser."

Einige Straßen weiter werfen Plünderer vor einer ausgeräumten Bank mit irakischen Geldscheinen um sich. Andere sammeln die Scheine mit dem Konterfei von Saddam Hussein hastig auf. In einem anderen Viertel geht ein Markt in Flammen auf. Auch Frauen, Kinder und alte Männer beteiligen sich an den Plünderungen.

Viele von ihnen stammen aus Mosul, andere sind extra zum Plündern in die Stadt gekommen. "Wir haben im Ausland studiert und dieses Land aufgebaut, das darf doch jetzt nicht alles in einem Tag von diesen Vandalen kaputt gemacht werden", meint einer Dozent der Universität Mosul fassungslos.

"Soll das etwa die Befreiung sein?" fragt Faiza Ahmed. Die Stimme der Frau aus Mosul überschlägt sich. "Was sind das für Menschen, die hier die Kultur und die Zivilisation unseres Landes zerstören?" fragt sie entsetzt. "Wir haben unsere Kinder doch im Geiste des Islam erzogen; nach dem was heute hier passiert ist, kann so schnell keine Ruhe mehr in der Stadt einkehren."

Maschan el Dschiburi, ein Mitglied des Ende Februar von der irakischen Opposition für die Zeit nach dem Sturz von Präsident Saddam Hussein gewählten Komitees, spielt das Chaos in Mosul herunter. "Wir stehen hier am Eingang der Stadt, zusammen mit den kurdischen Kämpfern und den Stammesführern, wir werden die Stadt in den nächsten Stunden unter unsere Kontrolle bringen und gemeinsam mit den Amerikanern für Sicherheit sorgen", verspricht er.

Kurdenführer erklären am Freitag, in Mosul wolle man die gleiche Strategie wie in der am Donnerstag eroberten und geplünderten Stadt Kirkuk anwenden. Die kurdischen Kämpfer wollten die Stadt wieder verlassen, sobald amerikanische Spezialeinheiten nachrücken und für Sicherheit sorgen. Doch Beobachter vor Ort bezweifeln, dass die Amerikaner bereit und in der Lage sein werden, die Anarchie in Mosul mit ihren begrenzten Mitteln zu beenden.

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