Poetische Botschaften im Handy-Zeitalter
Lyrik per SMS

Goethe musste die 1700 Briefe, Billetts und Zettelchen, die er heimlich an seine große Liebe Charlotte von Stein schrieb, noch über einen Diener überbringen. Wie viel leichter und diskreter hätte es der Dichter gehabt, wenn es damals in Weimar schon SMS - short message service - gegeben hätte. Ob Abschiede, Liebeserklärungen oder ganz banale Verspätungen - auch im Handy- Zeitalter lassen sich Botschaften poetisch verpacken - Anregungen bietet das Bändchen "SMS-Lyrik - 160 Zeichen Poesie", das jetzt in der Reihe Hanser im Deutschen Taschenbuch Verlag (100 Seiten, 6 Euro, ISBN 3-423-62124-9) erschienen ist.

HB/dpa HAMBURG. 160 Gedichte - von Goethe über Eichendorff bis Erich Fried und Robert Gernhardt - hat Lyrikexperte Anton G. Leitner zusammen getragen und herausgegeben. Mit 160 Zeichen alle SMS-tauglich, einige berücksichtigen sogar die neue Handy-Generation mit bis zu 300 Zeichen. "Das war eine aufwendige Zählarbeit - manchmal waren die Gedichte genau ein Zeichen zu lang", berichtet der Herausgeber der Zeitschrift "Das Gedicht". Einige Gegenwartsautoren bat er, extra für das Buch einige Zeilen zu schreiben. "Denke so oft an dich schreibend schreibend einmal pro stunde ein leises stolpern der finger", dichtete etwa die Berliner Autorin Tanja Dückers.

"Das Bändchen weckt auf spielerische Art das Interesse von Jugendlichen, sich mit Lyrik zu beschäftigen", meint Lektorin Gabriele Leja. Auf die Idee hat sie ihre 16-jährige Nichte gebracht. "Die rannte nur noch mit ihrem Handy durch die Gegend und verschickte SMS an ihren neuen Freund. Eines Tages fragte sie mich, ob sie nicht etwas Poetisches verschicken könnte." Seitdem sei sie eine begeisterte Gedichte-Sammlerin - vor allem, wenn die Zeilen so herrlich unpathetisch klingen wie die von Eduard Mörike (1804-1875): "Guten Morgen, Romeo; Wie geschlafen?" "Ach - so so. Und du, süße Julia?" "Ebenfalls so so la la!".

Ähnliche Erfahrungen machte Herausgeber Leitner an einem Münchner Gymnasium. "Die Schüler waren hellauf begeistert", erzählt der 41- Jährige. "Jetzt lernen Sie vielleicht zum ersten Mal, dass Goethe oder Mörike auch witzig sein konnten." Auch die Lehrer bestätigten, dass Lyrik bei den Schülern hoch im Kurs stehe. "Einige versuchen sich selbst als Dichter oder besuchen Poetry-Slams, bei denen Gedichte vor einem Publikum vorgetragen werden." Auf jeden Fall seien Gedichte übers Handy eine Kommunikationsform, mit der die Schüler etwas anfangen könnten.

Das bestätigt auch Germanistik-Prof. Peter Schlobinski von der Universität Hannover, der seit einigen Jahren die Sprache im Internet und per Handy erforscht: "Es ist sinnvoll, an die konkreten Erfahrungen und Kulturtechniken wie Handy und Computer der jungen Leute anzuknüpfen." Er könne sich sogar vorstellen, dass sich "das Versenden von Gedichten unter jungen Leuten zum Sport entwickelt - wie das Versenden von Bildern in Japan". Der Blick auf das Display sei jedoch flüchtiger und das Gedicht werde schneller verarbeitet. "Vielleicht entsteht so eine Art Gebrauchslyrik, poetische Quickies für den Augenblick", meint der Professor.

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