Polens Außenpolitik
Kaczynskis deutsche Krankheit

Litt er tatsächlich unter einer Magen-Darm-Grippe? Oder war der Präsident einfach nur beleidigt? Polens Leitartikler diskutieren Lech Kaczynskis krankheitsbedingte Absage des "Weimarer Dreiecks" zu Wochenbeginn derzeit ähnlich heiß wie deutsche Sportreporter kurz vor dem WM-Eröffnungsspiel Michael Ballacks "Wade der Nation".

WARSCHAU. Dabei geht es nicht nur um die Gesundheit des polnischen Präsidenten, der am Montag ein geplantes Treffen mit seinem französischen Amtskollegen Jacques Chirac und Bundeskanzlerin Angela Merkel in Weimar absagte. Es geht um das Land, seine Stellung in Europa, das Selbstverständnis des Staatsoberhauptes und sein Verhältnis zu Deutschland.

Am Donnerstag meldeten sich in einem offenen Brief alle Außenminister zu Wort, die seit 1989 in Polen in Amt und Würden waren. Sie kritisieren, dass Kaczynski sich krank meldete, und werfen ihm eine unprofessionelle Außenpolitik vor: "Die Absage ohne wesentlichen Grund ist eine Missachtung unserer Partner", schrieben die Minister, zu denen auch der exzellente Deutschlandkenner Wladyslaw Bartoszewski gehört.

Geradezu peinlich für den Staatspräsidenten und seine Mitarbeiter war ein Interview von Ex-Außenministers Darius Rosati in der "Rzeczpospolita": Wichtige Begegnungen wie das Treffen des "Weimarer Dreiecks" sage man nicht wegen eines Schnupfens oder einer Magenverstimmung ab. "Die moderne Medizin kann einen Politiker in zwei Stunden wieder auf die Beine stellen", sagte Rosati der Zeitung.

Nun ist Polen ein Land, in dem die meisten Bürger den Politikern nicht über den Weg trauen. Und deshalb glauben zwar alle an eine Verstimmung des Präsidenten, aber kaum jemand an eine seines Magen-Darm-Traktes. Der eigentliche Grund für die Absage sei vielmehr eine Satire über Kaczynski in der deutschen linksalternativen "Tageszeitung" gewesen, munkelt man. Selbst Kaczynskis außenpolitischer Chefberater Andrzej Krawczyk gibt zu: "Nach der Lektüre war der Präsident aufgeregt und entrüstet, da der Artikel einfach ekelhaft ist." Die Satire mit dem Titel "Polens neue Kartoffel - Schurken, die die Welt beherrschen" charakterisierte Kaczynski als bornierten, antideutschen Politiker, der alles mit Misstrauen betrachtet, was nicht polnisch ist.

Das war zu viel - nicht nur für Kaczynski. Außenministerin Anny Fotyga fuhr schweres rhetorisches Geschütz auf: Der Text erinnere sie an die Nazi-Zeitung "Der Stürmer". Dagegen mahnt der Publizist und Deutschlandexperte Adam Krzeminski zur Besonnenheit: Die Satire des deutschen Blattes sei zwar boshaft, doch gebe sie "nicht die Meinung der großen Koalition und der politischen Klasse in Deutschland" wieder.

Anfängliche Forderungen aus Warschau, die Bundesregierung müsse offiziell Stellung zu der Zeitungssatire nehmen, lehnte Berlin mit Verweis auf die Pressefreiheit ab. Kaczynskis Chefberater zeigt dafür inzwischen Verständnis. Man habe ja auch gar keine offizielle Reaktion aus Berlin erwartet, sagt Krawczyk, eher eine "Klarstellung durch die deutschen Eliten, dass man sich von einer solchen Darstellung des Staatsoberhaupts eines befreundeten Staates distanziert".

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