Polens Landwirte fürchten nichts so sehr wie die subventionierte Konkurrenz aus dem Westen
Schweinehälften zu Dumpingpreisen

Von der Einigung beim Agrar-Thema könnte maßgeblich abhängen, wie sich vor dem Referendum über den EU-Beitritt die Stimmung im Land entwickelt. Momentan sind 67 % der Polen dafür, dass ihr Land der EU beitritt.

SZKOTOWO. Boleslaw Tolloczko stoppt seine Limousine auf dem hart gefrorenen Feldweg und zeigt über die schneebedeckten Hügel zum Waldrand. "Mein größtes Feld reicht bis dahinten", sagt er stolz. Der Landwirt (62) trägt Tweedjackett zum grau karierten Hut und legt Wert darauf, nicht als einer dieser polnischen Kleinkrauter zu gelten, wie sie im Westen so gern mit Pferd und Wagen gezeigt werden. Sein Privatbetrieb im masurischen Szkotowo, einst ostpreußisches Landgut und später Kolchose, beschäftigt heute 34 Leute.

Trotzdem hat Boleslaw Tolloczko Angst vor der EU. "Momentan komme ich zurecht und brauche keine Subventionen aus den Taschen deutscher Steuerzahler", sagt er. Aber die Situation werde sich ändern, wenn er nach 2004 gegen Konkurrenten aus dem Westen antreten muss. Denn deren Produkte subventioniert die EU in voller Höhe. Polens Landwirte sollen nur einen Teil davon bekommen. "Das ist wie im Sport, wenn einer der Läufer einfach Vorsprung erhält", erklärt Tolloczko die Situation. Einen Vorgeschmack auf das, was ihn von der West-Konkurrenz erwartet, hat er bereits bekommen. "Dänemark verkauft Schweinehälften auf dem polnischen Markt - zu Dumpingpreisen von 3,5 Zloty pro Kilo", ärgert sich Tolloczko. "So viel muss ich für meine Schweine pro Kilo Lebendgewicht verlangen."

Seine Angst: Innerhalb eines halben Jahres nach Polens Beitritt werden Landwirte aus dem Westen den polnischen Markt überschwemmt haben. Von allen Kandidatenländern stößt Polen beim EU-Verhandlungsendspurt auf den härtesten Widerstand. Wichtigster Streitpunkt, über den erst in Kopenhagen entschieden werden soll, ist die Höhe der Subventionen für Polens zwei Millionen Bauern. Ursprünglich wollte Brüssel den Kandidaten im ersten Jahr nach dem Beitritt nur 25 % der Agrarhilfen zahlen. Der Kompromissvorschlag der Dänen sah vor, dass die Zahlungen mit Geld aus den Mitteln für ländliche Entwicklung auf 40 % aufgestockt werden können. Doch Polens Unterhändler wollen zusätzlich das Recht, per Kofinanzierung aus dem staatlichen Budget ihren Bauern noch mehr unter die Arme zu greifen. Bereits jetzt wird mit langen Verhandlungsnächten in Kopenhagen gerechnet.

Von der Einigung beim Agrar-Thema könnte maßgeblich abhängen, wie sich vor dem Referendum über den EU-Beitritt die Stimmung im Land entwickelt. Momentan sind 67 % der Polen dafür, dass ihr Land der EU beitritt. Doch die Euro-Skeptiker machen mobil: Die national-katholische "Liga polnischer Familien" hat eine Kampagne zur Ablehnung des EU-Beitritts gestartet. Und der radikale Bauernführer Andrzej Lepper geht noch weiter. "Wir rufen zum Generalstreik auf, wenn sich die Situation polnischer Landwirte verschlechtert", droht er.

Im alten ostpreußischen Gutshaus von Szkotowo wärmt sich Boleslaw Tolloczko die Hände am Kamin. Von Andrzej Lepper und seinen Parolen hält er nichts. Von den polnischen EU-Unterhändlern aber auch nicht: "Keiner von denen hat wirklich Ahnung von Landwirtschaft." Etwa 70 % der EU-Direktzahlungen für Polens Bauern - das wäre nach Tolloczkos Ansicht ein faires Angebot. Dass die Lohnkosten in Osteuropa geringer sind als im Westen, will er nicht gelten lassen: "In der modernen Landwirtschaft spielt das kaum noch eine Rolle. Und die Kosten für Saatgut und Maschinen sind die gleichen." Trotz aller Bedenken will der Landwirt aber beim Referendum für den Beitritt stimmen. Und was passiert nach 2004? Resigniert zuckt Tolloczko mit den Schultern: "Dann gehe ich wohl Pleite."

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