Polens Staatschef Kaczynski
Diskrete Umarmungsstrategie

Kaczynskis ungewohnt deutschfreundlichen Äußerungen passen sich wunderbar ins Umfeld ein. Deutschland ist der Ehrengast der diesjährigen Buchmesse: Autoren wie Günter Grass, Hans Magnus Enzensberger und Michael Krüger gehören zu den Stars der Veranstaltungen rund um die Messe.

WARSCHAU. Lech Kaczynski schmunzelt, er ist sich der Wirkung seiner Worte wohl bewusst. "Deutschland ist unser wichtigster kultureller Partner in Europa", sagt Polens Staatspräsident. Neben ihm steht Bundespräsident Horst Köhler, beide eröffneten am Donnerstag die internationale Warschauer Buchmesse - und erlauben ganz nebenbei einen Einblick in das leicht verspannte Verhältnis der Nachbarländer.

Vor allem die deutsche Dichtung der Romantik sei in Polen sehr populär, lobt Kaczynski. Damit überrascht der nationalkonservative Politiker den Bundespräsidenten und seine Delegation. Sie kannten den neuen polnischen Präsidenten als Skeptiker gegenüber dem deutschen Nachbarn. Er freue sich über Kaczynskis "große Kenntnis der deutschen Literatur", gibt Köhler die Artigkeiten zurück. Dann besuchen die Staatsoberhäupter die wichtigsten deutschen und polnischen Aussteller der Buchmesse. Lech Kaczynski interessiert sich für deutsche Übersetzungen polnischer Schriftsteller und für deutsche Publikationen über die Situation in Polen. Dazu zählt insbesondere das neue Jahrbuch des Polen-Instituts in Darmstadt, das der Situation der Frauen in Polen gewidmet ist. "Ich habe die Karriere von zehn polnischen Frauen gefördert", kommentiert Kaczynski - und meint in erster Linie wohl seine neue Außenministerin Anna Fotyga. Kaczynskis ungewohnt deutschfreundlichen Äußerungen passen sich wunderbar ins Umfeld ein. Deutschland ist der Ehrengast der diesjährigen Buchmesse: Autoren wie Günter Grass, Hans Magnus Enzensberger und Michael Krüger gehören zu den Stars der Veranstaltungen rund um die Messe. "Es kommt nur selten vor, dass zwei Staatspräsidenten eine Buchmesse eröffnen", sagt Jürgen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse. Dabei profitiert die Warschauer Buchmesse indirekt vom eher schwierigen Verhältnis des polnischen Staatspräsidenten zu Deutschland. "Wir haben den Besuch Köhlers in Warschau bewusst so organisiert, dass der Bundespräsident möglichst viel Zeit hat, sich im engen Kreis mit Staatspräsident Kaczynski zu unterhalten", sagt ein Mitglied der deutschen Delegation. Angesichts manch bitterer Kontroverse in den letzten Jahren, angefangen vom Zentrum gegen Vertreibungen bis hin zum Bau der von Polen abgelehnten deutsch-russischen Ostsee-Pipeline, ist das bilaterale Verhältnis nicht unbelastet. Und Kaczynskis Nationalkonservative hatten im Wahlkampf immer wieder gegen die Europäischen Union und gegen Deutschland Stimmung gemacht. Doch das soll nun Vergangenheit sei. Bei ihrer Umarmungsstrategie setzen die Berliner gezielt auf die Gattin des Präsidenten, Maria Kaczynska. Sie hatte schon im Vorfeld des Besuches ihres Gatten in Deutschland für ein vielfältiges Programm gesorgt. Offensichtlich habe Frau Kaczynska ihr Interesse für Deutschland entdeckt, heißt es Warschau. Und sie übe großen Einfluss auf ihren Gatten aus. Die deutsche Strategie gegenüber dem polnischen Präsidenten ist auch deshalb vernünftig, weil Kaczynski mehr und mehr die Außenpolitik selbst bestimmt. "Lech Kaczynski sagt, wohin die Reise geht", schreibt die "Rzeczpospolita", Polens führende Tageszeitung. Außenministerin Fotyga verdankt ihre Ernennung einer Entscheidung Kaczynskis. Und auch die Entlassung von Ryszard Schnepf, dem außenpolitischer Berater von Premier Kazimierz Macinkiewicz, wurde im Präsidentenpalast entschieden. Dafür hat der Politologe Marek Cichocki an Einfluss gewonnen, er ist zum Chefberater des Präsidenten in deutschland- und europapolitischen Fragen aufgerückt. Cichocki saß gestern neben Kaczysnki beim Gespräch mit dem Bundespräsidenten, er gilt auch als potenzieller Beauftragter der Regierung für die Beziehungen zu Deutschland. Das Problem ist nur, dass Cichocki den Beziehungen zum Nachbarn kaum Bedeutung beimisst: "Deutschland sollten wir tiefer hängen."

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