Politik: Bushs Befreiung

Politik
Bushs Befreiung

Vor der Kriegsrede des Präsidenten war die Stimmung in den USA gespalten. Jetzt schart sich die Mehrheit hinter George Bush. Alarmstimmung greift um sich. Das Land sucht Schutz im Angriff. Die Folgen der Rede gehen weit über den Irak hinaus.

George W. Bush wirkt wie erlöst. So als könne er zum ersten Mal seit langer Zeit wieder frei von der Leber weg sprechen - gerade heraus, ohne diplomatische Umwege. So wie in Texas eben. Vorbei ist die Zeit, wo der US-Präsident auf das sensible Europa Rücksicht nehmen oder beim Präsidenten von Angola um Unterstützung betteln muss. In der Kreuzhalle des Weißen Hauses, eingerahmt von Marmorwänden, steht der mächtigste Mann der Welt auf einem langen roten Teppich und erklärt nicht nur dem irakischen Diktator Saddam Hussein den Krieg. Bush entwirft in 15 Minuten in ruhigem, ernstem Ton die Sicherheitsordnung des 21. Jahrhunderts - mit Amerika als Weltpolizisten.

Hunderte Millionen Menschen schauen ihm zu auf der ganzen Welt. Es ist einer der wenigen Momente, wo eine Rede über Krieg oder Frieden entscheidet, live und, in den USA, zur Prime Time. Selbst in der Bar "Venus Room", unweit der entmachteten Uno an der First Avenue in Manhattan, ist die Rockmusik verstummt. Die Augen wandern von der Corona-Flasche zum Fernseher, wo der US-Präsident gerade das Ende der Diplomatie verkündet. Die Meinung ist kritisch. Die New Yorker sind, wie Umfragen vor der Rede belegten, in ihrer Mehrheit gegen den Waffengang.

"Gefälscht", ertönt es am Ende des Tresen, als George Bush von Beweisen für Saddam Husseins Missetaten spricht. Höhnisches Gelächter auf die Bemerkung, dass das Erdöl den Irakern gehört. "Ich bin gegen den Krieg", sagt Margarita Luna, deren Onkel beim Militär ist. "Er hat noch ein Jahr zur Rente. Und jetzt schicken sie ihn in den Irak", sagt die dunkelhaarige Frau und fingert an ihrer grünen Plastikperlenkette.

Seit einer Woche haben Bushs Redenschreiber Michael Gerson und Karen Hughes an den Formulierungen für die historische Rede gefeilt. Das Grundgerüst stand, als Bush auf den Azoren der Uno-Diplomatie noch eine letzte Chance einräumte. Der Präsident selbst konnte sich zu diesem Zeitpunkt bereits sicher sein, dass er für einen Krieg gegen den Irak keine Rückendeckung des Weltsicherheitsrats bekommen würde. Und so wurde am Montagmorgen neun Uhr Ortszeit im Nationalen Sicherheitsrat "das Fenster der Diplomatie" geschlossen.

Bush hat seinen Frieden mit der Entscheidung zum Krieg gemacht. Mit Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bespricht er die letzten Details der Angriffspläne. Danach informiert sich Bush bei Finanzminister John Snow über die Finanzlage der Sozialversicherung. Der Rest dieses schicksalhaften Tages vergeht wie im Flug: ein Ballspiel mit seinen zwei Hunden Barney und Spot auf dem Südrasen, etwas Krafttraining im Fitnessraum des Weißen Hauses. Nach einer Generalprobe für die Rede empfängt Bush die ranghöchsten Vertreter des Kongresses. "Der Präsident zeigt immer noch verärgert auf den Stuhl, wo der deutsche Kanzler Schröder ihm seine Unterstützung zugesagt hat", berichtet Senator Richard Lugar später.

Als Bush dann um 20 Uhr Ortszeit im dunklen Anzug vor das Mikrofon tritt, wirkt er ziemlich allein auf dem Korridor, der das Ostzimmer mit dem State Dining Room verbindet. Der Präsident startet angespannt. Er erinnert an die zwölf Jahre seit dem letzten Golfkrieg, in denen Saddam Hussein die Völkergemeinschaft an der Nase herumgeführt hat. Und an die Verbrechen des irakischen Diktators gegen sein Volk und seine Nachbarn.

Je länger Bush redet, desto größer malt er die Gefahr durch den Irak und durch Terroristen, die, ausgestattet mit irakischen Massenvernichtungswaffen, direkt die USA bedrohten. Damit auch der letzte Amerikaner die Bedrohung erkennt, erhöht das neue Ministerium für innere Sicherheit nur wenige Stunden später die Alarmstufe für Terroranschläge in den USA.

Bushs Botschaft zeigt Wirkung - auch bei den Leuten im "Venus Room". "Ich fühle mich unsicherer", sagt Bobby Rice, eine junge Frau mit rötlichen Haaren. "Wenn die dort das Gefühl haben, dass wir ihre Familien angreifen, dann wollen die sich rächen. Das würde ich doch auch machen", meint die Namensvetterin der US-Sicherheitsberaterin. Insbesondere die als besonders gefährdet eingeschätzten New Yorker haben sich längst damit abgefunden, ständig ihre Ausweise und Handtaschen vorzuweisen. Nach der Bush-Rede wurde zusätzlich die Operation Atlas gestartet. Mehrere Hundert zusätzliche Polizisten schützen seitdem die Lebensadern und symbolischen Plätze der Stadt.

Bobby Rice ist davon überzeugt, dass der Irak bei Bush seit seinem Amtsantritt auf der Agenda stand. "Das hat nichts mit dem 11. September zu tun. Er hat sich diesen Krieg ausgesucht, weil sein Vater ihn nicht zu Ende gebracht hat", sagt sie und blickt wieder gebannt auf den Fernseher.

"Saddam Hussein und seine Söhne müssen das Land innerhalb der nächsten 48 Stunden verlassen, oder ihnen droht ein militärischer Konflikt", sagt Bush entschlossen. Die Anspannung ist gewichen, der Präsident kann endlich ungehindert den Regimewechsel in Bagdad einfordern. Unbeeindruckt von der diplomatischen Niederlage bei der Uno, weist er Bedenken seiner Kritiker zurück: Die Entwaffnung des Iraks sei "keine Frage der Autorität, sondern eine Frage des Willens". Der Sicherheitsrat sei seiner Verantwortung nicht gerecht geworden. "Jetzt werden wir unsere wahrnehmen." Bush spricht von einer "breiten Koalition" von Ländern, die sich jetzt formiere.

Der demokratische Senator Carl Levin erinnert später daran, dass Bush senior im ersten Golfkrieg auf die Unterstützung von 28 Nationen bauen konnte. Dagegen wirkt die Koalition der Willigen wie ein verlorener Haufen. Wie immer in Kriegszeiten versammeln sich aber auch diesmal die meisten Amerikaner hinter ihrem Präsidenten. Die ersten Umfragen nach der Rede zeigen, dass rund 70 Prozent auch ohne Rückendeckung der Uno hinter Bushs Kriegskurs stehen. Selbst Kritiker wie Levin sagen: "Die Entscheidung ist gefallen, jetzt müssen wir unsere Truppen unterstützen."

Bushs Argumente verfangen. Er wirft den Kriegsunwilligen vor, dass ihre Politik wegen der Gefahr chemischer, biologischer und nuklearer Terroranschläge zu Zerstörungen unbekannten Ausmaßes führen könne. "Auf solche Feinde erst zu reagieren, nachdem man angegriffen worden ist, ist nicht Selbstverteidigung, sondern Selbstmord", sagt Bush.

Für den amerikanischen Historiker Walter Russell Mead markiert die Bush-Rede einen historischen Wendepunkt. "Die öffentliche Diplomatie ersetzt die wahre Diplomatie", sagt er. Die internationalen Beziehungen stünden vor den dramatischsten Veränderungen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Der Streit über den Irak-Konflikt sei nicht nur die Folge einer schlechten Diplomatie. "Es ist das Resultat langfristiger Trends", glaubt Mead, Senior Fellow beim renommierten Council of Foreign Relations.

Europa und die von den Europäern unterstützten internationalen Institutionen verlören für die USA an Bedeutung. "In der von Bush neu formulierten Doktrin des vorbeugenden Erstschlags vereinigen sich die großen Meilensteine der amerikanischen Außenpolitik", sagt Mead. Die Ansätze der Bush-Doktrin könne man bereits beim ehemaligen US-Präsidenten James Monroe finden, der 1823 erstmals die besonderen Sicherheitsbedürfnisse der USA formulierte und und so die Europäer vom amerikanischen Kontinent fern hielt. Bush denkt nicht mehr in Hinterhöfen, er denkt global.

Der Türsteher Dax in der Bar an der First Avenue bringt es mit einfachen Worten auf den Punkt. "In meinem Job muss ich auch zwischen Diplomatie und Durchgreifen abwägen. Und für uns ist der Punkt gekommen, dass wir durchgreifen müssen", sagt der kräftig gebaute Mann. Er sei kein Fan von Bush. "Ich glaube aber, es ist an der Zeit, für die Sicherheit Amerikas und der internationalen Gemeinschaft etwas zu tun", sagt er.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
Katharina Kort
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Handelsblatt / Korrespondentin
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