Politik
Das Untreue-Verhältnis

Es war eine Rebellion ohne Ziel und damit ohne jeden Erfolg. Friedrich Merz? Mäkeleien an CDU-Chefin Angela Merkel waren Ausdruck seines Frustes. Weil niemand in der CDU den Fraktionsvize verteidigte, konnte sie ihn leicht rügen. Und auf den nächsten Angriff warten.

So liest sich ein Eintrag ins Klassenbuch: "Friedrich Merz hat zugesagt, dass weitere Interviews dieser Art nicht folgen werden." Nie wieder! Angela Merkel, Merzens doppelte Chefin als Partei- und Fraktionsvorsitzende, hob nur einmal den Rohrstock, als sie gestern via Pressekonferenz ihren "Super-Vize" Mores lehrte. Sie konnte das gelassen tun, nachdem das gesamte Parteipräsidium den Rüffel Merkels zustimmend verfolgt hatte. Und sich auch im ganzen großen Bundesvorstand niemand gefunden hatte, der sich für Friedrich Merz verwendet hätte. Im Gegenteil: Absolute Ruhe herrschte da gestern, als die Vorsitzende bestimmt, aber gelassen unterkühlt die Unglücksaktion ihres Widersachers sezierte. "Das war nicht hilfreich", sagte sie. Und keiner hatte dagegen etwas einzuwenden. Wie auch? Sechs Wochen vor den Landtagswahlen in Niedersachsen und Hessen hatte Merz wieder einmal rebelliert und seine Chefin per Interview als Intrigantin hingestellt, als Frau ohne Verlass.

Die verbalen Ausfälle des von Merkel gestürzten früheren Fraktionschefs sind nur die öffentliche Spitze seiner Jahre währenden Tiraden gegen die Frau Chefin. "Wir waren eigentlich davon ausgegangen, dass es zumindest eine Hass-Liebe zwischen den beiden geben kann. Doch da ist nur Hass", stöhnt ein Fraktionsmitglied.

Für höher gestellte Parteimitglieder indes ist das keine Überraschung. Ihnen fällt sofort der letzte CDU-Bundesparteitag in Hannover ein. Da war Friedrich Merz einer der ersten gewesen, der sich auf die damalige Bescherung einen Reim machen konnte. Zwar wurde die Chefin von den Delegierten in ihrem Amt bestätigt. Doch so rechte Freude kam bei ihr nicht auf. Kein Wunder, hatten doch 160 der 1 000 Parteitagsdelegierten "aus Versehen", wie es die Schönredner der Partei weismachen wollten, die Abstimmung verschlafen und waren in der Kantine an der Currywurst hängengeblieben. Von wegen.

Als der frisch demontierte Fraktionschef der Union das Wahlergebnis hörte, musste er sofort grinsen, ein wenig zu offen. Was einige Beobachter als pure Schadenfreude des gestürzten Merz angesichts der geplatzten Krönungsmesse für seine Widersacherin interpretierten, entpuppte sich später als mehr. Es war offenbar das Lächeln eines Eingeweihten.

Denn so spontan, wie es scheinen sollte, kam die Peinlichkeit für Merkel nicht zu Stande. Schon wenige Tage danach erklärte Merz in kleinem Kreis, wie man eine solche Rebellion richtig macht - ohne den Saal verlassen zu müssen. Ganz einfach: Man nehme seinen Stimmzettel, kreuze brav und für die Nachbarn gut sichtbar "Ja" an, schlendere gelassen durch die Gänge und vergesse einfach, den Stimmzettel in die Wahlurne zu werfen. So oder ähnlich sollen es viele Delegierte, vor allem aus Nordrhein-Westfalen, gemacht haben. Hat Merz Lunte gelegt?

Mag sein. Der "Super-Vize" hat nie verwunden, dass ihn die Protestantin aus dem Osten mit Beihilfe des Katholiken aus dem Süden, Edmund Stoiber, von seinem Fraktionsthron verstoßen konnte. Und auch jetzt sind etliche in der Union "fassungslos" über das, was wie eine Zwangsneurose aussieht: das wütende Nachtreten des schlaksigen, großköpfigen, aber auch larmoyanten und sentimentalen Merz.

Und das jetzt, da die Union in der Gunst des Publikums mit rund 50 Prozent Zustimmung ungeahnte Höhen erklommen hat und eine vor sich hinstolpernde Regierung für schlechte Schlagzeilen sorgt! Ausgerechnet jetzt, da Merkel ihren Job besser macht als von vielen befürchtet, ja zweimal im Rededuell mit dem Kanzler obsiegte. "Hätte er nachgedacht, hätte er sich selbst dieses Bein nicht gestellt", verneint ein Merz-Vertrauter jegliche Strategie. Hinter dem Manöver, die Chefin wie eine konspirativ agierende Kriminelle ("von langer Hand vorbereitet") zu denunzieren stünde niemand, nicht einmal der Freund aus Junge-Union-Tagen, Hessens Ministerpräsident Roland Koch. Und so ist man sich einig: Der Täter ist gleichzeitig das Opfer. Und das heißt Merz.

Dabei ist das Timing der Attacke kein echter Zufall. Es beleuchtet vielmehr drastisch die Schwäche des Mannes, der so gerne einmal ein richtiger Rebell gewesen wäre. Ein ihm Wohlgewogener umschreibt Merzens "Impulsivität" mit dem Wort: "Der hat leider kein Über-Ich". Will heißen: Trotz aller Intelligenz, vielleicht aber gerade wegen seiner hohen Intelligenz behindere der Mangel an steuernder, regulierender, wenn man so will: zivilisierender Kraft den Mann nachhaltig.

Seine mitunter radikale Offenheit gerinnt ihm oft unversehens zum unerbittlichen Affront, die politische Gegnerschaft entgleitet ihm mitunter in rüde Feindschaft, und Provokation gerät dem ehrgeizigen 46-Jährigen zum Pranger gegen den politischen oder journalistischen Gegner.

Doch jetzt hat Merz nicht den angeschlagenen Gegner, sondern die eigene Spielführerin und die sich gerade aufrappelnde Mannschaft gefoult. Kein Wunder, dass die aufjault. "In jedem anderen Bereich des Lebens wäre Merz jetzt gefeuert: Öffentlich die Chefin als intrigant hinzustellen und das nicht zum ersten Mal, da ist jedes Vertrauensverhältnis hin", stöhnt ein Fraktionsmitglied.

Kündigung in der Politik? Wegen wiederholter Unbotmäßigkeit? Von Angela Merkel? Von der kommt doch so etwas nicht, hat Merz wohl kalkuliert. Dafür hat er zu viele Unterstützer in der Fraktion. Auch seine Kompetenz als Finanzexperte der Union, dem keiner das Wasser reichen kann, steht dem im Weg. Ginge er, fände sich die Union wieder in der Führungskrise, der sie gerade entronnen schien.

Doch der Glaube, dass ihm allein schon wegen Merkels angeblicher Führungsschwäche nichts passieren könne, trügt. Auch gestern wieder. Nicht ohne Bewunderung haben einige bei der Präsidiumssitzung das Agieren Merkels wahrgenommen: Nach außen völlig gelassen, rhetorisch kalt präzise. Dass Merz jetzt bei vielen durch die Reifeprüfung gerasselt ist, wird ihn, den Hochmütigen kaum scheren. Eher schon, dass ausgerechnet sein erfolgreicheres Alter Ego, der Mitrebell mit Kanzler-Ansprüchen, Hessens Ministerpräsident Koch, Unmut über seine Irrfahrt erkennen ließ. "Die hessischen Wahlkämpfer wollen keine Personaldiskussion in der CDU", hatte der gesagt. Das hätte auch Merkel so sagen können.

Doch es ist Roland Koch, mit dem sich Merz seit 25 Jahren "emotional auf einer Linie" wähnt. Und mehr muss man zu seinem Untreue-Verhältnis zur Chefin gar nicht sagen.

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