Politik
Der lange Abschied des Präsidenten

Auf seiner Sommerreise trifft Johannes Rau Viva-Moderatorinnen, Fußballfans und Deutsche-Bank-Trainees. Sie mögen ihn, aber das wird ihm nichts nützen.

Frankfurt. Der Mann ist 72 Jahre alt. Und wenn sich seine Lippen nach innen stülpen, zu einem umgekehrten U formen und seine Nase dem Kinn entgegenstrebt, wirkt er keinen Tag jünger. Doch der Mann hat seine Fans. Janin Reinhardt, 21, sehr blond, sehr dünn, sehr knappes Top: "Ich finde ihn gut." Peter Hahne, 28, feiner Nadelstreifen, sehr smart: "Ich halte viel von ihm." Tanja Zimmermann, 25, kurzer Struppi-Look, sehr engagiert: "Der ist nicht zu alt, der macht das nicht aus Machtgeilheit." Janin ist Moderatorin beim Musiksender Viva, Peter Trainee bei der Deutschen Bank und Tanja Fan von Borussia Dortmund. Sie haben zwei Dinge gemeinsam: Sie sind jung, und sie haben gerade mit Johannes Rau gesprochen.

Der Bundespräsident ist auf Sommertour, und noch lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob es sich dabei um seine Abschiedsreise durch Deutschland handelt oder um eine Werbetour. In der Bundesversammlung, die ihn im nächsten Mai zu wählen hätte, fehlen Rot-Grün derzeit acht Stimmen zur Mehrheit. Andererseits jedoch hat die Union bisher keine überzeugenden Gegenkandidaten präsentiert, und beispielsweise die letzte Umfrage von Emnid zeigt, dass 53 Prozent für seine Wiederwahl wären. Fast genauso viele lehnen ihn ab - Zeit für eine vorläufige Schlussbilanz.

"Reden wir über Deutschland . . ." hat Rau seine viertägige Reise genannt, sie führt ihn von Bremen bis Leipzig, zu Auszubildenden, Fußballfans, Arbeitslosen und eben an diesem Donnerstagmorgen in den 35. Stock der Deutschen Bank in Frankfurt. Es ist dies der Vorstandsbereich und damit der Ort, wo viele der 15 Trainees, die hier mit Johannes Rau in einem Stuhlkreis sitzen, hinkommen möchten. Irgendwann mal, am liebsten aber ganz schnell.

Beim weiblichen Nachwuchs bevorzugt die Deutsche Bank eindeutig blond, die Männer müssen mindestens ein gewinnendes Lächeln haben. Es sind wohlerzogene junge Leute, alle haben auch im Ausland studiert, und sie formulieren höflich. Sie fragen: "Wie kann der Standort Deutschland attraktiver gemacht werden?" Sie sagen: "Der Staat sollte sich weiter zurückziehen und mehr dem Markt überlassen." Oder sie fragen nach der "Vision" des "Herrn Bundespräsidenten".

Johannes Rau spricht lange, mit seiner knarzigen und rauchigen Stimme. Seine Augen sind lebhaft, er lächelt gern, das Gespräch macht ihm Spaß. Aber dass er antwortet, kann man eigentlich nicht sagen. Er sagt: "Wir sollten nicht auf so hohem Niveau klagen." Er sucht Verständnis: "Ich würde Ihnen gerne eine Sorge als Erwiderung vortragen", und spricht von der "Verkoppelung von Shareholder-Value und dem Abbau von Arbeitsplätzen". Und als Vision zitiert er Theodor W. Adorno: "Eine Gesellschaft, in der man ohne Angst verschieden sein kann". Johannes Rau kann auch weit ausholen, vor allem in die Vergangenheit. Konkret sind dann vor allem die Anekdoten.

Er erzählt seine Geschichten in einem großen, holzgetäfelten Raum, der hinter seinem Rücken spitz zuläuft wie ein Schiffsbug, der Kurs auf den vor Hitze flirrenden Taunus nimmt. In diesem Bild meint man das Wesen des Präsidenten Rau zu erkennen. Er bestimmt die Richtung nicht, er weiß vielleicht nicht einmal, wohin die Reise geht, aber während er mit den Passagieren spricht, wirft er wieder sein Netz aus und fängt sie darin mit Märchenonkel- Charme. Das Äußerste, was Trainees wie Peter Hahne später an Kritik zum ersten Mann im Staate einfällt, ist, dass "wir in Fragen der Wirtschaft etwas auseinander liegen".

Soll dieser Bundespräsident, der so vielen Vertrauen einflößt, also noch einmal kandidieren? "Der Bedächtige von Bellevue" hat ihn die "Woche" einmal genannt, als "ratlos am Ziel seiner Wünsche" die "FAZ" geschildert , während die "Süddeutsche Zeitung" sein Schicksal als "unerhörter Präsident" beklagt hat.

Johannes Rau glaubt, dass er nach dem vermurksten Beginn seiner Amtszeit mit der "Flugaffäre" und seiner schweren Krankheit inzwischen im Amt angekommen ist. Wenn er von sich als nordrheinwestfälischer Ministerpräsident spricht, dann fügt er hinzu: "in meinem früheren Leben". Wer seine letzte Rede zur Außenpolitik liest, findet darin durchaus Eigenständiges; er plädiert, anders als die Bundesregierung, für ein neues Völkerrecht, das Regimes wie das frühere irakische nicht mehr schützt. Die große, später einmal historisch zu nennende Rede ist ihm jedoch noch nicht geglückt. Von Richard von Weizsäcker wird seine Rede zur Kapitulation Deutschlands in Erinnerung bleiben, von Roman Herzog wenigstens das Wort "Ruck". Und von Rau?

"Er hat ein eigenes, neues Selbstbewusstsein gewonnen", heißt es aus seiner Umgebung. Rau werde erst dann gehen, wenn er glaube, seine Agenda abgearbeitet zu haben. Man müht sich, ihn als Handelnden zu schildern. Wohl im Juli werde er sich zu einer möglichen zweiten Amtszeit erklären, sagen Leute, die ihn gut kennen.

Dass der Israel-Freund im Jahre 2005 gerne noch als Bundespräsident das Holocaust-Denkmal in Berlin einweihen würde - keine Frage. Doch derzeit kann er nur für sich werben, mit dieser Jugendtour, die so wunderbare Bilder produziert wie jenes von den fünf trendfesten Viva-Moderatorinnen und dem Präsidenten in der Mitte, wohlig lächelnd. Und er kann hoffen: Dass die SPD oder die Grünen mehr Stimmen als erwartet bei der bayerischen Landtagswahl im September holen; dass die FDP für ihn stimmt, im Vorwege einer sozial-liberalen Koalition vielleicht.

Schon einmal allerdings, 1994, hatte Rau auf derlei Unwägbarkeiten gesetzt. Damals wurde statt seiner Roman Herzog Bundespräsident. Rau trug schwer an dieser Niederlage. Vor seinem Abschied von Nordrhein-Westfalen 1998 hatte der damalige Ministerpräsident recht früh über das Datum seines Rücktritts orakelt: "Ich kenne es, meine Frau ahnt es." Von da an war er als Politiker wie gelähmt. Jetzt redet er vorsichtiger. Mit der Politik sei es wie mit den Erdnüssen, man könne nicht damit aufhören, sagt er, bevor er anfügt: "Da muss man lernen, sich zu beherrschen."

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