Politik
Ein Job für Wolfgang Clement

Der Arbeitsminister sucht das Geheimnis des britischen Beschäftigungswunders

LONDON. Im Hinterhof eines schmucklosen Klinkerbaus im heruntergekommenen Londoner Stadtteil Streatham hält am Freitagmorgen um kurz nach zehn ein dunkler BMW mit Panzerscheiben. Ein großer, schlanker Mann mit gescheiteltem grauem Haar steigt aus und wird durch eine automatische Glastür geführt. Ein grasgrünes Schild weist die Pforte als Eingang des örtlichen "Jobcentreplus" aus.

Der deutsche Wirtschafts- und Arbeitsminister Wolfgang Clement ist zu Besuch. Keine 24 Stunden zuvor hat er in Downing Street 10 den britischen Regierungschef Tony Blair getroffen, danach das halbe Kabinett. Wäre der Bundeskanzler gekommen, das Programm hätte kaum prominenter ausfallen können. Streatham aber hat andere Sorgen. Hier leben vor allem Alte, Arme und Einwanderer, die Arbeitslosigkeit ist mehr als doppelt so hoch wie im Landesdurchschnitt. Und so betritt Clement das Jobcenter fast unbeachtet.

Es ist ein großer, lichter Raum, eine Insel des Wohlbefindens, die so gar nicht zur Hinterhofkulisse vor der Glastür passt. An modernen Schreibtischen aus hellem Holz finden Beratungsgespräche statt, in einer Sitzecke mit Sofas in Rot und Blau ist Kinderspielzeug aufgebaut, an den Wänden hängen Fotos lachender Menschen, darüber stehen die Worte "welcome" und "benefits". So freundlich sieht es in Deutschland vielleicht im T-Mobile-Shop aus, nicht jedoch beim Arbeitsamt.

Genau deshalb ist Wolfgang Clement hier. Er will beobachten und Fragen stellen. Vor allem wegen der Jobcenter sei er nach London gekommen, heißt es in seiner Entourage. Der Arbeitsminister will das Geheimnis lüften, warum die Briten im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit so viel erfolgreicher sind. Denn eines ist für ihn schon vor dem Besuch in Streatham klar: "Die Vermittlungspolitik in Großbritannien ist die beste in ganz Europa."

Zwei Tage lang hat Clement seinen Gastgebern dieses Kompliment bei jeder Gelegenheit gemacht. Und damit ein bisschen seine eigene Politik gelobt. Schließlich dienen die Jobcenter als Blaupause für die Reformen, mit denen SPD und Grüne die bürokratische Bundesanstalt für Arbeit (BA) auf Erfolgskurs bringen wollen. "Kein Land gibt so viel Geld für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit aus wie Deutschland", rechnet der Minister vor. "Aber die Ergebnisse sind deprimierend schlecht."

Noch vor kurzem waren solche Erkenntnisse aus dem Mund eines Sozialdemokraten ein Sakrileg. Doch jetzt ist die "Agenda 2010" das Maß der Dinge, und alles ist anders. Die lange als unsozial verteufelte Arbeitsmarktpolitik der Briten darf zum Vorbild werden. Was Blair 1998 als "New Deal" in der Tradition Maggie Thatchers fortführte, die Kombination staatlicher Hilfen mit harten Sanktionen für Arbeitsunwillige, wird nun, fünf Jahre später, als "Fördern und Fordern" auch bei Rot-Grün Programm.

Learning by doing, Clement stechen die auffallend designten Computerterminals des Jobcenters ins Auge. Eine Arbeitsvermittlerin erklärt, dass er hier alle bekannten Stellenangebote abrufen kann. Der Minister drückt wahllos auf die Berührungsfelder des Bildschirms. "Welche Art von Arbeit suchen Sie denn?" fragt die dunkelhäutige junge Frau, die mit ihrem modischen blauen Hosenanzug auch bei einer Investmentbank in der Londoner City richtig wäre

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"Journalist", antwortet Clement und beginnt, sich durch das Programm zu klicken. "Regional" oder "überregional"? fragt der Computer. Clement, vorbildlich flexibler Arbeitsloser, wählt "überregional". Es dauert keine Minute, dann hat er das passende Angebot: deutschsprachiger Redakteur für ein Internetportal in Irland. Clement druckt das Angebot aus und steckt es in seine Jackentasche. Vielleicht kann BA-Chef Florian Gerster, der daheim gerade angekündigt hat, die elektronische Stellenvermittlung zu verbessern, ein gutes Beispiel gebrauchen.

Im Jobcenter Streatham wird klar, was in den nächsten Jahren der Job des deutschen Arbeitsministers sein wird. Seit 2001 sind in Großbritannien 263 dieser Vermittlungsagenturen entstanden, 1 000 sollen es werden. Sie sind zuständig für alle Arbeitssuchenden; die bisher getrennten Arbeits- und Sozialämter wurden in ihnen vereint. 2,2 Milliarden Pfund gibt die britische Regierung für den Umbau der Arbeitsvermittlung aus. Zusätzliches Personal sorgt dafür, dass heute ein Vermittler im Schnitt 50 Arbeitssuchende betreut. In Deutschland liegt das Verhältnis bei eins zu 400. Die Erfolge sind beachtlich. Während in Deutschland ein Arbeitsloser durchschnittlich 33 Wochen auf einen neuen Job warten muss, sind es in Großbritannien 21. Nur sechs Prozent der Betroffenen sind länger als ein Jahr arbeitslos.

"The work you want, the help you need", ist die Losung der Jobcenter. Wer Hilfe braucht, soll wie ein Kunde behandelt werden. "Spätestens nach vier Tagen bekommt jeder bei uns einen Beratungstermin", verspricht Dave Ashdown, Manager des Jobcenters Streatham. Es gibt keine trostlosen Flure, auf denen die Arbeitslosen wie Bittsteller warten müssen. Verschlossene Türen sind tabu. Länger als zehn Minuten, sagt Ashdown, solle niemand hier warten. Clement ist beeindruckt: So müssten die Arbeitsämter auch in Deutschland umgebaut werden.

Doch der britische Erfolg - die Arbeitslosenquote ist mit 5,1 Prozent kaum halb so hoch wie in Deutschland - hat auch andere Ursachen. Der Kündigungsschutz ist schwach, die Arbeitgeber stellen schneller ein. Vor allem aber ist die Arbeitslosenunterstützung gering. Gerade mal 54 Pfund pro Woche plus Wohngeld bekommt ein Single über 25 Jahre. Entsprechend groß ist der Anreiz, jede bezahlte Arbeit anzunehmen. So weit will Clement nicht gehen. Das sei dann doch "zu brutal".

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