Politik
Eine Gratwanderung in alle Richtungen

In den USA tritt Angela Merkel als das Good Girl aus Germany auf. Die CDU-Chefin versichert den USA ihre Solidarität. Spitzen gegen Schröder verkneift sie sich. Doch wie ihre eigene Haltung im Falle des Kriegs gegen den Irak aussehen wird, verschweigt sie genscheresk.

Chuck Hagel ist ein bedeutender Senator. Nicht in erster Linie, weil sich sein Name im Amerikanischen wie der des großen deutschen Philosophen ausspricht. Aber der Republikaner ist ein bedeutendes Mitglied des Auswärtigen Ausschusses, und er fühlt sich als eine Art Brückenbauer zu den Deutschen. Das hat er mit Angela Merkel gemein. Deshalb besucht sie ihn.

Als Sergeant hat Hagel schon einmal das Böse bekämpft, in einem Panzer in Vietnam, im brutal gefährlichen Mekong-Delta. Ein kleines silbernes Modell legt davon Zeugnis ab in seinem Büro auf dem Capitol Hill. Überhaupt ist das Vorzimmer, in das Angela Merkel hineinhetzt, ziemlich kriegerisch gehalten. Schöner als jede Sonne an der Westküste der USA geht da auf einem Farbfoto ein Atompilz auf, B52-Bomber sind abgebildet, und es hängen allerlei Waffen wie Säbel in dem Büro herum. Der Krieg ist für Hagel und seine Mitarbeiter zur vertrauten Umgebung geworden. Dabei gilt er in der US-Politik als besonnener Mann, der den Krieg gar nicht um jeden Preis will. Da ist er fast eine Ausnahme im Vorkriegsamerika.

Im Büro des Senators hängt die in Gold gerahmte Warnung: "Nichts ist in Kriegszeiten gefährlicher, als in der wankelmütigen Atmosphäre einer Gallup-Umfrage zu leben, in der man stets seinen Puls spürt und in der einem dauernd die Temperatur gemessen wird." Winston Churchill hat diese Unabhängigkeit von der allgemeinen Meinung am 30. September 1941 im House of Commons gefordert. Damals ging es um Krieg gegen Adolf Hitler. Lang gefackelt werden soll auch heute nicht mehr. Es geht um Hitlers Wiedergänger, Saddam Hussein.

Kaum hat Angela Merkel den Raum des Senators betreten, hat sie sich schon vom militärischen Ambiente anstecken lassen. "Ich entschuldige mich für diese Invasion", scherzt sie über die mitgebrachten Journalisten. Wie er denn das Verhalten Schröders gegenüber seinem Land einschätze, will sie wissen und bekommt die diplomatische Antwort: "Fragen Sie die deutsche Regierung!"

Merkel nickt und bestätigt schnell, dass der Terrorismus ja nicht nur Amerika, sondern auch Europa bedrohe. "Doch das wird in Europa nicht ausreichend wahrgenommen", versichert sie dem jovialen, aber kurz angebundenen Senator. Es ist, als würde bei ihren Worten gerade der Bundeskanzler auf einer russischen Mig abschussbereit durch den Raum düsen. Denn alle wissen sofort, wer da nix wahrnimmt.

Dabei ist die CDU-Partei - und Fraktionschefin ja keineswegs nach Amerika gekommen, um noch einmal einen kalkulierten Tabubruch ("Schröder spricht nicht für alle Deutschen") wie den gegenüber der "Washington Post" zu begehen. Sie will, so schwört sie ein ums andere Mal, nichts als "verlorenes Vertrauen aufbauen", eine Luftbrücke des Vertrauens - diesmal in umgekehrter Richtung: von der CDU-Bundesgeschäftsstelle in Berlin-Tiergarten direkt nach Capitol Hill und White House, USA.

Nein, dieses Mal will das Good Girl aus Germany die deutsche Irak-Politik nicht wieder durch den Kakao ziehen; zumindest nicht öffentlich und schon gar nicht direkt.

"Wollen Sie Ihren Gesprächspartnern klar machen, dass Schröder nicht für alle Deutschen spricht?" wird sie gefragt. "Mir geht es hier nicht um bessere und schlechtere Deutsche", antwortet sie fast nobel. In Deutschland will sie als Deutsche wahrgenommen werden, die außer vom Präsidenten und von Außenminister Colin Powell von allen wichtigen Regierungsmitgliedern empfangen wird. In den USA als veritable Oppositionsführerin, als bessere Alternative. Und in in ihrer Partei als international handelnde Figur, die auch mal ohne den ständigen Eingriff der Ministerpräsidenten Politik treiben darf. Ganz eigenständig. Mit der Fertigung dieses Triptychons in eigener Sache hat sie sich nichts Einfaches vorgenommen, weiß doch Merkel, dass nicht nur die deutsche Regierung, sondern auch die meisten Deutschen den USA ihr Misstrauen bekunden und gegen den Krieg sind.

Keine Frage: Angela Merkel ist in für sie ungünstigen, für alle unheilvollen Zeiten nach Amerika aufgebrochen. Der Reisetermin war lange geplant, die Umstände haben sich geändert. So schlüpft sie jetzt unversehens in die Rolle der Verbindungsfrau zwischen der Neuen Welt und dem alten Europa.

Also beruft sie sich am Montag in ihren Gesprächen mit Vizepräsident Richard "Dick" Cheney, Verteidigungsminister Donald "Rummy" Rumsfeld und Präsidentenberaterin Condoleezza Rice gleich mehrmals auf die Tradition von Konrad Adenauer und Helmut Kohl. Sie will in ihren meist rund halbstündigen Unterredungen nicht weniger als eine "ausbalancierte deutsche Politik" offerieren, in Äquidistanz zu den USA und Frankreich, aber auch zu Polen und dem neuen Europa aus dem Osten. Denn alles hängt ja zusammen.

Eigentlich will sie den Amerikanern vor allem klar machen, dass Europa erst dann einig ist, wenn auch der Osten in den Westen eingeklinkt ist - so wie sie und all die anderen Ostdeutschen jetzt in Gesamtdeutschland. Doch die Wiedervereinigung Europas, das verkündet die Ostdeutsche Cheney und Rice und Rumsfeld, kann nur mit einem "starken Amerika" an der Seite funktionieren. Nach den Treffen folgt ein schneller Gang der CDU-Chefin vor die Mikrofone und Kameras, jeweils ohne ihren amerikanischen Partner. "Sehr gut", nennt sie die Gespräche hinterher. Wie auch sonst?

Und welche Antworten hat sie bekommen? Gibt es Krieg? "Die USA halten eine friedliche Lösung noch immer für möglich. Das hat gerade der Verteidigungsminister gesagt." Unter welchen Bedingungen? "Saddam muss entwaffnet sein." Durch wen? Keine Antwort. Gibt es Unterschiede zwischen ihr und den Amerikanern, wenn eine friedliche Lösung scheitert? "Ich teile die Zielsetzung, Saddam Hussein zu entwaffnen." Und wenn der sich nicht freiwillig entwaffnen lässt? "Darüber reden wir später." Es liege "eine Gratwanderung in alle Richtungen" vor ihr, so hatte sie es vor ihrer Abreise in die USA gesehen, jetzt bleibt vor allem ein Eindruck haften: den einer Kakofonie, angestimmt von einer Person.

Mal hält sie den Frieden "noch für möglich", später wieder zeigt sie sich tief beeindruckt von der "sehr klaren Risikoanalyse" der Amerikaner, die "nicht zögern, die Dinge zu tun, die getan werden müssen, um die Bedrohung abzubauen".

Dann wieder zitiert sie ihre Gesprächspartner, die ihr "unisono" gesagt hätten, die "deutsche Position macht den Krieg nicht unwahrscheinlicher", später haben ihre Gesprächspartner "heute alle gesagt, dass sie den Frieden für möglich halten und entsetzt darüber sind, dass in Deutschland das Verständnis herrscht, als wolle Amerika nichts anderes als den Krieg". Möglicherweise verlaufen Goodwill-Touren in eigener Sache immer so. Vor allem, wenn man sich nicht entschieden hat, ob sie nun innen- oder außenpolitisch wirken sollen.

Gestern wollte sie bei US-Notenbankchef Alan Greenspan und dem einflussreichen US-Senator John McCain neue Impressionen sammeln. Und in der Universität von Georgetown darüber reden.

Auch Merkel hat mitbekommen, dass die Amerikaner, so erzählt sie, "zum Teil sehr harte Positionen" aufbauen. "Auf meine Frage, ob die Verstärkung der Inspekteure noch eine Möglichkeit gibt, vielleicht den Druck zu erhöhen, habe ich eher zurückhaltende Antworten bekommen. Das muss man auch sagen."

Das durfte sie auch sagen. Schließlich ist sie den Amerikanern nicht mit eigenen Vorschlägen oder Ideen auf die Nerven gegangen. Da war sie eher zurückhaltend. So zurückhaltend wie bei der Beantwortung der für sie womöglich entscheidenden Frage. Wie wird Sie sich positionieren, wenn die USA außerhalb eines Uno-Mandats gegen den Irak losschlagen? Angela Genscher: "Dann sehen wir weiter." So enden alle hoffnungsvollen Geschichten.

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