Politik
Flüchtige Begegnung

War die Atmosphäre herzlich oder frostig? US-Präsident Bush und Bundeskanzler Schröder sind sich erstmals seit der deutschen Kritik an der amerikanischen Irak-Politik begegnet. Sicher ist: Das Verhältnis zwischen beiden Ländern steht vor einer neuen Belastungsprobe.

Wenn die tausendjährigen Mauern der Prager Burg sprechen könnten, würden sie wohl viel und lange erzählen. Von böhmischen Fürsten, Königen und Kardinälen würden sie berichten, vom stolzen Ritter Dalibor von Kozojedy, der im Mittelalter im Burgturm eingekerkert war, und von Maria Theresia, die sich 1743 in Prag zur Kaiserin krönen ließ und gewaltige Umbauten an der Burg vornahm. Erst ganz zum Schluss käme die Rede wohl auf US-Präsident George W. Bush und Bundeskanzler Gerhard Schröder, die in der Prager Burg vorgestern zu Abend aßen und nebenbei - wie die Burgschranzen munkeln - einen Schlusspunkt hinter die deutsch-amerikanische Zwischeneiszeit der letzten Wochen setzten.

Doch Mauern reden nicht, und so ist die Welt auf Hörensagen und Mitteilungen von Wasserträgern angewiesen. Die berichten durchaus Widersprüchliches. Bush und Schröder hätten beim feierlichen Abendessen zu Ehren von Gastgeber Vaclav Havel ein paar Worte gewechselt, sagen die einen. Ihre Wege hätten sich nur kurz gekreuzt, behaupten andere. Der Präsident und der Kanzler hätten sich gemieden, wissen die einen. Sie seien beim Gang zu Tische aufeinander zugegangen, berichten dritte. Fest steht nur, dass es am Vorabend des Prager Nato-Gipfels zu einem Händedruck zwischen George und Gerhard kam.

"Lang" sei dieser Handschlag gewesen, berichten deutsche Quellen, "herzlich", betont das Weiße Haus. Von einer "herzlichen Begrüßung" spricht auch der britische Premier Tony Blair, der es als Augenzeuge eigentlich wissen müsste.

Doch was wiegt schon ein Händedruck zwischen zwei Männern, die sich vor ihrem Streit über die Irak-Politik zu Größerem, Intimerem - nämlich zum gemeinsamen Fischen unter Freunden - verabredet hatten? Was wiegt ein flüchtiger Moment der Nähe im Vergleich zu den intensiven Vier-Augen-Gesprächen, zu denen Bush den Briten Blair und den französischen Präsidenten Jacques Chirac in Prag empfing? Ist das Eis in den deutsch-amerikanischen Beziehungen also endgültig gebrochen, wie Verteidigungsminister Peter Struck nach seinem Washington-Besuch Anfang November erklärt hatte? Oder nicht?

Außenminister Joschka Fischer hat wie immer die beste, weil ironische Antwort parat: "Der lange Händedruck ist genau so wichtig, wie ihr ihn nehmt", antwortet er den verdutzen Journalisten. "Man gibt sich unter Bündnispartnern die Hände - das war früher so, das ist heute so, und das wird auch morgen so sein", sagt der Außenminister, der mit seinem US-Kollegen Colin Powell ein herzliches Verhältnis pflegt - gemeinsames Schulterklopfen inklusive. Aber diesen "zeremoniellen Elementen" dürfe man keine allzu große Bedeutung beimessen, wehrt Fischer jede tiefsinnige Interpretation des Prager Handschlags ab.

Für ironische Seitenhiebe dieser Art haben die Berater von Kanzler Schröder keine Zeit. Sie beeilen sich, den Händedruck als das zu präsentieren, was er im Kern wohl auch ist: als äußeres Zeichen einer "weiter guten Arbeitsbeziehung" mit den USA. Ein vertrauliches Vier-Augen-Gespräch mit Bush sei angesichts des guten Drahts zu Washington keineswegs nötig, hatte das Bundeskanzleramt schon vor der Abreise nach Prag betont. Nun weisen Schröder-Berater darauf hin, dass bei einem Nato-Gipfel noch keinem Kanzler ein bilaterales Tête-à-tête mit einem US-Präsidenten zuteil wurde.

"Nur beim Gipfel in Washington 1999 gab es eine Ausnahme, doch da war der Demokrat Bill Clinton Gastgeber, und er hat mit allen Teilnehmern fünf Minuten vertraulich gesprochen." Schröder hatte also schon einmal das Vergnügen, wenn auch mit dem Amtsvorgänger von Bush junior.

Mit dem aktuellen US-Präsidenten dagegen, einem erzkonservativen Republikaner, ist alles anders. Bush hat ein Gedächtnis wie ein Elefant. In diesem Gedächtnis ist das Schröder-Wort von Bushs "Abenteuer" im Irak ebenso gespeichert wie der umstrittene Hitler- Vergleich von Ex-Justizministerin Herta Däubler-Gmelin. Der US-Präsident ist auch, wenn er sich einmal für eine Sache entschieden hat, überaus hartnäckig. "Zu meinem Job gehört es zu provozieren", sagte Bush in einem kurz vor dem Prager Gipfel veröffentlichten Interview. "Ich will die Leute zu Entscheidungen provozieren und sicherstellen, dass auch der Letzte begriffen hat, wohin die Reise geht."

In Prag macht Bush dieser Maxime alle Ehre. Unablässig hämmert er Schröder, Chirac und anderen Kritikern der amerikanischen Irak-Politik die Botschaft ein, dass Bagdad "ernsteste Konsequenzen" tragen müsste, wenn Saddam die Uno-Resolution nicht auf Punkt und Komma umsetzen sollte. Konsequenzen fordert Bush auch von Berlin: Pünktlich zur Ankunft des Kanzlers in Prag wird bekannt, dass die USA Deutschland schriftlich um Beistand für einen möglichen Irak-Krieg gebeten haben.

Außenminister Fischer windet sich: Ja, er könne den Eingang des Briefes bestätigen. Nein, über den genauen Inhalt dürfe er nichts sagen, das Schreiben sei vertraulich. Ja, die Bundesregierung werde das Hilfsbegehren sorgfältig prüfen - "auf der Basis der Nichtbeteiligung" an einem eventuellen Militärschlag im Irak. Nein, über mögliche Überflugrechte für US-Kampfbomber in Deutschland sei noch nicht entschieden. "Lassen Sie uns das Ergebnis der Prüfung abwarten", vertröstet Fischer all jene, die ein neues deutsch- amerikanisches Kräftemessen wittern: "Wir sind nicht unter Druck."

Doch wie Fischer das sagt, klingt es anders. Es klingt nach amerikanischem Drängen und deutschem Zögern, nach schwierigen Verhandlungen und - vielleicht - nach einer neuen Abkühlung des Verhältnisses. Der Händedruck in der Prager Burg ist noch nicht vergessen, da kündigt sich schon eine neue Belastungsprobe an.

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