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Jobmaschine Sozialamt

Warum es besser ist, wenn Behörden Hand in Hand arbeiten: ein Modellprojekt aus Mannheim

MANNHEIM. Maik Schrödter, 31, hat einen Traum. "Eine vernünftige Arbeit" hätte er gerne, etwas, "wo man richtig anpacken muss". "Gut bezahlt" soll sie sein, "1 700 Euro würden ja schon reichen. Dann könnte ich eine Familie gründen, wir könnten Kinder bekommen und in eine Wohnung im Grünen ziehen."

Nichts Extravagantes also, keine Villa in der Karibik, kein Weingut in der Provence, aber doch sehr weit entfernt an diesem heißen Freitagnachmittag auf dem Gelände des Mannheimer TÜV. Schrödter steuert einen orangefarbenen Gabelstapler durch einen schmalen Parcours, hindurch zwischen Plastikhütchen, auf denen Eisenstangen liegen. Vor, zurück, ein bisschen nach links, dann hinein in eine 90-Grad-Kurve. Und immer hübsch vorsichtig, damit die Holzpaletten nicht von der Gabel fallen.

Maik Schrödter übt Staplerfahren, gemeinsam mit 20 anderen Mannheimern belegt er einen 15-wöchigen Lehrgang. Er ist arbeitslos, seine Freundin Jacqueline lernt Erzieherin. Mit Arbeitslosenhilfe und Ausbildungsvergütung kommen die beiden nicht weit.

Aber immerhin: Das Sozialamt hilft, und zwar nicht nur mit Geld wie anderswo. Es ist an der Mannheimer Arbeitsvermittlungsagentur (Mava) beteiligt, einem Projekt, das etwas vorwegnimmt, was seit den Hartz-Plänen zur Reform der Bundesanstalt für Arbeit als zukunftsweisend gilt: Sozialamt und Arbeitsamt bemühen sich gemeinsam um Jobs für Sozialhilfeempfänger. Die Fallmanager haben mehr Zeit für die Arbeitssuchenden, müssen sich nur um 80 Fälle kümmern statt um 120 (Sozialamt) oder bis zu 800 (Arbeitsamt). Auch den TÜV-Lehrgang haben sie organisiert.

Die Stadt Mannheim hat die Agentur bereits 1998 gegründet. "Wir gelten als Keimzelle für Jobcenter", sagt Ulrike Süss, 46. Stolz präsentiert die Mava-Leiterin ihre Erfolgszahlen. Die sechs Fallmanager der Agentur und zwei vom Arbeitsamt gestellte Berater haben im vergangenen Jahr 212 Sozialhilfeempfängern Arbeitsplätze im ersten Arbeitsmarkt vermittelt - und das sind nur die ohne Umweg über Lehrgänge, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und andere Hilfen. Die Stadt habe so mehr als eine Million Euro gespart, sagt Süss.

Längst gibt es in verschiedenen deutschen Kommunen ähnliche Projekte, etwa in Köln oder im hessischen Main-Kinzig-Kreis. Dessen Sozialreferent Erich Pipa etwa tönt seit langem, das Sozialamt sei das bessere Arbeitsamt. Die Mannheimer aber können ihren Erfolg wissenschaftlich belegen. Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hat die Mannheimer Zahlen mit denen einer Kontrollgruppe verglichen. Das Ergebnis: Wer von der Mava betreut wird, dessen Jobchancen sind zehnmal höher. Fast jeder Dritte fand Arbeit.

Darauf hofft auch Maik Schrödter. Der Stapler-Lehrgang ist für ihn bereits der siebte Versuch, dauerhaft Arbeit zu finden. Die Schule im sächsischen Hoyerswerda hat er nach der achten Klasse verlassen, dann Glasbläser gelernt. Nach der Wende verlor er seinen Job, arbeitete drei Jahre als Reinigungskraft, wurde wieder arbeitslos. Er ging sogar ins norwegische Jevnaker, um dort als Glasbläser zu arbeiten. Aber er konnte kein Englisch, lernte nur Bruchstücke Norwegisch, fand keine Freunde, "und nach anderthalb Jahren hatte ich genug".

Später kam er nach Mannheim, einer Frau wegen, die sich längst wieder von ihm getrennt hat. Er arbeitete für Zeitarbeitsfirmen, bei seinem letzten Job fühlte er sich gemobbt, "da habe ich ab und zu blau gemacht. Alles lasse ich mir nicht gefallen." Das Unternehmen auch nicht. Er musste gehen.

Das war am 25. September 2002. Jetzt sitzt Schrödter hier beim TÜV auf dem Gabelstapler. Die kurzen Haare trägt er blondiert, um den Hals baumeln ein "J" für Jacqueline und das japanische Zeichen für Sehnsucht. Ein rotes, weit geschnittenes Muskelshirt gibt den Blick auf bedingt muskulöse Oberarme frei. Er ist kein einfacher Fall für die Mava-Betreuer, auch wenn ihm seine Fallmanagerin Birgit Reinhart, 42, bescheinigt, er wirke sehr motiviert.

Wenn Schrödter den Vornamen seiner Freundin buchstabieren soll, muss er passen. "Schreiben Sie das mal auf", sagt er - und sieht dann, ob "Jacqueline" richtig geschrieben ist. Er hat Legasthenie, kann zwar lesen, aber nicht schreiben. "Wenn ich etwas schreiben will, hole ich mir Zeitschriften und Bücher und suche mir dort die Worte heraus", erzählt er. Jetzt soll die Abendschule helfen. Sein zweites großes Problem wird in diesen Wochen begradigt: seine Zähne. Noch legt jedes Lächeln einen Schneidezahn frei, der an eine rußgeschwärzte Sanduhr erinnert.

Mava-Chefin Ulrike Süss und ihr Team haben es fast nur mit schwer vermittelbaren Arbeitslosen zu tun. "Fast jeder unserer Kunden hat Probleme, die viele Arbeitgeber zurückzucken lassen", sagt Süss. Viele Klienten waren früher drogen- oder alkoholabhängig, haben Konzentrationsprobleme oder bekommen immer wieder Probleme mit ihren Chefs, weil sie unpünktlich zur Arbeit erscheinen. "Viele haben ihr Selbstvertrauen verloren", sagt Ulrike Süss. "Diese Leute können ihnen zwar genau erzählen, was sie nicht können. Aber sie trauen sich nicht zu sagen, was sie können."

Um die aussichtsreichsten Kandidaten herauszufiltern, schickt die Mava sie erst einmal in eine Testwoche. Wer durchhält, kommt in die nächste Runde. Fallmanager des Sozialamts und Jobvermittler des Arbeitsamts suchen dann gemeinsam nach Stellen und prüfen, wie sie Hindernisse beseitigen können. So finanziert die Mava schon mal einen Führerschein - wenn ihre Klienten den neuen Arbeitsplatz nur mit dem Auto erreichen können, und der Arbeitgeber unterschreibt, sie auch wirklich einzustellen. Wer nicht mitzieht und den Termin mit den Mava-Beratern versäumt, muss mit Strafen rechnen: Er erhält 25 bis 30 Prozent weniger Sozialhilfe.

Die Mava sucht Jobs vor allem in kleinen Unternehmen, etwa der Seibert Industriedienstleistungen GmbH im nahe gelegenen Hockenheim. Die 38 Mitarbeiter der Firma übernehmen für andere die Lagerorganisation. "Die Leute, die uns das Sozialamt schickt, sind auch nicht groß anders als der Rest", sagt die Besitzerin Ute Seibert-Haas. "Mal hat man Glück, mal Pech. Aber wir haben so den Vorteil, dass die Mava für uns eine Vorauswahl trifft und dass wir die Arbeiter in einem Praktikum testen können." Einmal hat sie sich gleich 20 Mitarbeiter von den Fallmanagern vermitteln lassen.

Die Firmen hätten oft keine Zeit, selbst zu suchen, sagt Birgit Reinhart. "Aber sie müssen sich auch darauf verlassen können, dass wir ihnen keine Kuckuckseier ins Nest legen." Ohne ihre Hilfe, glaubt sie, bekämen viele ihrer Klienten keine Arbeit: "Das regelt in dem Fall nicht der Markt."

Reinhart, eine quirlige kleine Frau mit vorn hoch stehenden blonden Haaren, wechselte 1992 vom Jugendamt ins Sozialamt - "vor allem wegen der besseren Eingruppierung". Damals arbeitete sie viel in Waldhof-Ost, in den Benzbaracken, einer Art Armenhaus mit "Sozialhilfebeziehern in vierter Generation", wie Reinhart erzählt. Um dann gleich anzufügen, dass sie auch aus dieser Gruppe schon Leuten Arbeit vermittelt hätte.

Als "Silicon-Valley-Effekt" hat ZEW-Forscher Alexander Spermann die neue Nähe von Sozial- und Arbeitsamt beschrieben. Wie in Kalifornien die Computer- und High-Tech-Firmen gäben sich die Mitarbeiter der Ämter, die bislang oft nebeneinander her agieren, Impulse.

Vor allem kurzfristig rechne es sich für das Sozialamt, zusätzliche Stellen für Fallmanager zu schaffen, sagt Spermann. Anfangs seien viele Hilfsempfänger in der Kartei versteckt, die relativ einfach vermittelt werden könnten. "Auf mittlere Sicht aber wird es schwieriger. Dauerhaft brauchen wir neue Jobs."

Aus der Anfangsphase sind die Mannheimer heraus - und kommen immer noch auf gute Ergebnisse. Vielleicht auch wegen Qualifikationstests der Art, wie ihn auch Maik Schrödter bestehen musste. 54 Kandidaten gab es für den Staplerlehrgang, aber nur 21 Plätze. Also hat Birgit Reinhart die Bewerber eingeladen, hat ihre Teamfähigkeit getestet und sie zum Beispiel einen Aufsatz schreiben lassen: eine Seite über ihre Berufswünsche und ihre eigenen Fähigkeiten. "Da weigern sich schon einige, ihre Ziele aufzuschreiben", erzählt sie. Und auch Maik Schrödter hatte anfangs keine große Lust, seine Lebenskurve aufmalen zu lassen: "Was geht die das an?" habe er gedacht.

Aber dann hat er mitgemacht und sich qualifiziert: Er hat ein Bewerbungstraining hinter sich, drei Wochen Theoriekurs in Logistik und jetzt bald auch das Fahrtraining. Noch hat er keinen Praktikumsplatz, noch hat er keinen neuen Job. Aber eins hat Schrödter doch gelernt, als seine Gruppe die Lebenskurven ausgewertet hat. "Anderen geht es noch viel schlechter. Ich lass? mich nicht hängen."

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