Politik
Joschka, der Minenhund

Die US-Regierung lässt Fischer in Washington spüren, wie ärgerlich Bush auf Schröder ist. Doch zugleich entkrampft sich das Verhältnis zwischen den Partnern langsam.

Colin", "Joschka" - würde der Zustand der deutsch-amerikanischen Beziehungen nur danach gewertet, ob sich führende Politiker mit Vornamen nennen, müsste man sich keine Sorgen machen. Nimmt man dazu noch das Lächeln der beiden Außenminister, als sie sich am Mittwochnachmittag vor dem Eingang des State Departements voneinander verabschieden, könnte man sich fragen, was es mit der Aufregung über die transatlantischen Spannungen eigentlich auf sich hat.

45 Minuten haben die Top-Diplomaten beider Länder gerade miteinander gesprochen. Das Gespräch fand überraschenderweise unter vier Augen statt, und wenn man den beiden einzigen Teilnehmern glauben darf, wurde "offen und ehrlich" eine Reihe internationaler Fragen angesprochen. Der Irak war ein Thema, genauso wie der bevorstehende Nato-Gipfel in Prag, über den Nahen Osten wurde gesprochen und auch über Afghanistan. Und unter Freunden, so betonte Powell, werde man die bestehenden Differenzen "in angemessener Zeit" lösen. Wirklich herzlich klang das zwar alles nicht, aber zumindest arbeitsfähig.

Mission erfüllt? Joschka Fischers Aufgabe war es, die Beziehungen zu Washington endlich wieder zu entkrampfen. Der Außenminister als Minenhund, auf dass auch sein Kanzler bald wieder sicheres Terrain in Washington betreten würde.

Normal, so wird schnell klar, ist nichts an der Fischer-Visite. Sicher, die Flaggen auf Halbmast waren nicht als düsterer Willkommensgruß für einen abtrünnigen Partner gedacht, sondern galten dem Gedenken des tödlich verunglückten US-Senators Paul Wellstone. Auch das kühle, regnerische Wetter in Washington war Zufall. Aber wann musste ein deutscher Außenminister zuletzt als Begrüßung einen Zeitungskommentar lesen, in dem Henry Kissinger mahnt, Deutschland müsse aufpassen, mit seiner Politik "made in Berlin" nicht in das Denken des Wilhelminismus zurückzufallen?

Noch seltener ist, dass die US-Regierung Fischer genau diese 45 Minuten mit Colin Powell und keine einzige weitere für Gespräche gönnte. Die Türen des Weißen Hauses blieben für ihn - anders als vor wenigen Wochen noch für den früheren Verteidigungsminister Volker Rühe (CDU) - demonstrativ verschlossen. Noch schmollt Präsident George W. Bush wegen der Tiefschläge, die er im bundesdeutschen Wahlkampf einstecken musste. Die meisten Senatoren hatten wenige Tage vor den Kongresswahlen ohnehin weder Zeit noch Muße, sich von einem deutschen Außenminister die Bedenken gegen ein militärisches Vorgehen gegen Saddam Hussein erläutern zu lassen.

Auch wenn die Zugeknöpftheit der Bush-Regierung Fischer Zeit ließ, in die goldene Vergangenheit zu fliehen und gestern Morgen mit der früheren Außenministerin Albright, "meiner Freundin Madeleine", zu plauschen; auch wenn er diplomatisch genug ist, es nicht offen zuzugeben - gewurmt hat ihn schon, dass ausgerechnet er symbolisch abgestraft wird.

Denn Fischer demonstriert zurzeit allen, wie sehr er selbst mit sich im Reinen ist, eben auch im Verhältnis zu den USA. Bemerkungen von einem nötigen Canossa-Gang hat er deshalb noch auf dem Flug nach Washington unwirsch verworfen und ein mürrisches "Leute, ihr versteht nicht, wie Außenpolitik funktioniert" hinterhergeschickt

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Klar gebe es Differenzen in der Irak-Frage. Und um die deutlich zu machen, hämmert er am Abend nach dem Treffen mit Powell der Schar deutscher US-Korrespondenten gleich neun Mal ein: "Deutschland wird sich an einem militärischen Vorgehen gegen den Irak nicht beteiligen." Ansonsten weicht er in den eleganten Räumen der Residenz des deutschen Botschafters in der Foxhall Road hoch über der Stadt zunehmend genervt und übermüdet den Fragen nach konkreten Absprachen aus. Eine Liste mit US-Wünschen? Gibt es nicht. Konkrete Angebote der Deutschen? Gibt es nicht, ist auch nicht nötig, brummt er. Und über die geplante Uno-Resolution zum Irak, die Powell mit ihm ausführlich besprach, kann er ohnehin nicht sprechen.

Die Skepsis der Bundesregierung gegenüber einem Krieg sei in Washington seit seinem Besuch am 18. September 2001 bekannt - ebenso, was Deutschland auf dem Balkan und in Afghanistan alles leiste. Dort etwa stünden so viele deutsche Soldaten wie Briten, Franzosen und Italiener gemeinsam aufbrächten, lässt er am nächsten Morgen auch amerikanische Journalisten bei einem gemeinsamen Frühstück in die Blöcke schreiben. Wer könne da von einem "Sonderweg" sprechen?

Die "New York Times" und die "Washington Post" vermerkten denn auch aufmerksam, dass Fischers Botschaft an die US-Regierung einen anderen Tenor hatte als die für die heimischen Medien: Auch Berlin wolle eine schnelle Uno-Resolution und eine sofortige Umsetzung durch den Irak, betonte er gegenüber den USA. Man sei Alliierter, Partner.

Fischer hält sich zugute, dass er das deutsch-amerikanische Verhältnis nicht gestört habe. Hat er etwa vom deutschen Weg geredet? Hat er vielleicht im Wahlkampf schrille antiamerikanische Töne ausgestoßen? Während des ganzen Auftritts in Washington schimmert die Haltung durch: Liebe Leute, ich bin für die Sachdebatten im bilateralen Verhältnis zuständig, notfalls auch für die Kontroverse. Aber für die Abteilung Entgleisungen fragen Sie doch bitte bei der SPD nach.

Tatsächlich gilt Fischer, der perfekt Englisch spricht, vielen in Washington als "der gute Deutsche". Mit dem früheren General Powell versteht sich Fischer auch deshalb gut, weil er die Grünen durch die militärische Beteiligung Deutschlands im Kosovo und in Afghanistan auf Realitätskurs brachte. "Deshalb sieht auch die Bush-Administration nicht auf ihn als grüne Taube herab. Er genießt hohes Ansehen", meint Karen Donfried, Direktorin für Außenpolitik beim German Marshall Fund.

Was Fischer, was Deutschland darüber hinaus zugute kommt, ist beginnende Einsicht in den USA. Man fragt sich in US-Medien - genau wie Kissinger -, ob die offensichtliche Zurückweisung des größten EU-Staates Deutschland eigentlich sinnvoll ist. Und es kommt Bewegung ins Spiel. Hatte Verteidigungsminister Donald Rumsfeld jüngst noch ein Gespräch mit seinem Kollegen Peter Struck wegen der "vergifteten deutsch-amerikanschen Beziehungen" abgelehnt, will er jetzt mit ihm am 10. und 11. November in Washington zusammentreffen.

Bleibt die Sorge um das Verhältnis der beiden Chefs. Auch da gibt es Hoffnung. Wie sagte Powell so schön kryptisch, bevor er sich per Handschlag von Fischer verabschiedete? "Auf dem Nato-Treffen in Prag sind alle Regierungschefs anwesend, und es wird sicher für alle die Chance geben, sich irgendwann zu sehen."

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