Politik
Kein Widerspruch? Gut!

Wirtschaftsminister Clement sucht Ausbildungsplätze und macht damit Werbung

Berlin. Nein, der Bundeswirtschaftsminister verkauft keine Videorekorder. Im Einkaufszentrum am Potsdamer Platz steht Wolfgang Clement auf einer riesigen Media-Markt-Bühne in der Eingangshalle, zugeknöpft das zweireihige Jackett, die Arme abwartend vor der Brust verschränkt. Neben ihm verpasst Geschäftsführer Utho Creusen seinen Media- und Saturn- Märkten gerade ein seriöses Image. "Mit Ausbildungsplätzen werden wir nie geizen. Wir sind doch nicht blöd", ruft er ins Mikrofon und passt so den Ramscher-Werbespruch vom geilen Geiz dem Anlass an. Clement grinst, zieht die Schultern hoch und stopft die Hände in die Jackentaschen. "Danke, wir werden diesen Slogan jetzt durch die Republik tragen", gibt auch er den Conferencier unter dem Plakat "Wir schaffen Zukunft". Von den Rolltreppen winkt eine städtetourende Rentnergruppe und ruft: "Dat iss doch der Clement! Wir sind auch aus Bochum."

Seit gestern ist der Wirtschaftsminister auf Werbetour für mehr Ausbildungsplätze. Per Bus geht der SPD-Politiker diesen Sommer mehrmals auf Reisen, vor allem in den Osten, die Fernsehteams immer im Schlepptau. Noch fehlen 147 000 Lehrstellen für die Schulabgänger dieses Jahres. In Berlin kommen nur 14 offene Ausbildungsplätze auf 100 Bewerber.

Ja doch, natürlich ist sein Auftritt Werbung für den Media-Markt - und für Daimler-Chrysler und für die Bahn, die er ebenfalls am Vormittag besucht. "Wir wollen ja Vorbilder zeigen", rechtfertigt sich Clement und verschluckt vor dem Abgang von der Bühne mit einem Scheck über 250 zusätzliche Ausbildungsplätze gerade noch ein "Ich bin doch nicht blöd".

Sehr viel vorsichtiger geworden ist der 60-Jährige heute mit Prognosen darüber, wie viele Lehrstellen er wird einsammeln können. Mit dem Klinkenputzen bei Unternehmen hat Clement Erfahrung noch aus seiner Zeit als Wirtschaftsminister Nordrhein-Westfalens vor sieben Jahren. Damals war er wochenlang unterwegs. Akribisch rechnete ihm die Presse Aufwand und Ertrag der Aktion nach: Bilanz mäßig. So mixt er nun zwischen seine zackigen Slogans "Jede Stelle zählt" und "Wir sind im Endspurt der Mobilisierung für Ausbildung" auch ein paar nachdenklichere Töne: dass es letztlich ja doch nicht so sehr auf den einzelnen eingesammelten Ausbildungsplatz ankomme, sondern darauf, Ausbildung zum Thema bei Unternehmern zu machen.

In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel habe sein Ministerium am Ende der Aktion eine Liste der 5 000 Schulabgänger ohne Lehrstelle gehabt, und um die habe man sich dann gekümmert - mit dem Erfolg, dass nur ein paar Hundert in der Früharbeitslosigkeit strandeten. "Man kann etwas bewegen, wenn man das will", predigt Clement. Herausfordernd fixiert er den Journalistenpulk. Kein Widerspruch? Gut!

In seinem Ministerium jedenfalls sind die zuständigen Beamten begeistert, wie Clement sich hinter das Thema Berufsausbildung klemmt. Nur zu gut erinnern sie sich, dass es früher zumeist zwischen den Zuständigkeiten des Wirtschaftsministeriums, der Unternehmensverbände und Gewerkschaften sowie der Länder-Kultusminister am Ende vergessen wurde.

Als erster Wirtschaftsminister will Clement jetzt die Modernisierung alter Ausbildungsordnungen und die lange diskutierte Einführung zweijähriger Kurzausbildungen für lernschwache Jugendliche durchsetzen - notfalls gegen die Gewerkschaften, die bisher einen Konsens mit den Arbeitgebern verweigern. 15 Prozent eines Jahrgangs bleiben zurzeit ohne jeden Berufsabschluss - weil eine Lehre zu schwierig für sie wäre. "Wenn die Gewerkschaften sich bis 15. September nicht bewegen, werden wir die zweijährige Ausbildung dekretieren", droht der Minister.

Etwas immerhin hat sich verändert in den letzten sieben Jahren. Die Türen der Unternehmen stehen Clement offen. Wo er früher in NRW in Hinterzimmern Mittelständler mühsam zu ein bis zwei Ausbildungsplätzen überreden musste, drängeln nun die Unternehmenschefs wie Hartmut Mehdorn ins Rampenlicht. Ausbildungsvorbild sein kann nur helfen - und sei es beim Verkauf von Bahnfahrkarten oder Videorekordern.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
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