Politik
Regentin im Himmelreich

Angela Merkel wollte ein gutes Ergebnis. Das hat sie nur in Maßen bekommen. Sie wollte die Konservativen erreichen. Das hat sie nicht geschafft. Und was sie noch will, das weiß kaum einer.

Nüchterner geht es nimmer. Angela Merkel packt die beiden Mikros auf der Parteitagsbühne kurz an und sagt wie zu sich selbst: "Ja". Dann zögert sie, wie mit Ladehemmung, ehe sie noch einmal ansetzt: "Ja, ich nehme die Wahl an." Es ist genau 13.23 Uhr. Roland Koch überreicht seiner Parteichefin einen halbmetergroßen Nikolaus. "Wie wir das so rechnen, bedeutet das 93,7 Prozent", schlussfolgert Koch etwas sibyllinisch aus den 746 Ja-Stimmen, die Merkel soeben von den stimmberechtigten 818 Delegierten erhalten hat.

Superergebnis? Halt, da war doch was. Tatsächlich sind 978 Wahlberechtigte gemeldet. Und so viele waren auch in der Messehalle. Wie also vielleicht nicht die CDU, aber der gesunde Menschenverstand rechnet, hat die Parteichefin 76,3 Prozent der anwesenden Stimmen erhalten. Das kann ernüchtern. Denn das ist, so lautet der globale Euphemismus der Politik nun mal, ein ehrliches Ergebnis: Knapp 20 Prozent weniger für Angela Merkel als vor eineinhalb Jahren also. Auch wenn einige Delegierte vielleicht keine Abstimmung mit den Füßen vorhatten, einfach pennten: Es ist ein Desaster.

Dabei war alles auf einen Triumphmarsch für die nunmehr unumschränkte Oppositionsführerin angelegt. Selbst die niedersächsische Fahrradmanufaktur in Quakenbrück durfte das Ihre dazu beitragen. Deren brandneues Spitzen-Modell "Number One" diente Christian Wulff, dem Wahlkämpfer und Lokalmatador, als Vehikel für seine schräge Laudatio an Merkel. "Wenn Sie einmal das Gefühl haben wollen, die Nummer eins zu sein," so hob er etwas ungewollt doppeldeutig bis unverschämt an, solle sie sich auf das brandneue Geschenk setzen "und ein paar Runden" drehen. So abgründig wie das klang konnte es einfach nicht gemeint gewesen sein. Selbstverständlich nicht.

Denn erstens ist das Zweirad kein Tandem, auf das sich etwa noch ein Supervize oder ein Superministerpräsident quetschen könnte. Und zweitens ist die Entdeckung der Langsamkeit seit ihrer Rede in Hannover offenbar das aktuelle, ureigene Programm der Chefin, die nunmehr die konservative Klientel umgarnt. "Siehe, das Chamäleon," flüsterte da ein Süddeutscher.

Klar: Merkel wollte mit ihrer traditionsgesättigten, rückwärtsgewandten Ode an ein doch noch kommendes "christdemokratisches Zeitalter" ein gutes Wahlergebnis gerade bei den Wahrern des " Tafelsilbers der Partei" herbeischmeicheln - ohne das Wort Strategiedebatte in den Mund nehmen zu wollen. Gewiss: Merkel musste den Grabenkrieg mit den vor blanker Wut schäumenden Katholiken beilegen und das große "C" demonstrativ bis auf die Grundsubstanz polieren. Und deshalb nicht von CDU, sondern stets nur von den "Christdemokraten" und der "Rückkehr des Religiösen" reden. Und sicher: Merkel wollte den lieben Parteifreunden mit ihrer "Zurück zu den Wurzeln"-Rede verklickern, dass sie keinen Koch und schon gar keinen Merz braucht, um selbst die Wertkonservative rüberzubringen. Und klar doch, das merkten viele, vielleicht allzu viele: Merkel ist sich selbst Programm genug.

Und so ist Merkel eben nur beinahe ihren Kritikern gefolgt und hätte eine Strategiedebatte gewagt, um den neugierigen Delegierten von Emden bis Zittau zu erklären, welche Lektionen die Granden aus dem Wahlergebnis gezogen hatten. Und auch nur beinahe hätte die Öffentlichkeit jene Angela Merkel erlebt, die seit zweieinhalb Jahren, seit ihrem Siegerparteitag in Essen, nur noch von Erneuerung, von neuen Ufern, von neuen Wählergruppen gesprochen hatte. Beinahe also wäre das ein richtiger CDU-Parteitag geworden. Denn beinahe hätte Merkel sogar über Inhalte gesprochen. So aber wurde es nur ein Merkel-Tag.

Und an dem verordnete sie sich einfach: "Angriff, Angriff, Angriff." Da war ihre Parole, das war ihre Rede, und das lenkte in vielfältiger Variation von dem Wahltief und dem Mitgliedertief und dem Perspektiventief und ein bisschen sogar von dem Wettertief über Hannover ab. Tiefenpsychologisch tiefgestapelt gesagt: Der Angriff gegen die Regierung galt der eigenen Entlastung. Von der großen Niederlage.

Niederlage? Welche Niederlage? Da hat Merkel die Stimmung der Leute offenbar falsch eingeschätzt. Nicht alle wollten Balsam: "Knapp zwei Monate nach der verlorenen Wahl kann man nicht einfach so tun, als ob wir nicht enttäuscht auf dem Boden lägen," rumorte es in der Halle. Aber das Tief ist, so die Ortung der Chefin, woanders: in der Regierung: "Einen neuen Tiefpunkt in der Nachkriegsgeschichte" hat sie mit ihrem Wirtschaftsprogramm erreicht; mit "Lügen" hintergeht die Regierung die Bevölkerung". Zumindest vorübergehend konnte sie so den Adrenalinspiegel einiger Delegierter heben. Aber beileibe nicht aller: "Der Originalton kommt erst später," höhnte da gleich ein Beobachter aus Bayern und kündigte so die knapp einstündige und leidenschaftliche Grußadresse Edmund Stoibers an. Der wurde mit stehenden Ovationen begrüßt. Und als befände sich die Union noch immer im Wahlkampf, hielt er eine Wahlkampfrede. Und Merkel lächelte gequält.

Anders als bei ihrer Jungfernrede im Bundestag, als die neue Fraktionschefin Schröder gekonnt, witzig und prägnant traf, hemmte eine übertriebene Anpassung der Chefin an die parteiinternen Gegebenheiten die Freude der Anwesenden. Böse Zungen nannten es auch gleich Opportunismus, so als wisse man nicht um den Widerstand in Ost und Süd gegen die Doppelchefin. Aber verständlich: Zweimal zitierte sie ausgerechnet den von ihr verstoßenen Helmut Kohl, und ganz am Anfang drückte sie "besonders" Friedrich Merz an ihr Parteiherz, den Merz, den "diese Union braucht". Und den sie selbst vom Fraktionsvorsitz gestoßen hatte.

Womöglich hatte Merkel gar keine Heuchelei im Sinn, als sie sich in Hannover mit viel Pathos daran machte, die Wurzeln des christdemokratischen Weltbildes auszugraben. Und womöglich wird ihr Hohes Lied auf die traditionelle Familie, die hehre Religion und die herzallerliebsteNatur schon morgen wieder der Erklärung weichen, dass dies alles gar nicht so ernst gemeint sei. Und dass sie das alles nur gesagt habe, weil ein solch diesseitiges, christdemokratisches Himmelreich dann auch garantiert von der CDU regiert werden würde.

Aber ob das Reich, das da komme, dann auch von einer Protestantin geführt werde, diese böse Frage eines Delegierten hörte die Chefin nicht.

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