Politik
Selters statt Sekt

Die Euphorie ist weg. Anders als 1998 feiert Schröder die Unterzeichnung des Koalitionsvertrages betont schlicht. Die rot-grüne Strahlkraft ist verblasst. Selbst der Leipziger Oberbürgermeister folgt dem Ruf des Kanzlers nicht. Spät in der Nacht muss Manfred Stolpe in die Bresche springen.

Die Gläser sind gut gefüllt. Es prickelt darin. Und man kann damit anstoßen. Alles bestens also! Statt Sekt gibt es Selters zur feierlichen Unterzeichnung des Koalitionsvertrages, und weil es noch nie zum guten Ton gehörte, dass Sozialdemokraten öffentlich Kaviar ordern, muss sich das rot-grüne Spitzenpersonal an diesem denkwürdigen Tag ebenso wie Mitarbeiter und Medienmeute mit belegten Wurstbrötchen begnügen. Es klingen die Gläser des Kanzlers und seines Vize Joschka Fischer, ein paar schnelle Sätze, "Wir schaffen das!", ganz viele Fotos, dann eilt Gerhard Schröder davon.

Geradezu demonstrativ karg feiert die zweite rot-grüne Regierung ihre Geschäftsgrundlage. Kaum Geld, kaum Wachstum, ernste Zeiten. Und, wie sagt Schröder, "die internationale Lage ist von Unsicherheiten geprägt".

So bescheiden das Äußere, es soll aber nach dem Willen der Handelnden auf keinen Fall auf sie selbst bezogen werden - im Gegenteil: Das Zutrauen in die eigene Bedeutung ist weitaus höher, als die magere Bilanz der Koalitionäre am Ende ihrer Verhandlungen vermuten lässt. Der Bundeskanzler etwa verleiht in seiner kurzen Ansprache den knapp gewonnenen Wahlen schon den Rang eines "historischen" Ereignisses. Und nicht zu vergessen: Schließlich ist es nicht irgendwer, sondern die von Fischer so genannte "ökologisch-soziale Erneuerungskoalition", die nach dem festen Willen Schröders "die erste Dekade des neuen Jahrhunderts prägen" wird.

Von ähnlichem Sendungsdrang beseelt waren offenkundig auch jene rot-grünen Kulissenschieber, die sich den offiziellen Rahmen der gestrigen Zeremonie ausgedacht hatten. War man im Sommer zur Verkündung des Hartz-Konzepts noch in das feierliche Ambiente des Französischen Doms am Gendarmenmarkt ausgewichen, so musste jetzt die Neue Nationalgalerie als rot-grüne Partyhalle herhalten. Nach dem langen Marsch durch die Institutionen sehen sich die Stützen der Regierung heute in der Tradition der klassischen Moderne angekommen - eine politische Entwicklung, die symbolisch im architektonischen Rahmen erkennbar werden soll.

Dass die schlichte Eleganz der großen Museumshalle durch die mobile Wahlkampfbühne zerstört wird, die mittendrin im fernsehgerechten Blauton den eigentlichen Hintergrund der Festveranstaltung bildet, ist da nur folgerichtig. Denn beim Regieren kommt es nach wie vor auf "Bild" und auf "die Glotze" an, wie der Medien-Kanzler weiß.

Die wahren Dramen jedoch finden meist hinter verschlossenen Türen statt, wenn keine Kamera aufgebaut ist. So wie am Dienstagabend im Kanzleramt das jüngste Drama seinen Verlauf nahm. Es handelt von Wolfgang Tiefensee, jenem Mann, der schon vielerorts als Superminister genannt worden war und am Ende doch lieber Oberbürgermeister von Leipzig bleibt: Wolfgang Tiefensee. Ein Held? Oder eine vorzeitig an sich selbst gescheiterte Nachwuchshoffnung?

Wochenlang hatten die Führer der Ost-SPD den Kanzler bedrängt, er möge ihren gewachsenen Anteil am Wahlsieg doch durch einen gewichtigen Posten entlohnen. Das Problem, Tag um Tag: Der dafür auserkorene Genosse Tiefensee will keine Ministerwürden. Als der Sachse stur bleibt, wird er am Dienstag telefonisch ins Kanzleramt einbestellt. Dort angekommen, nehmen ihn Schröder, SPD-Fraktionschef Franz Müntefering, Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck und dessen Amtsvorgänger Manfred Stolpe in die Mangel.

Stolpe, der Schröder bei all seinen Wahlkampfauftritten in den neuen Ländern begleitet hat, kennt seinen Kanzler inzwischen genau. Einen wie Gerhard Schröder setzt man nicht ungestraft öffentlich unter Druck, um sich dann mit einem Schulterzucken wieder aus dem Staub zu machen. "Wolfgang, wenn du nicht antrittst, ist die Sache für den Osten verloren", soll Stolpe deshalb den zögerlichen Leipziger bedrängt haben. Vergebens.

Schließlich ist es auch Schröder satt und lässt Tiefensee ziehen. "Es hat keinen Zweck", seufzt der Kanzler in einer Gesprächspause und wendet sich an sein personifiziertes Ost-Gewissen: "Manfred, jetzt musst du es machen."

Stolpe, der sich mit 66 Jahren schon auf lange Wanderungen durch die Mark Brandenburg gefreut hatte, erweist sich als echter Nachfahre des Alten Fritz: "Die Pflicht hat mich gerufen, und als Preuße komme ich ihr nach." Verärgert droht Schröder am Tag danach im SPD-Fraktionsvorstand den Genossen aus dem Osten. So etwas, mahnt der Kanzler, lasse er nicht noch einmal mit sich machen.

Davon ist dann im Gedränge und Geschiebe der Kameraleute während des Festakts keine Rede mehr. Die klassische Moderne in Gestalt von Schröder und seinem grünen Vize nimmt auf Designerstühlen der Dessauer Bauhaus-Schule Platz, um an einem Original-Schreibtisch von Mies van der Rohe jene Vertragswerke zu unterschreiben, die in höchst profane rot-grüne Pappdeckel geheftet sind.

Bei Fischer merkt man schon ganz zu Beginn, dass ihm nicht nach Feiern zumute ist. Am Eingang der Neuen Nationalgalerie haben sich die Profi-Demonstranten von Greenpeace mit dekorativen Atommülltonnen aufgebaut. Die Schmach der zweijährigen Betriebsverlängerung für das Oldtimer-AKW Obrigheim sitzt tief bei Fischer, Jürgen Trittin und all den anderen Spitzen der Ökopartei, die durch das Spalier der Demonstranten schreiten müssen. Es schmerzt, wenn Greenpeace heute gegen die Grünen demonstriert und den einst gefeierten Atom- ausstieg nun plakativ als "Lüge" brandmarkt.

Noch viel unangenehmer als dieser kleine giftgrüne PR-Gag am Rande muss aber für den Vizekanzler und die gesamte Koalition das katastrophale Medienecho sein, das seit Tagen donnernd durch die Hauptstadt hallt. "Man kann es eben nicht allen recht machen", jammert Fischer mit Leichenbittermiene, "das zeigt schon der Blick in die Morgenpresse." Natürlich lesen auch die Delegierten des grünen Parteitags die kritischen Analysen der Zeitungen, und Fischer spürt, dass er am Wochenende auf dem Parteitag in Bremen viel Kritik wird einstecken müssen.

Schröder verlässt die missglückte Party nach 25 Minuten. Dass Stolpe nun neben dem 70-jährigen Otto Schily den Altersdurchschnitt seines "Kabinetts der Erneuerung" in beträchtliche Höhen treibt, ärgert den auf Außendarstellung bedachten Regierungschef. Schon melden sich die ersten Witzbolde, die dazu raten, statt in der Neuen Nationalgalerie doch lieber im Haus der Geschichte zu feiern.

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