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Politik von ihrer schönsten Site

Auf seiner Homepage darf sich Edmund Stoiber endlich mal von einer bisher verkannten Site zeigen: als Privatmann. Dabei tritt Ungeheuerliches zutage: Der Urbayer ist ein halber Rheinländer. Die Mutter stammte aus Dormagen. Und damit es richtig menschelt, biegt die Website auch den bösen Ruf zurecht, der Kanzlerkandidat sei ein Faktenhuber und Besserwisser: "Seine Mitschüler und Lehrer charakterisierten ihn als pflichtbewusst und kameradschaftlich, nicht als Streber."

Mit seiner Kandidaten-Seite war der Kandidat der CDU/CSU schon online, bevor er überhaupt ein Programm hatte. Die Präsentation im Internet signalisiert dem surfenden Wahlvolk: Pass auf, ich bin hipp, modern - und außerdem wie Du! Stoiber fuhr in Latein eine sechs ein, Schröder verehrt seine Mutter, die die Familie nach dem Krieg mit Putzjobs über Wasser hielt. Das ist es, was das Volk zu den Wahlurnen treibt. Im Online-Wahlkampf setzen die Parteien auf die "private" Seite ihrer Kandidaten und auf Entertainment. Denn schließlich tummeln sich bevorzugt jüngere Nutzer im Netz.

Unter www.bundeskanzler.de kann man dem Kanzler in den vollgestopften Kalender gucken, sein Arbeitspensum oder sein frühes, uneigennütziges Engagement bei den Jusos bewundern. www.stoiber.de hingegen gewährt Einblicke in des Herausforderers kindliche Prägungen: Schon als Elfjähriger ließ sich der kleine Edmund von Franz Josef Strauß? "wortgewaltiger Rede" zur Wiederbewaffnungsdebatte in den Bann der Politik ziehen.

Ob der Weg in die Politik in der Pubertät begann, darüber lässt uns Guido Westerwelle hingegen im Unklaren. Der Liberale präsentiert sich auf seiner Homepage einmal mehr als Vertreter der Spaß- und Genussfraktion mit heftigem Drang nach seiner Lieblingsinsel Mallorca und großem Interesse an Kunst und Kultur. Ist das der wahre Guido? Wer sich versurft und statt www.guido-westerwelle.de nur www.westerwelle.de ansteuert, der landet bei einem Karriereportal. Dafür kann der Guido nun wirklich nichts.

Während die Frontmänner von SPD, CDU und FDP ihre Spaß- und Freizeitkompetenz demonstrieren, geht Joschka Fischer den entgegengesetzten Weg. Der einstige Fraktions-Spaßvogel ist auf Seriosität bedacht und tritt auf seiner Homepage www.joschka.de völlig hinter seiner Partei zurück. Kein persönliches Wort, keine Bilder in Jogginghosen. Im letzten Wahlkampf hatte er auf seiner Homepage noch seine Jogging-Termine bekannt gegeben.

Damit aber nicht der - völlig falsche - Eindruck entsteht, Inhalte würden im Wahlkampf ohnehin nur stören, konfrontiert die CDU die Regierung unter www.wahlfakten.de mit ihren Versprechungen und Behauptungen. Die Widerlegungen kommen staubtrocken daher - die Konservativen setzten auf Seriosität. Die SPD beansprucht hingegen eher auf die Lachmuskeln der Surfer. Auf der Seite www.nichtregierungsfaehig.de kontert sie mit Kalauern der durchaus unterhaltsamen Rubrik "Was Bild verschweigt" und witzigen Gimmicks, z. B. dem "Empörungsstadl" mit Stoiber als Regisseur, Peter Müller als "tragischer Figur" und Angela Merkel als "zweiter Besetzung". Die SPD umwirbt ihre Klientel schon seit dem 98er-Wahlkampf massiv im Internet. Flashs und Pop-ups, hoffen die Sozialdemokraten, machen auch den müdesten Wechselwähler munter.

Der direkte Kontakt erlaubt den Parteien, die journalistische Analyse zu umschiffen. Der User kriegt die Wahlwerbung ungefiltert. Sachargumente - so denken mittlerweile offenbar alle Wahlkampfstrategen - locken keinen Wähler mehr hinter der "Bild"-Zeitung hervor. Der Kandidat muss als Person rüberkommen. Gegen Schröders, Stoibers und Westerwelles umfangreiche Personality-Shows im Netz wirkte Scharpings Fernsehspot von anno 1994 ("Geboren bin ich in Lahnstein, aufgewachsen in...") wie kalter Kaffee.

Wem die "echten" Kandidaten im Netz nicht genügen, der kann sich bis vor kurzem zusätzlich mit virtuellen Exemplaren behelfen. Im www.wahlkreis300.de der CDU wird virtueller Wahlkampf betrieben. Doch innerhalb weniger Wochen unterwanderten Fans des Online-Politik-Spiels dol2day die parolenreiche Wahlkampfsimulation. Sie knackten wahlkreis 300 und ließen die virtuellen Kandidaten - bevorzugt die der CDU - nur noch Humbug von sich geben. Fast wie im wirklichen Leben.

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