Politik
Zittern bis zuletzt

Noch nie nach 1949 ist es einem Kanzler gelungen, alle möglichen Stimmen aus den eigenen Reihen zu erhalten. Auch gestern nicht. Nun sucht die Koalition den Abweichler.

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse will gerade die Abstimmung schließen, da hallt ein verzweifeltes "Moment, wartet noch!" durch das Plenum. Mit wehendem Jackett läuft Jörg Tauss durch die Bundestagsreihen und hält seine Stimmkarte hoch. Verlegen lächelnd gibt der SPD-Abgeordnete in letzter Sekunde sein Votum ab. Die Genossen in den Bänken lästern. Computerfreak Tauss, Internet-Beauftragter der SPD, hätte den Kanzler vielleicht lieber per E-Mail gewählt.

War es Tauss? Ist ihm in der Eile womöglich ein Fehler unterlaufen? Oder wer sonst aus den rot-grünen Reihen verweigerte Gerhard Schröder gestern bei der geheimen Kanzlerwahl die Gefolgschaft?

"Abgegebene Stimmen 599, davon gültige Stimmen 599", teilt Thierse um 11.15 Uhr stehend mit, ehe er nach kurzer Pause endlich das Ergebnis verliest: "Auf Gerhard Schröder entfielen 305...".

Kleiner Schönheitsfehler

Weiter kommt der Parlamentspräsident nicht, denn in dieser Sekunde der Gewißheit springen die Abgeordneten der rot-grünen Koalition von ihren Stühlen auf und klatschen sich die Erleichterung von der Seele. 306 Stimmen hätten sie alle zusammen bringen sollen, aber 302 wären eh? genug gewesen für die Kanzlerwahl - nun sind es 305. Also, was soll?s ?

"Die eine Stimme juckt mich nicht", kommentiert Joschka Fischer später achselzuckend den kleinen Schönheitsfehler. Noch nie nach 1949 ist es einem Kanzler gelungen, bei seiner Wahl die volle Stimmenzahl des eigenen Lagers auf sich zu vereinigen.

Fiel der Kanzler bei seiner ersten Wahl vor vier Jahren noch spontan Oskar Lafontaine in die Arme, so braucht er jetzt einige Sekunden, ehe er sich von seinem Abgeordnetensitz in der ersten Parlamentsbank erhebt, den Anzug zuknöpft und auf die Frage Thierses mit ernster Miene antwortet: "Ja, Herr Präsident, ich nehme die Wahl an."

Harte Nervenprobe

Erst dann dreht Schröder sich um zur Fraktion. Mit einem leichten Nicken deutet er seinen Dank an, ehe der Blick suchend über die Köpfe der Parlamentarier hinweg hoch zur Besuchertribüne des Bundestages schweift. Richtig, dort oben sitzt versteckt zwischen Kanzleramtsminister Frank-Walter Steinmeier und dem früheren Wirtschaftsminister Werner Müller auch Doris Schröder-Köpf. Sie muss an sich halten, um ihrem Mann vor lauter Glück nicht zuzuwinken, denn das wäre unparlamentarisch. Doch die frühere Bonner Politik- Korrespondentin kennt die Gebräuche des Hohen Hauses und schenkt ihrem Gerd stattdessen diskret ihr strahlendstes Lächeln.

Was bei einer Kanzlerwahl mit dem einstündigen Namensaufruf aller Bundestagsabgeordneten so routinemäßig beginnt und im Fernsehen eher langweilig daherkommt, ist in Wirklichkeit eine harte Nervenprobe für die Fraktionschefs.

Vor allem Franz Müntefering hatte lange dafür gearbeitet, dass am Tag X auch jeder der 251 SPD-Abgeordneten rechtzeitig an Bord sein würde. Die SPD-Abgeordnete Marga Elser erschien deshalb sogar mit gebrochenem Bein und musste an Krücken zur Abstimmung humpeln. Auch ein gefürchteter rheinischer Gemüts-Athlet, Genosse Reinhard Hemker, schaffte es, pünktlich vom "Ironman"-Triathlon aus dem fernen Hawaii zurück nach Berlin zu fliegen.

Fraktionstreffen, Probeabstimmungen, Zählappelle

Schon Tage zuvor gab es bei SPD und Grünen Fraktionstreffen, Probeabstimmungen und Zählappelle. Einzelgespräche wurden vorab mit "Verdächtigen" geführt, also solchen Leuten, die kürzlich entlassen, bei Ämtern übergangen oder sonstwie verärgert wurden.

Auch die Grünen überließen nichts dem Zufall - "alle Schäfchen beisammen", meldete Joschka Fischer vor der Abstimmung seinem Kanzler. Schröder selbst gestand den Genossen vor der Wahl ein, "trotz Frühstück leichtes Magendrücken" zu verspüren. "Ihr müsst nicht glauben, dass ich so ruhig bin, wie ich vielleicht wirke".

Umso größer war dann später die Freude. Als Schröder in bester Laune einen seiner vielen Blumensträuße Angela Merkel schenken wollte, wurde er zurück gewiesen. Die CDU-Chefin lehnte kopfschüttelnd ab - Blumen von Gerhard Schröder, das fehlt ihr noch.

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
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