Politiker pilgern nach Grönland
Wenn der Gletscher ruft

Nirgends lässt sich der Klimawandel so gut beobachten wie am Sermeq Kujalleq. Immer mehr Schaulustige zieht der grönländische Gletscher an. Und sogar namenhafte Politiker pilgern in das ewige Eis der größten Insel der Welt. Dabei bleibt der Katastrophentourismus zum Sermeq Kujalleq selbst nicht ohne Folgen für das Klima.

BERLIN. Kennen Sie Sermgeq Kujalleq? Keine Sorge, es handelt sich nicht um eine neue Tragödie, die Sie auf den Festspielwochen in Bayreuth oder Salzburg verpasst haben. Doch eine tragische Rolle spielt der grönländische Gletscher derzeit schon.

Nirgends lässt sich der Klimawandel so fotogerecht mit Händen greifen - weshalb ein wahrer Gletschertourismus eingesetzt hat. Italiens Ministerpräsident Romano Prodi war schon da. Aus den USA kamen der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain und die US-Kongress-Sprecherin Nancy Pelosi angereist. Und am 16. August pilgert nun auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) zum Sermeq Kujalleq - auf Einladung des dänischen Ministerpräsidenten.

Bilder mit besorgt-interessiertem Gesichtsausdruck sind quasi gebucht. Nur das deutsche Wirtschaftsministerium schmollt. Wenn Merkel den Umweltminister mitnehme, sende sie ein deutliches Signal aus, wem sie in der Klima- und Energiepolitik den Rücken stärken wolle, heißt es. Beamte im Ressort von Minister Michael Glos (CSU) fürchten, dass Gabriel sich mit seinen Vorstellungen für ein "Klima- und Energieprogramm" durchsetzt.

Entschieden wird der Streit auf dem Sermeq Kujalleq aber nicht. Ohnehin hat der Gletscher einen Schönheitsfehler als Kronzeuge der Klimakatastrophe. "Das Abschmelzen des Grönland-Eises taugt nicht für Endzeit-Szenarien", sagt Heinrich Miller, Vizedirektor des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung. Auch für den Sermeq Kujalleq sieht Miller nicht schwarz. Der Rückgang der Gletscherzunge werde in den nächsten Jahren zum Stillstand kommen.

Sicher ist nur eins: Der Katastrophentourismus zum Sermeq Kujalleq selbst bleibt nicht ohne Folgen für das Klima. Im vergangenen Jahr kamen schon 15 000 Besucher, in diesem Jahr werden es voraussichtlich bereits 30 000 Touristen sein. Wirklich klimafreundlich ist auch die Anreise aus Deutschland nicht. Die CO2-Emission des Hin- und Rückfluges von Berlin Tegel nach Nuuk, Grönlands Hauptstadt, liegt pro Person bei schätzungsweise 2 040 Kilogramm. Der Hubschrauberflug von Nuuk auf den Gletscher ist dabei noch nicht einmal eingerechnet. Wie gut, dass die Bundesregierung beschlossen hat, "CO2-neutral" zu fliegen und nachträglich aus dem Etat 2008 dann Umweltprojekte zu finanzieren.

Der Einsatz von Umweltminister Gabriel für den Eisbären Knut war da übrigens weitaus klimafreundlicher. Im März hatte er die Patenschaft für das Tierbaby im Berliner Zoo übernommen. Der liegt etwa sieben Straßenkilometer von seinem Dienstsitz entfernt.

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