Politiker schockiert und bestürzt
Tiefes Entsetzen über Erfurter Amoklauf

Mit Entsetzen haben Spitzenvertreter aus Politik und Gesellschaft auf den Amoklauf in Erfurt reagiert, bei dem ein ehemaliger Schüler 17 Menschen und sich selbst erschossen hat. "Deutschland trauert über ein unfassbares Geschehen", sagte Bundespräsident Johannes Rau am Freitag vor Journalisten in Berlin.

Reuters BERLIN. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sagte, er sei fassungslos. "Das ist ein so singuläres Ereignis, dass es alle Vorstellungskraft übersteigt", ergänzte er. Die SPD sagte wegen des Amoklaufs eine für Samstag in Duisburg angesetzte Parteikonferenz ab, mit der die Parteibasis auf den Bundestagswahlkampf vorbereitet werden sollte. Schröder strich außerdem einen für den Freitagabend geplanten Auftritt bei einer Veranstaltung des Deutschen Sportbundes.

"Gedanken gelten den Toten und ihren Hinterbliebenen"

Rau sagte weiter, die 18 Menschen seien sinnlos ermordet worden. "Wir können nicht in Worte fassen, was wir in Deutschland jetzt empfinden. Die ersten Gedanken gelten den Toten und ihren Hinterbliebenen." Er hoffe, dass die Angehörigen Quellen des Trostes fänden. Den Verletzten wünsche er, dass alle geheilt und überleben würden. Der Bundespräsident warnte davor, auf die Frage nach den Hintergründen der Tat zu schnelle Antworten zu geben. "Wir haben keine Antwort, wollen auch keine schnelle Antwort." Er nannte es falsch, sofort die Darstellung von Gewalt in den Medien als möglichen Grund für die Tat zu nennen.

"Keine voreiligen Schlüsse ziehen"

Schröder sagte: "Wir sind fassungslos vor diesem entsetzlichen Verbrechen." Ganz Deutschland fühle jetzt mit mit den Angehörigen der Opfer, die viel Mühen haben würden, dieses traumatische Ereignis zu verarbeiten. Seine Gedanken seien auch bei den Lehrern und Polizeibeamten, "die ihren schwierigen Dienst weiter tun müssen und die es sicher auch sehr schwer haben werden, das, was ihren Kolleginnen und Kollegen widerfahren ist, zu verkraften". Schröder warnte wie zuvor schon Rau vor vorschnellen Schlussfolgerungen. "Ich denke, alle Erklärungsversuche in dieser Situation sind vorläufig und greifen zu kurz."

Bei der eilends einberufenen Pressekonferenz trat Schröder kurz nach Innenminister Otto Schily (SPD) an die Mikrofone. Die Aussagen des Innenministers hatte er zuvor mit versteinerter Miene verfolgt.

"Wir müssen uns der Frage stellen, was in unserer Gesellschaft eigentlich los ist"

Schily wies mögliche Forderungen nach strengeren Waffengesetzen zurück. "Ich warne davor, einen inneren Zusammenhang herzustellen, ohne zu wissen, wie der Schüler an die Waffen gekommen ist", sagte er. Schließlich gingen von illegal beschafften Waffen größere Gefahren aus als von legal beschafften. Nach Schilys Worten muss die deutsche Gesellschaft insgesamt nun auch ihr Wertesystem hinterfragen. "Wir müssen uns die tiefer gehende Frage stellen, was in unserer Gesellschaft eigentlich los ist, wenn ein junger Mensch auf diese Weise solch ein Unheil anrichtet", sagte er.

"Gewaltbereitschaft ist höchst Besorgnis erregend"

FDP-Chef Guido Westerwelle zeigte sich ebenfalls erschüttert über die Tat. Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg, nannte es höchst Besorgnis erregend, mit welcher Intensität sich die Bereitschaft vor aller junger Täter steigere, "brachiale, menschenverachtende Gewalt anzuwenden". "Die so genannten amerikanischen Verhältnisse haben uns eingeholt", hieß es in einer Erklärung Freibergs. Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Peter Heesen, erklärte, die Zunahme von Wahnsinnstaten sei das Ergebnis des Verlustes an Werten sowie einer wertorientierten Erziehung.

Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) sagte in Erfurt, in Situationen wie dieser müsse sich das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen zur Wehr setzen. "Es ist unvorstellbar, welche Grausamkeiten Menschen Menschen antun können", sagte er. Der thüringische Innenstaatssekretär Manfred Scherer kämpfte auf einer Pressekonferenz mit Vertretern der Polizei sichtlich mit den Tränen, als er die Ereignisse in der Schule beschrieb: "Die Tat übertrifft alles, was sich im Freistaat bisher an Verbrechen ereignet hat."

Hunderte gedenken Opfern bei einem Gottestdienst

Hunderte Erfurter haben am Freitagabend bei einem ökumenischen Gottesdienst der Opfer des Amoklaufs gedacht. Die Erfurter Andreaskirche war voll von Menschen. 200 junge und ältere Menschen waren vor dem Gotteshaus. Es gab bewegende Szenen, Menschen, die sich umarmten. Um 21.00 Uhr sollten alle Erfurter Kirchenglocken läuten.

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