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Politiker sollten lieber schweigen

Kein Unternehmen würde auf die Idee kommen, einen Computer-Verkäufer auf die Kunden loszulassen, der noch nie eine Maus in der Hand hatte. Wer nicht Auto fahren kann, sollte nicht gerade eine Gebrauchsanweisung für einen Ferrari schreiben. Wer noch nie ein Haus gebaut hat, sollte kein Lehrbuch über Architektur verfassen. Die meisten Politiker in Berlin aber finden nichts dabei, munter über das Internet und E-Business zu diskutieren und Regeln für die neue Wirtschaft zu erfinden, ohne das Netz auch nur einigermaßen zu kennen.

Mit jungen Unternehmern aus der New Economy lassen sich Gerhard Schröder (SPD) und Angela Merkel (CDU) zwar gern fotografieren. Das "Internet für alle" fordert der Bundeskanzler gern und häufig - für ihn selbst gilt das allerdings nicht: Schröder ist genauso wie sein Finanzminister Hans Eichel und die Mehrzahl seiner Bundesminister überzeugter Nicht-Nutzer: "Das macht meine Sekretärin für mich."

Vor ein, zwei Jahren hörte man ähnliche Sprüche auch in den obersten Etagen der Wirtschaft. Inzwischen hat sich das in den meisten Vorständen geändert. Zum Beispiel Siemens-Chef Heinrich von Pierer: Noch vor kurzem verfasste der Konzernchef gründsätzlich keine eigenen E-Mails, inzwischen hat er sich sogar einen Laptop für unterwegs angeschafft. Marke Siemens-Fujitsu versteht sich. Ähnlich selbstverständlich nutzen inzwischen auch andere Vorstandschefs wie Jürgen Schrempp bei Daimler-Chrysler das Netz. Sie alle haben begriffen: Man kann nicht über das Internet mitreden, wenn man selbst nicht damit umgeht. Spätestens in zwei Jahren wird ein Manager, der seine E-Mails nicht selbst verschickt, ähnlich lächerlich und hoffnungslos altmodisch wirken wie heute ein Vorstand, der nicht selbst telefonieren kann, sondern seinen Assistenten "telefonieren lässt".

Auch für unsere Berliner Politiker gilt deshalb die Faustformel: Man sollte ihre Bekenntnisse zum Internet nur dann für bare Münze nehmen, wenn sie selbst das wichtigste neue Medium auch zu gebrauchen wissen. Würden sie es tun, dann wüssten sie wie weltfremd viele der Regeln sind, die sie der neuen Wirtschaft aufdrücken möchten. Man denke nur an den gescheiterten Plan des Bundesfinanzministers, die private Nutzung des Internets in den Unternehmen zu besteuern. Ein paar publikumswirksame Auftritte mit Internet-Unternehmern oder ein als Weltpremiere gefeierter Chat, bei dem eine Sekretärin die Antworten eintippen muss, reichen für einen Politiker nicht mehr aus. Dann sollten sie künftig lieber schweigen, wenn es um das Internet und E-Business geht. Denn herausreden kann sich niemand mehr, auch wenn er die 50 oder 60 bereits überschritten hat: Schließlich gibt es inzwischen auch in Berlin einen Internet-Seniorenclub, wo man den richtigen Gebrauch einer Maus lernen kann.

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