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Politisch brisant - Minks inszeniert Hebbels «Judith» in BochumDPA-Datum: 2004-06-28 15:41:51

Bochum (dpa) - Mit langem Beifall hat sich das Premierenpublikum bei Wilfried Minks für seine Inszenierung von Friedrich Hebbels «Judith» in der Kammer des Schauspielhauses Bochum bedankt. Ovationen gab es für Dörte Lyssewski in der Titelrolle und Martin Reinke als ihren Antagonisten, Holofernes. Minks fand in Hebbels Tragödie aktuelle Erkenntnisse von politischer Brisanz.

Bochum (dpa) - Mit langem Beifall hat sich das Premierenpublikum bei Wilfried Minks für seine Inszenierung von Friedrich Hebbels «Judith» in der Kammer des Schauspielhauses Bochum bedankt. Ovationen gab es für Dörte Lyssewski in der Titelrolle und Martin Reinke als ihren Antagonisten, Holofernes. Minks fand in Hebbels Tragödie aktuelle Erkenntnisse von politischer Brisanz.

Obwohl der Fünfakter auf nur knapp zwei Stunden Spieldauer eingedampft wird, bleibt doch die Geschichte unversehrt. Holofernes, der Feldherr von Nebukadnezar, der die Welt beherrscht, hat alle Völker unterworfen. Nur ein kleines Bergvolk leistet Widerstand, die Hebräer. Judith, eine jungfräuliche Witwe dieses Stamms, entschließt sich, einem Befehl Gottes folgend, Holofernes zu ermorden. Unter Vorspiegelung falscher Tatsachen geht sie ins Lager des Feindes, verführt den Feldherrn und enthauptet Holofernes, als er schläft.

Martin Reinke spielt den Assyrer aus dem Alten Testament mit spiegelnder Sonnenbrille und moderner Kampfuniform als amerikanischen General von heute. Er würde Judith wegen ihres präzis geplanten, heimtückischen Anschlags auf sein Leben als Terroristin sehen. Dieser Begriff wird in Minks Inszenierung radikal in Frage gestellt: Judith erscheint ihrem Volk als Befreierin, als Gottgesandte, deren Tat die Vernichtung abwendet.

Martin Reinke unterstreicht in seinem Spiel die maßlose Überhebung des Generals. Er, Herr über Leben und Tod, fordert Judith auf, ihn wie einen Gott anzubeten. Dörte Lyssewski zeigt die Heldenhaftigkeit Judiths, indem sie deren Angst spielt und Judiths Anstrengung, sie zu überwinden.

Gegen Ende häufen sich die Grausamkeiten des Generals, der wähnt, jenseits menschlicher Gesetze zu stehen; spektakulär die Szene im fünften und letzten Akt, in der Judith den schlafenden Holofernes köpft. Dörte Lyssewski ist bis auf Juwelen und ein Bustier unbekleidet, nach der Entjungferung Judiths sind ihre Schenkel blutbesudelt. Auch Martin Reinke ist nackt. Die Szene ist dennoch weniger erotisch als vielmehr ein Hinweis auf die unverhüllte Natur des Menschen, aber auch auf seine Verletzlichkeit.

Die rücksichtslose Aktualisierung, bei deren Bildfindung sich Minks gleichermaßen an Goya wie an Fotos von Folterungen in Bagdad anlehnt, hat einen kritischen Aspekt: als wolle Minks sagen, wir und die Amerikaner werden nicht müde zu behaupten, in einer christlichen Tradition zu stehen, verhalten uns aber, als hätten wir nie von Judith gehört, die das Alte Testament als Heldin feiert, nichts gelernt aus der Geschichte der Hebräer, die verzweifelt einer erdrückenden Übermacht gegenüberstanden.

Als hätten wir, jetzt an der Macht, die Lektion der Bibel vergessen und könnten uns nicht mehr in Erniedrigte und Beleidigte hineinversetzen. So, wie Minks und sein vorzüglich agierendes Ensemble Hebbels Geschichte erzählen, wird sie zur politisch subversiven Parteinahme für die Schwachen und gegen die Mächtigen: eine geistreiche, höchst aktuelle Deutung eines alles andere als verstaubten Klassikers.

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