Politische Spannungen im Irak-Konflikt wecken Ängste: Der gefühlte Boykott ist nicht zu messen

Politische Spannungen im Irak-Konflikt wecken Ängste
Der gefühlte Boykott ist nicht zu messen

Bedrohen die politischen Spannungen zwischen den USA und Deutschland im Irak-Konflikt jetzt auch die Wirtschaftsbeziehungen? Viele deutsche Firmen in den USA befürchten mittelfristig Geschäftseinbußen.

tor/kk/bac/fmd NEW YORK. Das ergab eine Umfrage des Handelsblatts. Danach gibt es zwar bislang noch keine konkreten Hinweise auf einen Boykott der Amerikaner gegen Produkte "Made in Germany". Die wachsende Furcht und Verunsicherung ist jedoch überall zu spüren und wird durch die jüngsten Drohungen von US-Politikern noch verstärkt. Bestätigt wird dieser Trend durch eine Umfrage, die die Deutsch-Amerikanische Handelskammer in New York mit der Unternehmensberatung Droege & Company in den vergangenen Tagen bei 415 deutschen Unternehmen in den USA durchgeführt hat. Die Ergebnisse werden heute in New York vorgestellt.

Bei den deutschen Wirtschaftsverbänden ist man wegen des transatlantischen Streits zunehmend besorgt. "Die Stimmung in der Regierung und auch im Kongress gegenüber ausländischen Unternehmen in den USA nimmt langsam aggressivere Züge an", sagt Robert Bergmann vom Washingtoner Büro des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und der Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK).

Bergmann verweist auf ein Zitat des republikanischen Abgeordneten im Repräsentantenhaus, Peter King: "Alles, was wir tun können, um den Deutschen und Franzosen weh zu tun, ohne dass es uns weh tut, werde ich unterstützen." Der Republikaner James Saxton ruft bereits zum Boykott der Pariser Luftfahrtschau auf. Trotz verschärfter Tonlage erwartet die deutsche Wirtschaft keine sofortigen Reaktionen, sagt Bergmann. Die USA sind nach Frankreich der zweitwichtigste Handelspartner Deutschlands. Umgekehrt ist Amerika der größte Direktinvestor hier zu Lande. Rund 2  000 US-Firmen arbeiten in Deutschland, 3  000 deutsche in den USA.

Einzelne deutsche Unternehmen aus der Rüstungsindustrie und der Hochtechnologie hätten bereits negative Konsequenzen zu spüren bekommen, heißt es bei BDI und DIHK. So würden die US-Regierung oder deren nachgeordnete Behörden Firmen aus den USA oder den Ländern bevorzugen, mit denen Amerika in der Irak-Politik kooperiere.

Die Unternehmen geben sich nach außen noch gelassen. "Wir sind durch die politischen Ereignisse sensibilisiert", sagt Paula Davis, Sprecherin von Siemens in den USA. Bislang gebe es jedoch keine Anzeichen für eine Kaufzurückhaltung. "Die Kunden trennen zwischen Geschäft und Politik." Siemens beschäftigt in den Vereinigten Staaten etwa 70 000 Mitarbeiter und setzt dort jährlich Waren im Wert von gut 20 Mrd. Euro um - mehr als in Deutschland. Ein Sprecher aus der Konzernzentrale in München weist darauf hin, dass Siemens in den USA "quasi ein amerikanisches Unternehmen ist".

Aventis, das als deutsch-französischer Konzern ein ideales Ziel für Boykott-Aufrufe wäre, bekommt die Animositäten nach eigenen Angaben nicht zu spüren. Das Unternehmen sehe sich selbst als globalen Konzern und werde auch so wahrgenommen, erklärt eine Sprecherin.

Wendelin von Boch, Vorstandschef des größten deutschen Keramikherstellers Villeroy und Boch, fürchtet, dass die politische Entfremdung auch seinem Amerika-Geschäft schadet. "Wir machen ein Fünftel unseres Umsatzes in USA." sagte von Boch dem Handelsblatt.

Bei den Autokonzernen Daimler Chrysler, - Volkswagen und BMW heißt es unisono. "Wir beobachten die Entwicklung, sehen bislang aber noch keine Auswirkungen." Bereits vor einem Monat sah sich jedoch Daimler veranlasst, an die Grundwerte der deutsch-amerikanischen Freundschaft zu erinnern. "Deutschland und die USA sollten auch in schwierigen Zeiten auf der Basis von Vertrauen und Zuverlässigkeit zusammenarbeiten - selbst wenn die Partner unterschiedliche Meinungen haben", heißt es in einer Konzernmitteilung.

Ähnliche Freundschaftsbekundungen plant jetzt auch der Verein Atlantik-Brücke. Am kommenden Sonntag soll auf einer ganzen Seite in der New York Times für die deutsch-amerikanische Freundschaft geworben werden. Im Mai soll zudem eine hochkarätige, 50-köpfige Delegation der deutschen Industrie nach Washington reisen, um die politischen Risse zwischen den Handelspartnern zu kitten.

David Wyss, Chefökonom bei der Ratingagentur Standard & Poor?s und Kind deutscher Vorfahren, hält die Furcht vor einem Kaufboykott für übertrieben. "Dass jemand aus politischen Gründen auf seinen BMW verzichtet, glaube ich nicht", sagt er. Mehr Sorgen sollten sich die Deutschen um ihre wirtschaftliche Verfassung machen.

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