Politische und ökonomische Unsicherheiten beunruhigen die Märkte
Kriegsgefahr treibt den Ölpreis

Sorgen um einen möglichen US-Angriff auf den Irak haben am Ölmarkt eine Hausse ausgelöst. Der Ölpreis ist seit Dezember um knapp ein Drittel gestiegen. Analysten rechnen für das kommende Jahr mit eher nachgebenden Notierungen. Die Ölaktien gelten dennoch als eine interessante Kapitalanlage.

DÜSSELDORF/FRANKFURT. Der Ölpreis ist nach Berichten über einen möglichen Angriff des Iraks durch die US-Militärs kräftig in die Höhe geschossen. Nordseeöl der europäischen Richtmarke Brent stieg auf über 26 $ je Barrel (159 Liter). In den USA zog der Preis der Rohöl-Richtqualität WTI (West Texas Intermediate) deutlich an. Der Anstieg wurde allerdings durch eine überraschende Zunahme der US-Rohölbestände gebremst.

Angesichts der von rezessiven Tendenzen geprägten Weltkonjunktur werten Analysten das hohe Ölpreisniveau als Überraschung. In den Preisen seien politische Unwägbarkeiten im Nahen und Mittleren Osten weitgehend eingepreist, heißt es. US-Medien hatten zuletzt darüber berichtet, dass die Bush-Administration unter dem Codewort "Regime Change" angeblich einen Militärschlag gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein planen soll. Rolf Elgeti, leitender Europa-Stratege der Commerzbank Securities in London, weist darauf hin, dass das Geschehen am Ölmarkt schon seit geraumer Zeit durch die Spekulationen über den Irak bestimmt worden sei. Doch nicht nur "der Irak ist schon im Hinterkopf", sagt Wolfgang Häuser, Volkswirt bei der ING BHF Bank. Die von den Märkten eingepreiste politische Risikoprämie liegt Schätzungen von Analysten zufolge bei 4 bis 5 $ je Barrel ($/B). Preistreibend wirke die gesamte Lage im Nahen Osten. Dazu gehört auch die schwelende Krise zwischen Israel und den Palästinensern. Insgesamt steuerte der Nahe Osten im vergangenen Jahr gut 22 Mill. Barrel am Tag zur Weltproduktion bei. Das ist knapp ein Drittel. Allerdings verfügt die Region über fast 85 % der weltweit freien Kapazitätsreserven.

Zudem lässt das weitere Verhalten der Opec derzeit viele Fragen offen. Spekulationen, dass die Organisation auf ihrem nächsten Treffen am 18. September die Förderquoten anheben wird, sorgen immer wieder für Preisschwankungen. Häuser glaubt, dass die Opec keine Ausweitung vornehmen wird, "wenn der Ölpreis am unteren Ende des Korridors ist". Die Opec strebt Notierungen von 22 bis 28 $ an - das entspricht rund 25 bis 30 $/b bei WTI.

Die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris hat vor kurzem wegen einer drohenden Verknappung höhere Quoten angemahnt. Die Opec müsse mit einer steigenden Nachfrage nach Öl im zweiten Halbjahr rechnen und dafür die Bestände aufstocken. Die IEA als Interessenverband der Industrieländer erwartet für das vierte Quartal dieses Jahres einen Anstieg des Ölverbrauchs um 1,67 Mill. auf 77,5 Mill. Barrel pro Tag. Aber auch wenn die Opec ihre Förderquoten nicht erhöht, sind laut Häuser die Vorräte über den Winter ausreichend. Gleichwohl würde der Markt ein "Knappheitsszenario spielen". Wichtig sei daher, dass die Opec ein Signal gibt.

Doch Unsicherheiten bestehen auch auf der Nachfrageseite. Es mehren sich die Sorgen, dass die schwachen Aktienmärkte der Weltkonjunktur einen weiteren Schlag versetzen. "Schlechtere Konjunkturzahlen in den nächsten Monaten würden die Ölnachfrage sinken lassen", sagt Häuser.

Vor allem wegen der zahlreichen politischen und ökonomischen Unsicherheiten gehen auch die Einschätzungen über den Ölpreis weit auseinander. Die Prognosen von zehn Ölmarktanalysten führender Finanzhäuser liegen für US-Rohöl der Marke WTI für das laufende Jahr bei durchschnittlich etwa 26,50 $/b und für 2003 bei 25,50 $/b. Unberücksichtigt bleiben dabei Sondereffekte wie eine Zuspitzung der Lage im Nahen und Mittleren Osten oder eine erneute Abschwächung der Weltkonjunktur. Die Mehrzahl der Analysten erwartet also eher eine moderate Preisentwicklung. Phil Flynn, Energie-Analyst von Alaron Trading in Chicago, geht indes davon aus, dass WTI bis Ende des Jahres auf 30 $ und im kommenden Jahr auf 35 bis 37 $ steigen wird. Für Brentöl rechnet Commerzbank-Stratege Elgeti bis Jahresende mit einem Rückgang auf 20 $. Häuser sieht Brentöl etwa in der Mitte der Opec-Spanne, witterungsbedingt könne der Preis im Winter etwas höher liegen.

Erstaunlicherweise haben die hohen Rohölpreise bisher nur recht wenig Einfluss auf die Aktien der davon abhängigen Gesellschaften gehabt. "Wenn der Ölpreis steigt, sollten alle Ölwerte steigen", sagt Elgeti. In der Vergangenheit habe der Kurs der Royal-Dutch/Shell-Aktie am stärksten reagiert, was an der Ausrichtung des Unternehmens liege. Aus Sicht der Anleger gelte das Papier als "eines der besten Mittel, um den Ölpreis zu spielen", sagt er. Grundsätzlich gelte der Ölsektor als defensiver Bereich. Wenn sich die Gesamtmärkte erholen sollten, dürfte dieser Sektor sich nur unterdurchschnittlich entwickeln, so seine Erwartung. Doug Terreson von Morgan Stanley hält die Aktien der großen internationalen Ölmultis wie Exxon Mobil und BP für vergleichsweise niedrig bewertet. Dieser Einschätzung unterliegt die Annahme eines künftigen Ölpreises von nur 20 bis 21 $/b. Er geht für das kommende Jahr von einem Durchschnittspreis (WTI) von 25 $ und für 2003 von 23 $ je Barrel aus. Terreson sieht nur geringe Chancen dafür, dass die Überkapazitäten am Weltölmarkt vor dem Jahr 2003 abgebaut werden können.

Positiv zu den Aussichten internationaler Ölaktien äußert sich auch Arjun N. Murti von Goldman Sachs in New York. Er rät Anlegern, auf global tätige Gesellschaften zu setzen. Ausdrücklich empfiehlt er die Titel von Chevron Texaco, BP und Totalfina. Die Aktie von Exxon Mobil sei nach dem jüngsten Kursanstieg dagegen nicht länger niedrig bewertet, sagt er. Die Investmentbanken Goldman Sachs und Lehman Brothers empfehlen die Aktie des kanadischen Energieunternehmens Petro Canada. Lehman-Analyst Paul Cheng stuft zudem die Aktie von Brasiliens Petrobras als "klaren Kauf" ein.

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