Politische und wirtschaftliche Vorteile erhofft
Türkei entsendet Truppen nach Afghanistan

Als erstes moslemisches Land hat die Türkei die Entsendung von Truppen nach Afghanistan angekündigt.

ap ANKARA. Der Beschluss der Regierung von Ministerpräsident Bülent Ecevit löste im Land selbst mannigfaltige, jedoch überwiegend positive Reaktionen aus. Die Erwartungen von Regierung und Bevölkerung sind hoch, manchmal mit einem Anflug von Überschätzung. Denn der Beitrag, um den es geht, ist relativ klein: Zunächst sollen 90 Mann einer Sondereinheit zum Hindukusch reisen, um Kämpfer der Nordallianz auszubilden.

"Wir sind der Meinung, dass die Amerikaner mit Hilfe der Türken Wege in die Herzen des afghanischen Volkes bauen sollten", schrieb am Donnerstag der Chefredakteur der englischsprachigen Zeitung "Turkish Daily News", Ilnur Cevik. Andere, wie der Zentralasienexperte Azizulla Ghazi, sehen die Sache etwas nüchterner: "Die Türkei war nie stark in Afghanistan involviert. Ihr einziger Vorteil ist, dass sie nicht an den jüngsten Turbulenzen beteiligt war und sich deshalb nicht diskreditiert hat." Immerhin hat die Türkei in den letzten Jahren enge Beziehungen zu dem der Nordallianz angehörenden Usbeken-General Raschid Dostum unterhalten. Ansonsten sind Ankaras Verbindungen zu Afghanistan eher nebensächlich: Einige Krankenhäuser wurden gebaut, tausende von afghanischen Studenten besuchten türkische Universitäten und einige afghanische Offiziere wurden in der türkischen Armee ausgebildet.

Finanzmittel zur Sanierung

Aber das einzige moslemische NATO-Mitglied erhofft sich von dem militärischen Engagement in Afghanistan politische und wirtschaftliche Vorteile, zuvorderst mehr Finanzmittel zur Sanierung der krisengeplagten türkischen Wirtschaft. So wundert es nicht, dass die Nachricht davon von der Börse recht positiv aufgenommen wurde: Die inflationäre Lira erholte sich um 1,5 Prozent gegenüber dem Dollar und der Leitindex des Aktienmarktes stieg im Morgenhandel am Freitag um 2,5 Prozent. Nach Meinung von Analysten spiegelt sich darin die Hoffnung auf zusätzliche Finanzmittel des Internationalen Währungsfonds wider.

"Diese direkte Hilfe wird definitiv wirtschaftliche Vorteile nach sich ziehen", schrieb der Wirtschaftskorrespondent der Zeitung "Milliyet", Hursit Günes, und fügte etwas pathetisch hinzu: "Die Türkei entsendet Truppen, um den Westen in seinem kritischsten Moment zu unterstützen." Überhaupt scheint das nationalistische Blatt entweder mehr zu wissen, als der Rest der Welt, oder die Bedeutung von 90 türkischen Soldaten in Zentralasien maßlos zu übertreiben. "Unsere Aufgabe heißt Gefahr" schlagzeilte "Milliyet" Freitag und schrieb dann von einer "Schlüsselrolle", die den türkischen Truppen bei der geplanten Eroberung der Stadt Masar-i-Scharif im Norden Afghanistans zukomme.

Bodenschätze und panturkistische Ambitionen

Was außer den wirtschaftlichen Hoffnungen bleibt, ist der Wunsch Ankaras, im zentralasiatischen Machtpoker einen Fuß in die Tür zu bekommen. In Afghanistan und den angrenzenden zentralasiatischen Gebieten der ehemaligen Sowjetunion leben mit Usbeken, Turkmenen und Kirgisen turksprachige Völker, die sich bereits die Jungtürken in den letzten Jahren des Osmanischen Reiches für ihre politischen Großmachtträume zu Nutze machen wollten. Panturkismus hieß damals das Schlagwort und besonders bei den rechten Koalitionspartnern Ecevits von der Partei der Nationalistischen Bewegung ist es bis heute nicht vergessen. Da fügt es sich gut, dass es in dem Gebiet demnächst auch Bodenschätze wie Erdgas und Öl auszubeuten gibt und die dafür benötigten Pipelines entweder durch Russland oder die Türkei führen können.

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