Politischer Veteranen-Wettlauf
Die Traditionstruppen rüsten zur Medienschlacht im Wahlkampf

Ein wenig gezittert haben sie schon in der Kampa, der Wahlkampfzentrale der SPD. Als Edmund Stoiber vor Wochen das "Cleverle" Lothar Späth als "Superminister" für Wirtschaft aus dem Hut zauberte, herrschte tagelang Funkstille bei den Genossen. Wie sollte man auf diesen personalpolitischen Coup reagieren?

BERLIN. Die Möglichkeit, mit neuem Personal nun ebenfalls für frischen Wind zu sorgen, bleibt der Regierung verbaut. Kategorisch hatte Gerhard Schröder weitere Kabinettsumbildungen vor der Wahl ausgeschlossen. Bei SPD und Grünen wuchs deshalb die Sorge, Stoiber würde medienwirksam Woche für Woche neue und unverbrauchte Kandidaten für sein Team präsentieren, während dem Kanzler nur die alte Mannschaft bliebe.

Doch inzwischen herrscht wieder eitel Sonnenschein bei SPD und Grünen, denn mit Lothar Späth hat Stoiber seinen Vorrat an Überraschungen bereits aufgebraucht.

Schon die Anschlusspräsentation der weitschweifigen CDU-Bildungsexpertin Annette Schavan löste nur noch verhaltene Resonanz aus. Als dann am Wochenende bekannt wurde, dass der Rest des neuen Stoiber Kompetenzteams nahezu vollständig aus den alten Recken der abgewählten Kohl-Truppe rekrutiert wird, fand die gelähmte SPD wieder zu Spott und Angriffslust zurück. "Mit den Rezepten von gestern und dem Personal von vorgestern will Stoiber die Politik von morgen machen", höhnte SPD-Ministerpräsident Sigmar Gabriel aus Hannover.

In der Tat greift der Kanzlerkandidat stark auf das bekannte Personal der Kohl-Ära zurück: Der von einem Herzleiden genesene CSU-Vize Horst Seehofer soll sich wieder um Gesundheitspolitik kümmern und der im Zuge der CDU-Spendenaffäre gestürzte Wolfgang Schäuble zeichnet im Kompetenzteam künftig für Sicherheits- und Europapolitik verantwortlich. Als Schattenminister für Finanzen schließlich schickt Stoiber Unionsfraktionschef Friedrich Merz ins Rennen.

"Die gehören doch eh? zum inneren Kreis von CDU und CSU", spottet SPD-Generalsekretär Franz Müntefering, "jetzt bekommen sie auch noch Sondertitel und von Stoiber eine neue Spange an die Brust."

Doch trotz der zur Schau gestellten Gelassenheit wollen die Genossen nicht tatenlos zusehen, wie der Kandidat seine kompetenten Köpfe vermarktet. Die für den morgigen Mittwoch vorgesehene Präsentation von Wolfgang Schäuble etwa will der Kanzler kontern, indem er bereits am Dienstag gemeinsam mit Joschka Fischer vor die Presse geht. Der offizielle Anlass, nämlich die Verlängerung des Bundeswehrmandats für Mazedonien und Afghanistan, hätte eigentlich auch die Anwesenheit des zuständigen Verteidigungsministers erfordert. Weil Rudolf Scharping aber nicht gerade als Werbefaktor gilt, treten Schröder und Fischer lieber ungestört alleine auf. Die Botschaft der Show ist klar: Die beiden populärsten Spitzenpolitiker der Republik inszenieren sich als Garant einer erfolgeichen Sicherheits- und Europapolitik - gegen das konkurriende Unions-Duo Stoiber/Schäuble und das ebenfalls aufs Auswärtige Amt schielende außenpolitische FDP-Dreamteam Guido Westerwelle und Jürgen Möllemann.

Doch damit hat der Schaulauf der wahlkämpfenden Traditionskompanien beider Seiten noch kein Ende. Schon in der kommenden Woche plant Schröder eine weitere Pressekonferenz - diesmal mit Kassenwart Hans Eichel an seiner Seite. Auch dieser Medienauftritt zielt auf die politischen Wettbewerber. Zur gleichen Zeit nämlich will Edmund Stoiber seinen potenziellen Finanzminister Friedrich Merz der Öffentlichkeit anpreisen.

Ob Schröder schließlich mit Gesundheitsministerin Ulla Schmidt vor die Kameras tritt, wenn Stoiber seinen Parteivize Horst Seehofer vorstellt, ist offen. Müntefering hat bei dieser Personalie angeblich "keine Sorgen. Wenn Seehofer von Gesundheitsreformen spricht, halten sich die Leute eh? die Taschen zu."

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
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