Pomp, Trauer, Tränen und Skandale
Turbulentes Jahr für die Queen

Das britische Königshaus hat den Zuschauern in nah und fern in diesem Jahr zwei ganz unterschiedliche Varianten von "Staatstheater" geliefert. Pomp und Show der Feiern zum Goldenen Thronjubiläum folgte der Abstieg in die Farce.

HB/dpa LONDON. Trinkgelage, Sexskandale, Diebstahl und Betrug bestimmten das Bild. Der böse Vorwurf der Einmischung in den Gang der Justiz stand mit dem Burrell- Prozess plötzlich im Raum. Königin Elizabeth II. (76), die in diesem Jahr ihre Mutter, Queen Mum, und ihre jüngere Schwester Margaret verlor, geriet aus der Fassung und vergoss öffentlich Tränen.

Darüber, ob das Jahr 2002 für die Queen als ein weiteres "annus horribilis" interpretiert werden muss, streiten sich die Experten. Tatsache ist nach Einschätzung des Senders BBC jedoch schon jetzt, dass das Königshaus von der Bevölkerung "so kritisch betrachtet wird wie nie zuvor". Die Stimmungslage spiegelt sich in Umfragen wider. Laut der Zeitung "Guardian" sank die Zustimmung zur Monarchie nach den Skandalen in der Folge des gescheiterten Prozesses gegen Ex- Butler Paul Burrell im November auf 43 Prozent und damit auf einen neuen Tiefpunkt. Zum Höhepunkt der Jubelfeiern anlässlich des 50. Thronjubiläums im Sommer war sie auf 59 Prozent gestiegen.

"Das Problem für das Haus Windsor ist, dass uns einfach gar nichts mehr überrascht, was von ihm kommt", kommentierte der konservative "Spectator". Andrew Morton, Autor des Enthüllungsbuchs "Diana: Ihre wahre Geschichte in Ihren eigenen Worten", sagte: "Die Öffentlichkeit ist schockiert. Das Image der Königsfamilie als ein Vorbild für gutes Benehmen existiert nicht mehr." Morton hält es für fraglich, ob die Monarchie nach den Ereignissen dieses Jahres in der Gesellschaft jemals wieder ihren alten Stellenwert zurückgewinnen wird.

Das direkte Eingreifen der Queen in den Diebstahlsprozess gegen Burrell (44) verhalf dem früheren Butler von Prinzessin Diana Anfang November zum Freispruch. Die Monarchin nahm den Diener mit der nachträglichen Erinnerung in Schutz, er habe ihr vor fünf Jahren von der Inbesitznahme von Diana-Andenken berichtet. Die Anklage brach in sich zusammen. Die Medien machten als Motiv umgehend den Wunsch der Queen und von Prinz Charles aus, schädigende Zeugenaussagen des Diana-Vertrauten zu verhindern.

Trotz - oder vielleicht gerade wegen - der Einstellung des Prozesses kamen täglich in den Medien neue, schockierende Einzelheiten über Sexskandale und Betrügereien hinter den Palastmauern ans Licht. Thronfolger Prinz Charles geriet in Verdacht, die Aufklärung eines von Diana auf Tonband festgehaltenen Vergewaltigungsvorwurfs eines früheren Bediensteten behindert zu haben. Immer noch kursieren Gerüchte, ein ranghoher Royal sei höchstpersönlich bei homosexuellem Verkehr beobachtet worden. Ein enger Vertrauter von Charles wurde suspendiert, weil er Geschenke ans Königshaus zum Aufpreis verkauft haben soll.

Das alles hätte sich die Queen wohl kaum träumen lassen, als ihr und den versammelten Royals auf dem Balkon des Buckingham-Palastes im Sommer mehr als eine Million Menschen zujubelten. Sie gestand damals selbst ein, vom Ausmaß der Volkszuneigung überrascht gewesen zu sein. Der Kontrast zwischen dem reibungslosen Ablauf der Feiern zu ihrer 50-jährigen Herrschaft und der Stimmung zum Jahresende hätte größer nicht sein können. "Es liegt alles in so weiter Ferne", kommentierte die "Times".

Nur knapp zwei Monate vor den Jubiläumsfeiern hatten die Briten in überwältigender Zahl und mit großer Wärme Abschied von der Königinmutter genommen, die im stolzen Alter von 101 Jahren am Ostersamstag (30. März) auf Schloss Windsor gestorben war. Im Februar verlor die Queen ihre Schwester, Prinzessin Margaret, mit der sie stets eng verbunden war. Diese Schicksalsschläge hatten das Sympathie-Barometer für die Royals merklich ansteigen lassen. Nur einen Monat zuvor hatte der damals 17-jährige Prinz Harry mit dem Geständnis von Alkohol- und Haschischkonsum Schlagzeilen gemacht.

Die Kritiker sind sich unterdessen einig, dass das emotionale Wechselbad 2002 für die Monarchie langfristige Folgen haben dürfte. Auf Dauer, so meint der "Spectator", seien Ehrerbietung und Transparenz unvereinbar. Die immer wieder geforderte Modernisierung der Royals habe unweigerlich auch die Offenlegung "menschlicher Schwächen" zur Folge. Die Monarchie werde so "von innen ausgehöhlt".

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