Portale durchleben schwere Zeiten
Kolumne: Mit Yahoo in die große Internetrezession?

Das jähe Ende des Internetbooms ist dabei, eine Internetrezession auszulösen. Die Ikonen des Webs beginnen zu wackeln. Nach Amazon.com im Sommer ist jetzt Yahoo an der Reihe. Yahoo war (bisher) aber weder unprofitabel, noch hatte es ein zweifelhaftes Geschäftsmodell. Im Gegenteil, Yahoos Geschäftsmodell ist in vieler Hinsicht besser als das eines traditionellen Medienunternehmens. Einen Umstieg auf Bezahlmodelle wird es aber auch nicht ohne weiteres meistern. Eine Frage schwebt deshalb jetzt über dem Valley: Wenn Yahoo fällt, wo gibt es dann noch ein Halten?

Die Fakten sind schnell erzählt. Anfang Januar gab Yahoo zum ersten Mal in seiner Geschichte eine Gewinnwarnung an der Wall Street. Wenige Tage später kamen dann die Zahlen: Der Abschluss des letzten Jahres war für Yahoo mit einem Umsatz von 311 Mill.  $ im vierten Quartal und erwartugnsgemäßen Gewinnen noch glimpflich verlaufen. Aber 2001 werde düster werden, und in der Tat wird im ersten Quartal 2001 ein deutlich verringerter Umsatz von zwischen 180 und 190 Mill. $ erwartet.

Tim Koogle, langjähriger CEO von Yahoo, ist inzwischen zurückgetreten, und das Unternehmen sucht einen Ersatz. Innerhalb eines Monats haben die wichtigsten internationalen Manger das Unternehmen verlassen: Der CEO Europa (Fabiola Arrendendo), der CEO Asien (Savio Chow), die Geschäftsleiter in China (Dennis Young), Korea (Jin Youm) und Kanada (Mark Rubinstein).

Disney gibt hochfliegende Pläne auf

Yahoo ist nicht allein mit seinen Schwierigkeiten. Walt Disney Company hat Anfang dieses Jahres sein Portal Go.com geschlossen und die 400 bis zuletzt noch dort verbliebenen Mitarbeiter entlassen. Ein Rumpfangebot soll fortbestehen. Zur Erinnerung: Go.com war nach der Übernahme von Infoseek durch das Zusammenlegen der Internetaktivitaeten beider Unternehmen entstanden. Die Verluste und Abschreibungen bei Disneys Internetakrivitäten haben das Gesamtergebnis des Konzerns um 77 % sinken lassen. Die separaten "Tracking"-Aktien für das Internetgeschäft wurden in Disney-Aktien zurückgewandelt. Excite@Home fährt derzeit kaum besser. Es konzentriert sich mehr und mehr auf reines Breitbandgeschäft und nimmt das Excite-Portal stark zurück. Auch Terra/Lycos wird dem Sog nicht entgehen.

Zusammenbruch des Werbemarkts

Der unmittelbare Grund für die Probleme ist klar: Portale leben in erster Linie von Werbeeinnahmen, und der Markt für Werbung im Internet ist zusammengebrochen. Auch wer keinen Statistiken traut, sehe sich nur einmal die Situation der Firmen auf dem Gebiet an: Von den vier wichtigsten an der Nasdaq gelisteten Unternehmen, die Internet-Werbung vertreiben, sind zwei im Herbst implodiert: Engage und 24/7 Media werden bei Anhalten des verschwindend niedrigen Aktienkurses von der Nasdaq ausgestoßen werden. Auch die verbleibenden Doubleclick und L90 halten sich nur noch unter großen Mühen.

Nun könnte man ja denken, Internetwerbung sei grundsätzlich verfehlt. Von Apple-Gründer Steve Jobs stammt das berühmte Zitat: "Wenn ich fernsehe, schalte ich mein Gehirn ab. Wenn ich mich an den Computer setzte, schalte ich es ein." Offenbar wird die Werbung nicht intelligenter, denn Bannerwerbungen erzeugen nachweislich stets niedrigere Click-Raten. Wahrscheinlicher jedoch ist, dass wir im Internet nur besser messen können, was sich überall zeigt: Menschen stumpfen gegen Dauerreizung ab.

Yahoo als Barometer der Internetrezession

Das Neue an Yahoos Problemen ist somit, dass es hier nicht mehr um das Entlarven von unprofitablen Geschäftsmodellen geht. Yahoo war profitabel und effizient im Umgang mit Kapital. Ja, es war zu mehr als 80&nbspS;% werbefinanziert, aber das mittlerweile fast auf der ganzen Welt dominierende Privatfernsehen finanziert sich zu 100%nbps;% aus diesen Quellen. Yahoo hat nicht nur viel treuere Nutzer als jeder Fernsehkanal; die Nutzung von Yahoo steigt auch immer noch schnell an.

Yahoo

hat Probleme, weil alle Unternehmen Probleme haben, die sich auf Werbung als Einnahmequelle verlassen müssen. Das sind vor allem "dot.coms", aber nicht nur diese. Aus diesem Grund wird die Situation von Yahoo hier so genau beobachtet. Es fungiert als "Internetbarometer".

Momentan ist kein schneller Ausweg ersichtlich für Yahoo. Wer glaubt, ein "gestandener" CEO aus der Medienindustrie werde helfen, der unterschätzt deutlich die bisherige Leistung von Tim Koogle. Tim war kein verträumter Gründer, sondern ein von Venture-Capitalists frühzeitig eingeschleuster professioneller Manager. Und die "gestandenen" Manager von Disney haben Infoseek und sich selbst ganz schnell ruiniert. Was nun? Yahoo versucht jetzt offenbar, ob es für seine Dienste nicht Gebühren erheben könnte. Das ist ungefähr so erfolgsversprechend, als wenn ein Free TV-Sender von morgen an zum Pay TV mutieren will. So einfache Lösungen wird es nicht geben.

Gibt es, wenigstens zum Schluss, auch tröstliche Worte? Yahoo ist stark. Es ist als einziges Internet-Unternehmen in allem internationalen Märkten, in denen es eingestiegen ist, erfolgreich gewesen. Die Marke Yahoo ist beliebt und weltbekannt. Die Nutzerbasis ist loyal. Die Kosten sind moderat. Und Yahoo sitzt auf einem Cash-Polster. Übernahmen lehnt es berechtigterweise ab - es gibt keinen Grund, weshalb ein anderes Unternehmen Yahoo erfolgreicher führen sollte als es sich selbst.

Doch gerade weil Yahoo so ungewönlich stark ist, wäre ein Zusammenbruch von Yahoo katastrophal. Jeder hier im Valley würde dies so interpretieren, dass es aus der momentanen Internetrezession kein Entkommen mehr gibt. Damit würde die Internet-Depression eingeläutet. Und davon würde sich auch die restliche Wirtschaft in den USA nur schwer erholen. Derzeit ist Yahoo angeschlagen, aber es steht noch aufrecht.

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