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Porträt: Apparatschik, Hoffnungsträger, Schurke - eine serbische Karriere

Am Ende war er auch im eigenen Land isoliert: Slobodan Milosevic, einst Hoffnungsträger der Serben, wurde offenbar am Freitagabend festgenommen. Wer ist dieser Mann, den der Westen nicht mit Bombardements aus dem Sattel heben konnte?

afp BELGRAD. Es half ihm nichts, dass etwa dreihundert seiner Anhänger vor seine Belgrader Villa gekommen waren, um ihn zu schützen; er mag gerade noch gehört haben, wie sie ihn mit "Slobo"-Rufen hochleben ließen. Ein freier Mensch war Milosevic aber auch vor seiner Festnahme schon lange nicht mehr. Zu sehr schwebte die stete Gefahr einer Verhaftung über dem Mann, dem mehrere Balkan-Kriege und zahlreiche Verbrechen gegen die Menschlichkeit angelastet werden. Die neue Führung in Belgrad wollte offenbar nicht für Milosevic ihre Annäherung an den Westen und dessen Finanzhilfen aufs Spiel setzen. Sie hatte zudem das Ultimatum der USA im Nacken, Milosevic bis Samstag an das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag auszuliefern.

Obwohl Jugoslawien unter Milosevics Ägide ein weltweit geächteter Staat wurde, saß der Nationalist bis vergangenen Herbst fest im Sattel. Daran konnten weder die Kriege in Kroatien, Bosnien und im Kosovo noch die Nato-Bombardements von 1999, die internationalen Sanktionen oder die jugoslawische Opposition etwas ändern. Für viele Jugoslawen blieb "Slobo" einer der glühendsten Verteidiger der serbischen Nation. Eine Wende wurde erst eingeleitet, als Milosevic seine Niederlage bei der Präsidentschaftswahl im vergangenen September nicht wahrhaben wollte und mit allen Mitteln an der Macht zu bleiben versuchte. Die Macht der Straße sorgte schließlich dafür, dass der heutige Präsident Vojislav Kostunica heißt. Milosevics Abgang bedeutete für ihn zugleich den Anfang vom Ende der Unantastbarkeit: Er musste fortan ständig mit seiner Festnahme rechnen.

Der Mythos Amselfeld als Steigbügel zur Karriere

Milosevics Aufstieg hatte am 28. Juni 1989 im Kosovo begonnen, wo Millionen Serben seine Brandrede zum 600. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld bejubelten. Auf dem Schauplatz der mythenumrankten Niederlage gegen die Türken versprach Milosevic, das einstige Kernland des serbischen Reiches heimzuholen. Stattdessen gab er mit seiner Rede den Anstoß zum Zerfall Jugoslawiens. Seinem Volk bescherte er Tausende Tote, Hunderttausende Vertriebene, wirtschaftliches Elend und das Ende aller großserbischen Ambitionen.

Geboren wurde der Sohn eines orthodoxen Theologen aus Montenegro und einer Kommunistin am 20. August 1941 im ostserbischen Pozarevac. 1986 übernahm der Jurist die Führung der serbischen Kommunisten. Ein Posten, mit dem Milosevic weit reichende Ambitionen verband: Starker Mann eines von den Serben beherrschten Jugoslawien wollte er werden, und dazu bediente er sich hemmungsloser nationalistischer Propaganda. 1989 setzte Milosevic die den Kosovo-Albanern zuerkannte Autonomie innerhalb der serbischen Republik außer Kraft. Die serbischen Präsidentschaftswahlen 1990 wurden zu einem Triumph für den Machtpolitiker.

Mitte der Neunzigerjahre war der Zenit überschritten

"Alle Serben in einen Staat» lautete das Schlagwort, unter dem er von 1991 an die Feldzüge gegen Kroatien und Bosnien entfesselte. Doch der Krieg in Kroatien endete 1995 mit der serbischen Niederlage und der Vertreibung von 200 000 Menschen aus ihrer seit 300 Jahren angestammten Heimat. Im Bosnien-Krieg avancierte Milosevic zum hofierten Gesprächspartner des Westens. Das Friedensabkommen von Dayton besiegelte 1995 das Ende des Kriegs; Teile der 1992 ausgesprochenen internationalen Sanktionen wurden ausgesetzt. Im eigenen Land gelangte Milosevic auf den Höhepunkt seiner Popularität.

Doch der Kosovo-Konflikt trieb die aus den Teilrepubliken Serbien und Montenegro bestehende Bundesrepublik Jugoslawien wieder in die vollständige internationale Isolierung. Im Frühjahr 1999 musste sich Milosevic nach elf Wochen der NATO geschlagen geben; das Haager UN-Tribunal klagte ihn wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit an. Nun wird er sich wohl der Verantwortung stellen müssen.

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