Porträt
Boeing-Chef Phil Condit: Der Arbeiter im fliegenden Büro

Seit 1996 sitzt der fast 60-jährige Luftfahrtingenieur am Steuerknüppel des weltgrößten Flugzeugbauers. Condit schaffte es, den Konzern neu auszurichten und wieder auf Effizienz zu trimmen. Doch auf dem Aerosalon in Le Bourget stiehlt Rivale Airbus Boeing die Schau.

HB PARIS. In seinem Alter darf man seinen Computer noch lieben, man muss es aber nicht. Phil Condit, der im August 60 wird, gibt sich vor dem PC jedenfalls noch ähnlich begeistert wie der 30 Jahre jüngere Boris Becker, der mit einem werbewirksamen "Ich bin drin" zum Spiel auf der Datenautobahn einlädt.

Ob der Boeing-Chef nur kokettiert oder ob er moderne Errungenschaften wie Echtzeit-E-Mail und High-Speed-Internet tatsächlich schätzt, weiß niemand so recht. "Ich schreibe sehr gern E-Mails", beteuert Condit jedenfalls bei vielen Gelegenheiten und meint damit zuallererst den elektronischen Schriftverkehr im Flugzeug.

Condit fliegt schon lange nicht mehr in Linienmaschinen, sondern in seinem internetfähigen Dienstvogel, einem Boeing-Business-Jet (BBJ). Die umgerüstete Boeing 737 dient ihm seit Monaten als Versuchslabor für einen neuen Service im Luftverkehr: Das fliegende Büro, das ab dem Jahr 2003 zur Standardausrüstung bei Lufthansa und anderen Airlines gehören soll.

Schon heute kann der Boeing-Boss die Flugzeit im BBJ so effektiv nutzen wie kaum ein anderer Geschäftsflieger. Er verschickt E-Mails, liest Zeitung elektronisch und guckt Livefernsehen - zumeist Nachrichten- oder Wirtschaftssender wie CNN oder Sportkanäle. "Früher, mit einem alten System, hat mir mal jemand zwei digitalisierte Fotos ins Flugzeug gemailt. Der Empfang dauerte etwa so lange wie die Flugzeit von Montana bis nach Washington D.C.", erinnert sich Condit.

Die Breitbandtechnologie hoch über den Wolken ist eine Erfindung, die sich die Männer um Phil Condit ans Revers heften. "Boeing ist innovativ", lautet die neue Botschaft des 85 Jahre alten US-Unternehmens aus Seattle.

Davon konnte vor einigen Jahren noch keine Rede sein: Während der europäische Rivale Airbus mit neu konstruierten Flugzeugen für Furore sorgte, beschränkte sich Boeing vornehmlich darauf, Modellpflege an seinen schon etwas in die Jahre gekommenen Fliegern vorzunehmen.

Der weltgrößte Flugzeugbauer wackelte - und mit ihm eine Institution des Hauses: Phil Condit, der dort 1965 seine Karriere begonnen hatte und 31 Jahre später an die Unternehmensspitze aufstieg.

Schon früh hatte Condit seine Leidenschaft für die Fliegerei entdeckt. Er war kaum 18, da hatte er bereits seinen Pilotenschein in der Tasche. Mit 24 machte er seinen Abschluss als Luftfahrtingenieur. Bei Boeing - seinem ersten und wohl auch letzten Arbeitgeber - beschäftigte er sich zunächst mit Überschallkonzepten. Später betreute der gebürtige Kalifornier als leitender Ingenieur verschiedene Programme für den Jumbojet, die Boeing 747, wurde dann Verkaufschef der Zivilflugzeug-Sparte und schließlich Leiter des erfolgreichen 777-Programms.

Als Condit 1996 ganz vorn im Boeing-Cockpit Platz nahm, herrschten schlechte Flugbedingungen. Die Marktanteile in der zivilen Luftfahrt schrumpften, und viele andere der rund 40 Produktbereiche rutschten in die roten Zahlen. Ein Sparprogramm musste her - und eine neue Strategie.

Condit nahm die Herausforderung an. Angespornt von den anhaltenden Erfolgen des europäischen Konkurrenten Airbus, ließ der stämmige Vorstandschef bei Boeing in den vergangenen Jahren kaum einen Stein auf dem anderen: Mit der Übernahme von McDonnell-Douglas stärkte Condit das Militärgeschäft des Unternehmens, andere Sparten stutzte er zurück und trimmte sie radikal auf Effizienz.

Inzwischen basteln die Boeing-Entwickler nicht mehr an alten Jumbo-Modellen, sondern am Sonic Cruiser, einem fast schallschnellen Jet der nächsten Generation. Neue Bereiche wie Internet, Satellitentechnik und Luftverkehrsmanagement haben die Phantasie der Anleger beflügelt. Die Aktien des US-Schwergewichts sind in den vergangenen zwölf Monaten in der Spitze um bis zu 65 Prozent geklettert.

Weiteren Auftrieb an der Börse hatte sich Condit von der Luft- und Raumfahrtausstellung im französischen Le Bourget versprochen. Wie vor zwei Jahren wollte der Boeing-Chef auch diesmal mit vollen Auftragsbüchern zurück in die Staaten fliegen. Doch die Kunden orderten nicht wie erhofft. Stattdessen eröffneten die Boeing-Manager einen Nebenkriegsschauplatz: Sie warfen Airbus vor, den Kampf um Platz eins unter den Flugzeugbauern mit unfairen Mitteln zu führen und die geplante Megafusion der beiden US-Unternehmen General Electric und Honeywell zu hintertreiben.

Das Klima in der Luftfahrtbranche wird rauer, und die Luft für Phil Condit wieder dünner. Zumindest der Boeing-Boom an der Börse scheint fürs erste vorbei: Nachdem Airbus einen neuen Rekordauftrag über 111 Flugzeuge vermeldete, ging der Boeing-Kurs am Dienstag um fünf Prozent in die Knie.

Condit wird bald kontern müssen - nicht nur mit Internet-Anwendungen im Flieger.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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