Porträt
Bushs Brückenbauer

Der neue US- Finanzminister John Snow ist Manager und Ökonom. Er gilt als diplomatisch, aber anders als Bush setzt er auf schwarze Zahlen im Haushalt.

Es war ein Coup, so richtig nach dem Geschmack von George W. Bush. Während der US-Präsident am Wochenende mit seinem Freund und Handelsminister Don Evans im Feriensitz Camp David durch den Wald spazierte, dinierte sein engster Berater Karl Rove mit dem kalifornischen Finanzier Gerald Parsky. Das Ablenkungsmanöver funktionierte - die Medien tippten auf Evans oder Parsky als neuen Finanzminister der USA. Nur wenige Stunden später ließ Bush die Katze aus dem Sack und ernannte den Unternehmer John W. Snow zum Chef der Finanzbehörde. Der Kongress muss ihn nun noch bestätigen.

Am meisten ist offenbar Snow selbst von seiner Berufung überrascht worden. Als er erstmals davon hörte, dass sein Name im Gespräch sei, sagte er: "Es wäre die größte Überraschung, wenn man mir den Job anbieten würde." Auch gestern wirkte der große, honorige Herr, dem man die lebenslange Beschäftigung mit Zahlen glaubt ansehen zu können, immer noch freudig überrascht über seinen Karrieresprung.

Tatsächlich galt der 63-Jährige nicht gerade als der heißeste Favorit für den wichtigsten Wirtschaftsposten in der US-Regierung. Bush wollte jedoch - trotz der Enttäuschung über den geschassten Paul O?Neill - wieder einen Mann aus der Wirtschaft; allerdings einen, der verkaufen kann. "John Snow ist der Advokat meiner wirtschaftspolitischen Agenda", sagte der Präsident gestern in Washington.

"Von der Papierform sieht Snow so aus wie O?Neill - nur dass er offenbar besser reden kann", sagt Adam Posen vom Institute for International Economics (IIE) in Washington. Tatsächlich kommt Snow wie O?Neill direkt aus dem Management eines Großunternehmens. Seit 1989 ist er Chef des privaten Eisenbahnkonzerns CSX und hat diesen erfolgreich durch mehrere Krisen geführt. Sein größter Deal war die teilweise Übernahme des Frachtanbieters Conrail 1997.

Wichtiger für seine künftige Aufgabe sind jedoch seine anderen Tugenden. So ist er Doktor der Ökonomie und hat daneben noch Recht studiert. Bevor Snow 1972 als Jurist ins Transportministerium ging, arbeitete er als Anwalt und Professor. Unter Präsident Gerald Ford brachte er es bis zum Staatssekretär und lernte den heutigen Vize-Präsidenten Dick Cheney kennen.

Anders als O?Neill ist der in Toledo/Ohio geborene Sohn eines Lehrers, selbst Vater dreier Söhne, ein politischer Brückenbauer. Snow sucht nicht wie sein Vorgänger die Konfrontation, sondern den Konsens. Sein diplomatisches Geschick hat er als Lobbyist in Washington gelernt, wo er Mitte der 90er-Jahre den Business Roundtable, die einflussreiche Vereinigung von 250 Managern der größten US-Unternehmen, vertrat. Aus der Zeit in Washington stammen auch seine Kontakte zu Notenbank-Chef Alan Greenspan und dessen Vorgänger Paul Volcker. "Er ist klug, ein Ökonom und ein guter Redner", sagt Alex Mandl, der in den 80er-Jahren bei CSX unter Snow gearbeitet hat.

Ganz ohne Ecken und Kanten ist Snow allerdings nicht. Die von ihm geforderten Reformen für die Unternehmensführung gingen zum Teil weit über das hinaus, was die Republikaner im Weißen Haus zugestehen wollen. So plädiert er dafür, die Kosten von Aktienoptionen in den Firmenbilanzen auszuweisen. Bush hat sich dagegen ausgesprochen.

Schwierigkeiten könnte der Präsident auch mit der strengen Haushaltsdisziplin Snows bekommen. Dieser hatte während der Clinton- Präsidentschaft vehement die Politik eines ausgeglichenen Haushalts unterstützt. Die Steuersenkungen des vergangenen Jahres haben das US-Budget jedoch wieder in die roten Zahlen gebracht.

Snows erste und wichtigste Aufgabe wird es sein, weitere Steuersenkungen zur Konjunkturstützung auf den Weg zu bringen. "Ich werde alles tun, um die wachstums- und beschäftigungsorientierte Politik des Präsidenten zum Erfolg zu bringen", sagte er gestern. Um diese Aufgabe mit seiner Haushaltsdisziplin zu vereinbaren, muss er schon eine ziemlich lange Brücke bauen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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