Porträt
Der altmodische Patriot

Ist es die Lust an der Provokation? Zynismus? Oder Verbitterung? Was treibt Donald Rumsfeld an, wenn er Deutschland auf eine Stufe mit Kuba und Libyen stellt? Annäherung an einen Mann, der nur noch ein Ziel kennt: Saddam Hussein zu stürzen.

Der Herr im grauen Anzug und mit der roten Krawatte holt tief Luft. Dann legt er seine Stirn in Falten, bis die Augen ganz klein werden. Gerade hat ihn ein Journalist gefragt, ob der Irak eine unmittelbare Bedrohung für die USA sei. "In welchem Moment gab es vor dem 11. September eine direkte Gefahr?" antwortet der Herr und macht eine Pause. "Eine Woche, einen Monat, ein Jahr, eine Stunde vorher? War die Bedrohung bereits akut, als noch die Möglichkeit bestand einzugreifen? Oder konnte die Gefahr erst erkannt werden, als die Katastrophe passiert war?"

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld liebt es, Fragen zu zerpflücken. Er ist ein Polit-Sokrates, dessen Antworten in logischen Kurven erfolgen. Am Schluss steht die zentrale Botschaft: Im Bermuda-Dreieck von "Schurkenstaaten", Massenvernichtungswaffen und Terrorismus gibt es für die USA nur eine Antwort - Entschlossenheit und militärische Stärke. Wenn Rumsfeld durch seine randlose Brille ins Publikum blinzelt, mit dem Habitus des Nachdenklichen und Zögerlichen kokettiert, sieht er nicht aus wie der Kriegsbaron im Pentagon. Er wirkt dann eher wie der oberste Psychotherapeut der Nation. So hat er den Amerikanern in seinen täglichen Fernseh-Briefings den Angriff auf Afghanistan erklärt. Seitdem ist "Rummy" so populär wie ein Talkshow-Star.

Aber die Attitüde des Gentleman täuscht. Der Verteidigungsminister führt das Pentagon mit straffer Hand. Die Umwandlung der US-Streitkräfte in kleinere, leichtere und schnellere Einheiten hat er zu seiner Mission gemacht. Die Kriege des 21. Jahrhunderts, der Kampf gegen weltweit operierende Terror-Netzwerke seien mit den Mitteln des 20. Jahrhunderts nicht zu gewinnen, lautet seine Devise. Altgediente Spitzen-Militärs lässt er deutlich spüren, wer der Boss ist. "Rumsfeld kann rüpelhaft sein, ist arrogant und hat ein riesiges Ego", klagt ein hochrangiges Mitglied der Armee. Selbst General Norman Schwarzkopf, US-Oberbefehlshaber während des Golfkrieges 1991, hält mit seiner Kritik nicht hinter dem Berg: "Rumsfeld zieht die operationale Planung völlig an sich und verprellt dadurch viele in den Streitkräften."

Das Tückische an Rumsfeld ist, dass seine verbalen Attacken nicht in Bulldozer-Manier daherkommen. Meist formuliert er sie eher beiläufig, macht dazu ein freundliches Gesicht - und verstärkt damit die rhetorische Sprengwirkung.

So war es auch vorgestern, als der Pentagon-Chef in einer Kongress-Anhörung von "drei oder vier Ländern" sprach, die sich im Irak-Konflikt völlig passiv verhielten. "Ich glaube, Libyen, Kuba und Deutschland sind solche, die angedeutet haben, dass sie in keiner Weise helfen werden - wenn ich richtig informiert bin."

Ein Satz wie der trockene rechte Haken eines Boxers, der seinen Gegner vorher mit einschläfernden Bewegungen eingelullt hat. Deutschland auf der US-Liste der Parias, als Mitglied in einer "Achse des Bösen" der Drückeberger? Das ist noch eine Steigerung der unterschwelligen Schmäh-Formel vom "alten Europa", mit der Rumsfeld kürzlich Deutschland und Frankreich gegenüber den neuen Amerika-Freunden in Osteuropa gebrandmarkt hatte.

Ist es die Lust an der Provokation, Verbitterung, Zynismus, die den 70-Jährigen antreibt? "Nichts von alledem", meint Marvin Kalb, ein Grandseigneur des amerikanischen Fernseh-Journalismus. "Rumsfeld ist eben ein altmodischer Patriot. Aus seiner Sicht handeln einige Europäer, als ob sich die Welt nur um sie drehen würde. Dabei hat der 11. September eine enorme Verantwortung auf die Schultern des US-Präsidenten geladen."

So wie der Verteidigungsminister denken viele im Weißen Haus: "Es herrscht tiefe Unzufriedenheit über den politischen Kurs Deutschlands, das jahrzehntelang ein verlässlicher Verbündeter war", sagt ein hochrangiger Regierungsbeamter. "Das Tischtuch zwischen Präsident George W. Bush und Bundeskanzler Gerhard Schröder ist zerschnitten." Der Pentagon-Chef spiegelt offenbar die Befindlichkeit in der Administration wider - nur schroffer und giftiger. Manche halten ihn sogar für den Minenhund des Präsidenten.

Zimperlich war Rumsfeld nie. Allerdings trat er früher forscher auf als heute. 1962, gerade mal 30 Jahre alt, wurde er als Abgeordneter in den US-Kongress gewählt. Mit einer Politik der Stärke gegenüber der Sowjetunion und der Streichung von staatlichen Programmen für Arme machte er bald von sich reden. Rumsfeld galt damals als einer der jungen Wilden bei den Republikanern. Mit seinen Parteifreunden Bob Dole, Gerald Ford und George H. W. Bush - dem Vater des jetzigen Präsidenten - gründete er gar einen politischen Debattierklub.

Der kantige Polit-Neuling fiel Präsident Richard Nixon auf, der ihn in den Regierungsapparat holte. Nach vier Jahren wurde er als Nato-Botschafter nach Brüssel geschickt. Präsident Gerald Ford machte den Washingtoner Aufsteiger 1974 zum Stabschef des Weißen Hauses. Damit seine Mitarbeiter gleich wussten, woher der Wind wehte, verteilte er ein kleines Merkheft mit dem Titel "Rumsfelds Regeln". Darin stand unter anderem: "Spielen Sie nicht den Präsidenten - Sie sind es nicht."

Rumsfeld hatte sich schnell den Ruf erworben, mit harten Bandagen zu arbeiten. Der ehemalige Außenminister Henry Kissinger, selbst ein großer Strippenzieher vor dem Herrn, sah sich eines Tages zu der Bemerkung genötigt: "Deine Frau hat kürzlich mein Büro ausgemessen, Don." 1975 wurde der damals 43-Jährige zum jüngsten Verteidigungsminister in der Geschichte der USA berufen.

Doch Rumsfeld hatte sich nicht mit Haut und Haaren der Politik verschrieben. Als Gerald Ford 1976 den Kampf ums Weiße Haus gegen Jimmy Carter verlor, wechselte er in die Wirtschaft. Als Unternehmens-Chef war er sowohl in der Pharmazie- als auch in der Elektrotechnik-Branche erfolgreich. Zweimal versuchte Rumsfeld ein Comeback in Washington: 1980 bewarb er sich um den Posten des Vizepräsidenten unter Ronald Reagan, 1988 um den Chefsessel im Weißen Haus - beide Male unterlag er gegen Bush senior.

Rumsfelds erstmalige Fixierung auf den irakischen Staatschef Saddam Hussein reicht einige Jahre zurück. Schon 1998 forderte er den damaligen Präsidenten Bill Clinton in einem offenen Brief auf, "uns vor der Plage Saddam und der Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen zu retten". Seit dem 11. September sei der Verteidigungsminister finster entschlossen, die "Plage" ein für alle Mal zu entschärfen, sagen Leute, die ihn kennen.

Rumsfeld ist davon überzeugt, dass der Irak-Konflikt nur mit einem Krieg gelöst werden kann. Dafür will er bei der Münchener Wehrkundetagung an diesem Wochenende erneut werben, heißt es im Pentagon. Ob er da beim Gespräch mit seinem deutschen Amtskollegen Peter Struck viel weiter kommen wird? "Ich werde ein bisschen klarer sehen, wenn ich wieder zurück bin", meint er vage. Nach viel Hoffnung klingt das nicht.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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