Porträt: Der Welterklärer

Porträt
Der Welterklärer

Nie war Peter Scholl-Latour erfolgreicher als in diesen Tagen vor dem drohenden Irak-Krieg. Die Leute vertrauen sich ihm an wie einer Fackel im Dunkeln. Viele Fachleute halten den 79-Jährigen dagegen für "gnadenlos populistisch". Ein Denkmalsbesichtigung.

Kalt pfeift der Ostwind durch die abendlichen Straßen von Potsdam. Während uns der Fahrer durch die menschenverlassene Innenstadt fährt, sehen wir überall noch die Hinterlassenschaften des Sozialismus: die erkaltete Modernität der Plattenbauten, die viel zu breiten Straßen. Hier fuhren sowjetische Panzer, hier marschierten ihre deutschen Jünger. Die Räder rumpeln über das Pflaster, als wir uns einem zweistöckigen prächtigen Gebäude nähern, mit verschnörkelter Fassade, aus der die hohen Fenster warmes Licht werfen. Es handelt sich um Barock, eine europäische Kunstform des 17. Jahrhunderts, geprägt von der katholischen Kirche und ihrer Gegenreformation.

Hunderte Menschen streben in dicke Mäntel gepackt durch den Toreingang. Auch sie sind Gläubige. Sie warten auf einen knapp mittelgroßen, alten Mann mit schmalen Lippen und einem bauchigen, langen Gesicht. Peter Scholl-Latour ist der berühmteste Sachbuch-Autor im Land. Vorher hat er mir, als wir gemeinsam auf der niedrigen Couch seiner großbürgerlichen Berliner Wohnung saßen, in seiner knappen Art gesagt: "Ich habe nie die Absicht gehabt, eine Botschaft zu überbringen. Ich bin ein Chronist."

Mit klaren Worten packt er seine Zuhörer beim Verstand und ihren Gefühlen. Später stehen seine Fans noch lange in der Schlange. Sie wollen ein Autogramm. Scholl-Latour signiert sein Buch "Kampf dem Terror - Kampf dem Islam?". Der Erfolg des Autors zeigt, wie sehr das historisch von der Kraft der Religion und der politischen Umhergeworfenheit geprägte Deutschland nach geistiger Führung verlangt.

Peter Scholl-Latour schreibt normalerweise nicht über Deutschland und auch nicht über sich selbst. Aber wenn, dann würde er es vielleicht so tun, wie aus Potsdam geschildert. Nie funktionierte der Scholl-Latoursche Dreiklang - Beschreibung der Atmosphäre, Darstellung intimer Kennerschaft, klare Analyse - besser als in diesen Tagen. Sein letztes Buch hat sich schon über 100 000-mal verkauft, Räume wie den Potsdamer Nikolaisaal mit Platz für 800 Leute füllt er mühelos. Das ZDF hat gerade einen Vierteiler von ihm gesendet, er hat aktuell aus Bagdad berichtet und schneidet an einer neuen Dokumentation seiner letzten Reise in den Irak.

Scholl-Latour lacht kokett, wenn er gefragt wird, womit er sich seinen Erfolg erkläre, und antwortet: "Das ist die große Frage."

"Er ist ein Solitär", schwärmt ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender. "Er ist der authentische Augenzeuge." Und Bernd Schmeichel, der mit seiner Frau um ein Autogramm in Potsdam ansteht ("Das darf man sich nicht entgehen lassen"), sagt: "Scholl-Latour weiß wenigstens, wovon er spricht. Die Politiker, die entscheiden, kennen die Situation vor Ort oft gar nicht."

Populär ist der Gaullist Scholl-Latour auch, weil seine Grundüberzeugungen derzeit so gut zur Stimmung in Deutschland passen. Niemand sagt so deutlich wie er, was er von der amerikanischen Außenpolitik im Allgemeinen und von der gegenüber dem Irak im Besonderen hält: "Idiotie", "Torheit" oder "Hirnrissigkeit" nennt er sie, spricht von der "deutsch-französischen Schicksalsgemeinschaft" und fordert Nuklearwaffen für Deutschland, um Europa zu stärken. Er selbst zitiert gerne den britischen Literaten George Bernard Shaw: "Nehmt euch in Acht vor alten Männern, sie haben nichts zu verlieren."

Der Mann ist 79 Jahre alt, hat zwei große Stadtwohnungen in Berlin und Paris und ein Haus im Hinterland von Nizza. Er sagt, er war in jedem Land der Welt außer in Grönland. Er war Regierungssprecher im Saarland, Chefredakteur und Herausgeber des "Stern", er ist der meistverkaufte Sachbuchautor Deutschlands, hat Preise en masse und eine Ehrenprofessur in Bochum erhalten. Er hat alles erreicht, was man als Journalist erreichen kann, doch die Frage, warum er immer noch weitermacht, versteht er gar nicht: "Ich halte es für eine große Gnade, für ein großes Geschenk, dass ich noch arbeiten kann." Auch wenn er schlecht hört, er erklärt unverdrossen die Welt.

Als Vorbild nennt er den arabischen Gelehrten und Reiseschriftsteller Ibn Battuta aus dem 14. Jahrhundert. Moderne Vetreter des Fachs wie den Osteuropaexperten Timothy Garton Ash, Bruce Chatwin ("Songlines") oder den Deutschen Christian Kracht ("1979") nimmt er nicht zur Kenntnis. Stattdessen erzählt er, dass er sich gerade wieder - ein neues Buch ist in Vorbereitung - in ein Standardwerk der chinesischen Geschichte vertiefe. Und beiläufig zeigt er auf eine große Kalligrafie, die an der Wand seiner Berliner Wohnung hängt. "Die hat mir der Bruder des letzten chinesischen Kaisers geschenkt."

Scholl-Latour ist, auch wenn er in zweiter Ehe lebt, ein Einzelgänger. Die meisten seiner Freunde sind tot, solche wie ihn gibt es ohnehin nicht mehr. Geboren in Bochum als Sohn eines aus dem Saarland stammenden Arztes und einer elsässischen Mutter, prägt ihn seine Schulzeit im Schweizer Jesuitenkolleg Fribourg. Wenn das Thema darauf kommt, singt er noch heute gerne ein französisches Lied, das Lied seiner alten Schule. "Das war der Ruf nach dem Inquisitor", erklärt er. "Ich bin im Geiste der Gegenreformation erzogen worden." Bis heute ist er gläubiger Katholik, bis heute sind Religionen für ihn der Schlüssel zur Erklärung einer gewaltsamen Welt.

1945 meldet er sich freiwillig bei den französischen Fallschirmjägern und kämpft zwei Jahre in Indochina. Später, nach einem Politikstudium in Mainz und Paris, nach Arabischstudien in Beirut, wird er populär als Reporter im Vietnamkrieg. Früh sagt er den Amerikanern die Niederlage voraus, dies begründet seinen Ruf als unbestechlicher Kenner der Materie - und davon gibt es viele.

Vor allem seit er in den 90er-Jahren den Islam immer wieder als kämpferisch beschreibt ("Das Schwert des Islam"), hat er sich Gegner geschaffen. "Er ist gnadenlos populistisch", sagt Udo Steinbach, Direktor des Orient-Instituts in Hamburg. Sicherlich wisse Scholl-Latour eine Menge, aber das werde auf eine Weise produziert, dass dieser Fundus untergraben werde. "Er legt die Wurzel für eine negative Wahrnehmung des Islam", glaubt Steinbach. "Das Negative verkauft sich immer."

Tatsächlich liebt Scholl-Latour Katastrophen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hielt er deren ehemalige zentralasiatische Besitzungen für das "Schlachtfeld der Zukunft". In Afghanistan prophezeite er den Amerikanern "ein zweites Vietnam". Heute, da die Lage bis auf Tschetschenien ruhig ist, verweist er unwirsch darauf, dass nur die Unterdrückung des Islam durch Autokraten wie den usbekischen Präsidenten Islam Karimov die Explosion bisher verhindert habe. Und in Afghanistan sei die Gefahr weiter groß. "Die deutschen Soldaten müssen da raus", fordert er und erzählt, dass ihn deren Lager an Dien Bien Phu erinnert habe. In diesem nordvietnamesischen Ort eroberten die Vietminh 1954 französische Stellungen. Tausende Franzosen wurden niedergemetzelt.

Niemand urteilt unbedingter als Scholl-Latour, ob in seinen Büchern oder in Talkshows, wo er Gegner schlicht mit der Bemerkung abserviert, schließlich kenne er die Situation vor Ort. Seine Sicherheit gewinne er durch historische Vergleiche und die persönliche Anschauung, sagt er. Den dräuenden Irak-Krieg der Amerikaner nennt er einen "Krieg um Öl", geführt, um die kommende Weltmacht China von den Ölreserven abzuschneiden. Das hält er für legitim, doch für falsch, weil die US-Aggression am Golf die Fundamentalisten stärken werde.

Kritik beirrt ihn nicht, wie eine Anekdote zeigt, die nebenbei auch den Mut des Kombattanten zeigt. Eines Tages, erzählt Udo Steinbach, habe er Scholl-Latour in Paris angerufen, um ihn für eine Tagung in Hamburg einzuladen. "Ich kann Ihnen den Flug nicht bezahlen und auch kein Honorar. Die Leute, die da sind, hassen Sie alle. Aber ich würde mich freuen, wenn Sie kämen", warb er um den Autor. Der reiste tatsächlich an und ging nach der unfreundlich verlaufenen Podiumsdiskussion sogar noch zum gemeinsamen Abendessen mit. Dort hagelte es weiter Kritik, bis Scholl-Latour eine andere Argumentationsebene fand: "Ihr könnt mich verreißen, wie Ihr wollt, ich bin trotzdem erfolgreich."

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